Content Notice Life

Diagnose Lipödem

„Sie haben in den Beinen ein Lipödem, Stadium 2.“ sagt er zu mir und ich spüre diese Mischung aus Erleichterung und Schock. Erleichterung, weil ich endlich Gewissheit habe. Schock, weil ich insgeheim gehofft habe, dass ich doch einfach nur fett bin. An den Beinen.
„Und an den Armen auch.“, sagt er und in meinen Ohren fängt es an zu piepen. Alles dreht sich. Mir schiessen Tränen in die Augen.

„Du hast ganz schön fette Oberschenkel gekriegt, finde dich damit ab oder iss weniger.“ sagt meine Mutter, während ich in der Umkleidekabine stehe und mich aus der viel zu engen Jeans quäle, in die ich mich eben noch versucht habe rein zu quetschen. Sie hat keine Zeit, ist total genervt und dass sie mit mir Shoppen geht – dazu musste ich sie überreden. Mir passen meine Klamotten, bzw. meine Hosen nicht mehr und ich brauche außerplanmäßig was neues. Es gab zwei Mal im Jahr einen neuen Satz Kleidung mit dem, was gebraucht wurde. Dass sie jetzt zwischendurch mit mir los musste, machte sie knatschig. Wenn meine Freundinnen von ihren Shoppingtrips mit ihren Mamas erzählten, wurde ich eher ganz still. Quatschen bei Limo und Eis, entspannt Klamotten anprobieren und über Mama-Tochter Dinge sprechen gabs bei uns nicht.
Meine Augen werden feucht. Die Hose, die sie mir reingereicht hat, ist viel zu klein und ich brauche mindestens 2 Größen größer. Aber dann ist sie zu lang. Kürzen lassen kostet Geld und fürs selbst kürzen hat sie keine Zeit.
Ich weiß genau, wenn ich jetzt heule, bricht sie sofort ab und wir fahren nach Hause. Die nächsten Tage muss ich dann zuhause den Kopf einziehen, sonst darf ich mir von meinem Vater noch was anhören, dass ich Mama wieder so stresse. Also schlucke ich alles runter und ziehe mich wieder an. „Du könntest mir auch das Geld geben und ich gehe mit Astrid nach Hosen gucken?“, murmle ich mit wenig Aussicht auf Zustimmung ihrerseits, als ich mit all den viel zu engen Hosen aus der Umkleidekabine komme und sie genervt auf ihre Uhr schaut.
„Ja, das wäre eine Möglichkeit. So machen wir das. Aber ich will den Kassenzettel sehen und das Restgeld wieder haben!“.
Für den nächsten Tag verabrede ich mich mit meiner besten Freundin zum Shoppen, habe 50 Mark von meiner Mutter in der Tasche und noch ein wenig Geld von meinem Sparbuch geholt. Ich habe da ein T-Shirt im Schaufenster gesehen, was ich unbedingt haben möchte. Meine Freundin ist wunderschön, groß und schlank. Sie findet sich zu schlank, fast schon dürr und beneidet mich um meine Kurven und darum, dass ich 12cm kleiner bin als sie.
Ihr sind alle Hosen zu kurz und fallen ihr von der Hüfte, mir hingegen sind alle Hosen zu lang und passen nicht über meinen dicken Hintern. Ich würde alles geben, um mit ihr zu tauschen.

„Obs die Pille ist?“, fragt sie neugierig. „Vielleicht kann ich deine von meinem Frauenarzt kriegen und dann kriege ich endlich mal Brüste!“. Ich weiß es nicht. Mein Gynäkologe meinte, ich müsste einfach weniger essen, mal ne Diät machen. Oder Sport machen. Ja, Sport.
Ich würde so gerne Feldhockey spielen, aber die Kohle ist nicht da, sagten meine Eltern. Ist zu teuer. Alle Sportarten, die ich mir aussuche sind zu teuer. Ich habe einen teuren Geschmack, sagen sie immer wieder.

