BABY GRLPWR

Mein Besuch im SOS-Kinderdorf

Soll ich dir mein Zimmer zeigen?“, fragt sie mich und ehe ich antworten kann, hat sie mich schon an den vier anderen Zimmern auf dem Flur im oberen Stockwerk entlang in ihr eigenes kleines Teeniereich geführt. Jede Menge Pferde, ein paar asiatische Popbands von denen ich noch nie im Leben was gehört habe und einige bekannte Schauspieler hängen als Poster an der Wand, eine kleine Sammlung Mangabücher stehen aufgereiht im Regal, daneben Fotoalben und Spielzeug aller Art. 

Meine Gedanken sind ein Mix aus Momgedanken, Beobachtungen einer Pädagogin und auch einigen journalistischer Natur. Hier gibt es jede Menge Ansätze, ein Gespräch zu führen, es zu lenken und zu leiten, aber das brauche ich gar nicht. Sie ist 13, war mir auf den ersten Blick sympathisch, ein wunderhübsches Mädchen und redet wie ein Wasserfall. Ich habe sie sofort ins Herz geschlossen und sie zieht unter durchgehenden Erzählungen ein Objekt nach dem anderen aus den Regalen und erzählt mir unaufgefordert alles, was sie scheinbar loswerden wollte. Ich höre aufmerksam zu, lasse sie erzählen. Irgendwann unterhalten wir uns über Star Wars, bei den Clone Wars und den Lego Filmen bin ich allerdings raus, höre ihr aber wieder aufmerksam zu, als sie mir in einer Kurzfassung anhand der Legofiguren und des Starfighters in ihrer Hand die Story grob erklärt. Als sie unvermitelt ein Fotoalbum aus dem Regal zieht, kommt sie ein wenig zu Ruhe, flippt durch die Seiten der bunten Bilder und ich verheddere mich kurz in Gedanken – die Kids haben Fotoalben, das ist ja beinahe so selten geworden, wie Hörspielkassetten und die dazugehörigen Abspielgeräte – es reißt mich jedoch schnell aus den Gedanken, als sie bei einem Gruppenfoto stehen bleibt, auf ihren Vater zeigt und nebenbei erwähnt, dass er viel getrunken hat und gerne mal sie und ihre Geschwister schlug. *recordscratch*

Da war er wieder. Der Moment, der mir den ganzen Tag schon immer wieder Stiche ins Herz versetzte und deutlich machte, dass die Arbeit im SOS-Kinderdorf nicht nur wichtig, sondern lebensnotwendig ist. 

Es gibt Artikel, die brauchen eine Zeit. Eine Zeit, um den nötigen Abstand zu gewinnen, um sie vielleicht von Unmengen unsortierter Emotionen zu schützen und auch um einfach Gedanken zu sortieren und den Leser nicht mit einer Gedanken- und Emotionswucht zu erschlagen. 

Dieser Artikel ist so einer. 

Vor etwas über einer Woche war ich im SOS-Kinderdorf Harksheide in der Nähe von Hamburg und habe dort einen ganzen Tag hospitieren dürfen.
Es war das erste Mal seit meinem Abschluss als Erzieherin vor einigen Jahren und dem Mutterwerden vor zwei Jahren, dass ich mich erneut mit der beruflichen Pädagogik beschäftigt habe und machte mir im Vorfeld schon so einige Gedanken über meinen Hospitationsbesuch im SOS-Kinderdorf.
Ich nahm bewusst eine mehr oder weniger distanzierte Beobachterrolle ein, um nicht zu sehr in meine alte Rolle als Erzieherin zu rutschen und um den nötigen emotionalen Abstand zu gewinnen, nicht zu sehr mittendrin zu sein, um den Gesamtüberblick nicht zu verlieren. Meine Aufgabe für den Tag war nicht die einer Erzieherin oder einer Mom, sondern ich wollte beobachten, wenig ins Geschehen eingreifen, den Alltag beobachten und anschließend darüber berichten.
Für enge Freunde, mit denen ich nach dem Besuch im Kinderdorf sprach, war dies eine völlig neue Seite an mir, denn oft bin ich diejenige, die mitten im Geschehen ist, die eingreift, die handelt, die sofort den Kontakt zu Kindern sucht und binnen weniger Sekunden mehrere Kids um sich schart und mit ihnen gebonded hat, während andere noch dabei waren, sich vorzustellen. Während der Erzieherausbildung war dieses „Talent“ mein großer Vorteil und hat mir so manches Mal die Arbeit erleichtert.
Wer aber weiß, wie er schnell und eindeutig Offenheit und Vertrauen vermitteln kann, weiss auch, sich zu distanzieren. 