Ich hab irgendwann einfach nix mehr gegessen. 2 Glas Milch am Tag getrunken. Oder mir ein paar Blätter Salat mit Wasser und Gewürzen angerichtet. Den knurrenden Magen mit Wasser gefüllt. Mich in einem Forum mit anderen Mädchen unterhalten, die sich auch zu fett fühlten. Oder denen gesagt wurde, sie seien fett. Wir haben Tipps ausgetauscht, Diäten ausprobiert.
Ich wusste irgendwann Dank Bücherei, Internet und Neugierde mehr über Diäten, Abnehmmethoden und die Fettverbrennung des Körpers bei jeglicher Art von Bewegung, als über den Schulstoff. Als der menschliche Körper in Biologie Thema war, konnte ich punkten. Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht. Kurz darauf war er mit einer anderen aus der Parallelklasse zusammen. Dass sie superdünn war, war sicherlich nur ein Zufall.
Ich machte Sport in meinem Zimmer. Heute nennt sich das auf YouTube „Bodyweight Training“. Also Sportübungen ohne Geräte und sonstige Accessoires. Nur mit dem Eigengewicht. Und eben dem, was so rumsteht. Und ich machte Diät.
Ich nahm ab. Viel sogar. Nur nicht an den Oberschenkeln. Und auch meine Arme, die ich wie eine Wilde trainiert hatte, blieben speckig.
Dass ich nix mehr aß, fiel gar nicht wirklich auf, denn ich war ziemlich geschickt im Vertuschen. Allerdings wurde ich noch blasser als sonst, bekam Schatten unter den Augen. Meine Mutter war felsenfest davon überzeugt, ich nehme Drogen und hielt mir jeden Abend einen Vortrag, dass Drogen nicht gut sind.
Ich recherchierte, mit welchen Drogen man abnehmen könnte… Meine Mutter schleppte mich wegen meines vermeintlichen Drogenproblems und den schlechten Schulnoten zu einer Gesprächstherapie der Kirche, bei der ich erkannte, dass ich dabei war, eine Essstörung zu entwickeln und nach einem Test herauskam, dass ich hochbegabt bin, mich in der Schule langweile und daher nicht lerne.
Weder mein Vater noch meine Mutter gingen weiter auf diese Erkenntnisse ein. Es war zu teuer.

Raus aus der Teeniezeit, rein ins Studentenleben. Ich habe irgendwann versucht, mich einfach mit mir anzufreunden. Muss ja noch eine Weile mit mir auskommen, warum also nicht Frieden schließen. In der Uni habe ich sofort die Mädchen erkannt, die eine Essstörung haben. Wer die Tricks kennt, erkennt sie auch.
Als Erwachsene findet man irgendwann seinen Stil oder orientiert sich an Vorbildern. Ich trage viel weite Kleidung, eher lange Ärmel, oft gehen meine Oberteile über den Po und auch sonst komme ich mit meinen Problemzonen mehr oder weniger zurecht.

Nach zwei Schwangerschaften ist mein Körper nicht mehr der, der er vorher mal war und mit dem heutigen Stand belächle ich mein Ich von vor 15/ 20 Jahren. Welche Diäten ich ausprobiert habe… oder auch Ernährungsumstellungen.
In retrospektive ist alles ein wenig klarer. Ich sehe das Mobbing, die verbale Entwertung und auch die falsche Selbstwahrnehmung. Mit vielem habe ich abgeschlossen, es hinter mich gelassen und bin weitergegangen.
Aber irgendwann kommt man auf die Idee, dass einiges doch vielleicht nicht stimmt. Dass manche Schmerzen vielleicht doch nicht normal sind. Und wenn nicht die Stimme im Kopf, sondern die Stimmen anderer immer lauter werden, sich häufen und Aufmerksam auf ein Thema machen, welches man für sich bisher noch gar nicht in Betracht gezogen hat, dann ist man dankbar. Dankbar für die vielen Frauen, die offen über ihre Diagnose Lipödem sprechen.

Mit meiner Diagnose haben sich ein paar Schubladen geöffnet, ein paar Erinnerungen kamen hoch, die ich eigentlich längst begraben hatte.

Ich hatte viel recherchiert, gegoogelt, gesucht, mich unterhalten und nachgefragt. Irgendwann stößt man auf jemanden, der fragt „Hast du dich mal auf Lipödem untersuchen lassen?“. Und oft ist das erst der Stein, der alles ins Rollen bringt.
Oder es gibt jemanden, wie zum Beispiel Kati, die ihre Geschichte und auch die Zeit nach der ersten OP aktuell als Videotagebuch veröffentlicht.
Oder die Webseite von Myra Snöflinga, die umfangreich über Lipödem, Therapien und alles drum herum informiert und zusätzlich noch eine Ärzteliste für ganz Deutschland führt.
Oder Lea loves Lifting auf Instagram, die auf ersten Blick vielleicht gar nicht betroffen erscheint, aber eine ebenso starke Geschichte hat.
Oder die vielen Hashtags auf Instagram, wie #Lipödemkämpferin oder #Lipödem .

Danach muss man sich dann überwinden, auch zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen… das habe ich jetzt fast 2 Jahre vor mir hergeschoben. Man will sich ja auch nicht beim Arzt blamieren und mit einer selbsterstellten Diagnose Dank Dr. Google im Untersuchungszimmer sitzen. Der Film im Kopf, wie sowohl Sprechstundenhilfe, als auch Arzt sich die Bäuche halten vor Lachen und einen ohne Diagnose nach Hause schicken, läuft ohne Werbepause. Aber ich versichere euch, er läuft nur in euren Köpfen. Wechselt das Programm. Es ist Quatsch.
Wenn ihr das Gefühl habt, mich euch stimmt was nicht, dann lasst euch untersuchen. Mit Verdacht auf Lipödem geht man am besten zu einem Phlebologen. Oder in eine Gefäßklinik. Oder ihr habt einen superguten Hausarzt, der/die euch jemanden empfehlen kann.
Der andere Grund, weswegen man nicht geht… oder weswegen ich nicht ging: Man will es einfach nicht wahr haben.
Kriegt man eine Diagnose, wird es echt. Es ist nicht mehr nur eine Vermutung. Es ist plötzlich echt.

ABER: wenn es echt ist, kann auch eine Lösung gefunden werden.
Und mit einer Diagnose kann auch endlich der Prozess starten, der oft vergessen wird: Das Heilen der Seele.
Wer über Jahre glaubt oder gesagt bekommt, dass er/sie einfach nur abnehmen müsse, aber daran immer wieder scheitert und an sich selbst zweifelt, sich zu blöd für eine Diät hält, der hat viele Narben im Herzen. Diese können nun langsam heilen.
Und das ist die Hauptsache.


You Might Also Like

14 Comments

  • Reply
    Regi
    19. September 2019 at 15:08

    Hi Anna, :) schön geschriebener Text. Ich musste bisschen schmunzeln als die Stelle mit der super dünnen besten Freundin kam. Ich würde mich selbst als schlank bezeichnen ( Habe selbst kein Lipödem) aber meine beste Freundin ist auch die super dünne hat mich irgendwie an früher erinnert. Ich arbeite beruflich in einer Apotheke und da ist Lip & Lympödem natürlich ein Thema… Aber es ist einfach viel zu unbekannt und es wird viel zu wenig darüber gesprochen! Ich persönlich finde das hier Hausärzte und auch Kinderärzte (Jugendarzt) ein besseres Augenmerk auf diese Erkrankung haben sollten (Weiterbehandlung beim Facharzt), es sind so viele Frauen davon betroffen die einfach nicht wissen was mit ihrem Körper los ist und oft fängt es eben schon in frühen Jahren an. Und dann folgt diese Vielzahl von unschönen emotionalen Momenten und Situationen im Leben. Es wird viel zu wenig darüber gesprochen, aufgeklärt etc.
    Deswegen – JA passt auf euch auf! Und JA es ist eine Erkrankung – f.. that sh… !!! Ihr seit alle stark genug um diesen Kampf aufzunehmen!!! #strongwomen
    Alles gute und viel Erfolg bei deiner Behandlung Anna :)
    Liebe Grüße
    Regi

  • Reply
    Anika
    19. September 2019 at 15:31

    Dieser Post macht mich einfach sprachlos. So ehrlich und traurig!
    Und vllt macht mich das auch so traurig weil ich such eine schlechte oder nicjt vorhandene Beziehung zu meiner Mutter habe. Aber trotz alle dem Danke für diesen Post!

  • Reply
    Fabienne
    19. September 2019 at 15:31

  • Reply
    Désirée Mieszaniec
    19. September 2019 at 16:02

    ❤️
    I feel you.

  • Reply
    Alex
    19. September 2019 at 16:49

    ja, genau. Haben jetzt plötzlich auch alle…neue Modekrankheit anscheinend, ich kann’s schon nicht mehr lesen. Jetzt also auch hier angekommen! Schade! Wieviel willst du noch an deinem Körper machen lassen, ehe du akzeptierst, dass ein 30-jährigem Körper halt nicht mehr wie ein 18-jähriger ausschaut? Ich find diese ganze Entwicklung sehr traurig…

    • Reply
      E
      11. Oktober 2019 at 12:56

      Herzlos und dumm bist du, Alex.

  • Reply
    Heike
    19. September 2019 at 17:57

    Fetti <3

  • Reply
    Caro
    19. September 2019 at 18:17

    ❤ *umärmel*

  • Reply
    Lia
    19. September 2019 at 18:35

    Wow… bin sprachlos und habe einen Kloß im Hals. Ich freue mich so sehr für dich, dass du einen so tollen Mann gefunden hast, der an deiner Seite ist und ihr eine Familie gegründet habt, die hinter und zu dir steht.
    Ganz ehrlich – jetzt kann ich verstehen, warum du keinen Kontakt (oder kaum noch) zu deinen Eltern hast. Nichts und niemand hat das Recht jemanden so zu verurteilen – auch Eltern nicht! Würde mich mal interessieren, ob sie, wenn sie diesen Text lesen, verstehen, was sie angerichtet haben…
    Ich selber habe ein Lymphödem im linken Arm. Ist nicht das gleiche, ich weiß, aber man schafft es, damit klar zu kommen. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für deinen weiteren Weg.
    Liebe Grüße aus Dresden
    Lia

  • Reply
    Sabi
    19. September 2019 at 18:46

    Danke für Deine Offenheit. Geht mir ans ♥️, ich habe Tränen in den Augen. Wie viele Frauen haben ähnliches erlebt und erlitten. Dialog verbindet und heilt. Wir möchten auch unsere Töchter stärken und vor diesen Verletzungen bewahren♥️. Ganz grosses Kompliment

  • Reply
    Simone
    19. September 2019 at 19:12

    Danke und nochmals danke für diesen Post. Ich schiebe mir genau den selben Film und drücke mich schon seit Monaten davor einen Termin zu machen…
    Du motiviert mich dazu diese Angst hinter mir zu lassen! ❤️

  • Reply
    Hannah
    19. September 2019 at 19:48

    Liebe Anna,
    danke, dass du diesen ehrlichen Beitrag mit uns geteilt hast. Ich bin selbst zwar nicht betroffen aber ich danke dir für all die Mädchen und (jungen) Frauen da draußen, denen du damit vielleicht ein bisschen helfen konntest. Darüber hinaus macht dich so eine ehrliche Geschichte sehr sympathisch und menschlich.
    Alles Liebe
    Hannah

  • Reply
    Charlotte
    19. September 2019 at 20:00

    Liebe, mutige Anna,
    danke dass du deine Geschichte teilst. Ich war seit der 5. Klasse nie zufrieden mit meinem Körper, war immer schon kurvig. Meine schlanke Schwester beneide ich bis heute. Ich bin jetzt in der 2. Schwangerschaft und seit der Geburt meines Kindes fühlt es sich so an, dass es eben nicht am Sport oder dem Essen liegt. Meine Physiotherapeutin hat mich darauf angesprochen, ob ich mich auf Lipödem habe testen lassen. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Bisher habe ich mich nicht getraut zum Arzt zu gehen, zu viel Angst habe ich davor dass mir wieder ein Herr Doktor sagt, dass ich ja kein Problem habe, sondern nur faul bin und zu viel esse. Aber du machst mir Mut und rufst mir ins Gedächtnis dass wir uns um unsere Gesundheit kümmern sollten und nicht wir die Doofen sind, sondern die Fachleute, die uns nicht Ernst nehmen.
    Danke für deine Geschichte!

  • Reply
    Christina
    19. September 2019 at 20:17

    Liebe Anna,
    Es tut mir so leid, dass du sowas erleben musstest. Da möchte ich dich direkt in den Arm nehmen.
    Alles Liebe und viel Glück für den Weg mit der Diagnose.

  • Leave a Reply

    Ich akzeptiere

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.