Klingt kompliziert, vielleicht auch gemein, bedeutete aber einfach für mich an dem Tag, dass ich mich nicht zu sehr ins Geschehen einmischen wollte, um den alltäglichen Trubel in den unterschiedlichen Kinderdorffamilien weder zu stören, noch zu sehr zu beeinflussen und ein mehr oder weniger unverfälschtes Bild zu bekommen. 


Wer oder was ist das SOS-Kinderdorf? 

Von einem SOS-Kinderdorf hat die eine oder andere von euch sicherlich schon aus dem Fernsehen gehört, allerdings nicht von einem Dorf aus der unmittelbaren Nähe, sondern eher weiter weg.

Alles begann mit einer Idee: Ein Kind braucht eine Mutter, Geschwister, ein Haus und ein Dorf. Um im Stich gelassenen Kindern ein Zuhause zu geben, gründete Hermann Gmeiner 1949 das erste SOS-Kinderdorf im österreichischen Imst. 1956 folgte mit dem SOS-Kinderdorf Ammersee die erste deutsche Einrichtung dieser Art. Heute ist SOS-Kinderdorf weltweit in 134 Ländern und Territorien mit über 2.400 Einrichtungen vertreten. Träger der SOS-Kinderdorf-Arbeit sind jeweils die SOS-Kinderdorf-Vereine in den verschiedenen Ländern. In Deutschland betreuen, beraten und fördern insgesamt über 3.600 Mitarbeiter in 40 Einrichtungen mehr als 95.000 Menschen. Darüber hinaus unterstützt der deutsche SOS-Kinderdorfverein 123 SOS-Einrichtungen in 37 Ländern weltweit.
Das SOS Kinderdorf in Harksheide ist das 6. deutsche Kinderdorf und wurde 1963 eröffnet. Den Kern der SOS-Arbeit bilden die SOS-Kinderdörfer. Dort wachsen Kinder, deren leibliche Eltern sich aus verschiedenen Gründen nicht um sie kümmern können, in einem familiären Umfeld auf. Sie erfahren Schutz und Geborgenheit und erhalten das Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben. In Deutschland betreut eine SOS-Kinderdorfmutter gemeinsam mit Erzieherinnen und Erziehern in der Regel vier bis sechs Kinder. In 16 SOS-Kinderdörfern deutschlandweit leben rund 600 Kinder. Der SOS-Kinderdorf e.V. finanziert seine Aufgaben aus Spenden und öffentlichen Mitteln sowie sonstigen Erträgen.


Es ist schon verrückt, ich bin innerhalb eines halben Jahres fünffache Mutter geworden.“, erzählt mir eine der Mütter schmunzelnd beim Kaffee. Sie ist unglaublich sympathisch, nur wenige Jahre älter als ich, hat ein wenig zersauselte Haare, trägt eine Yogahose und ein weites Shirt. Sie erinnert mich an mich, wenn ich im Homeoffice arbeite und so viel zu tun habe, dass ich nicht einmal dazu komme, mir die Haare anständig zu kämmen. Sie hat das gewisse Etwas an sich, dieses Mom-Mojo; ich möchte mich an ihre Schulter anlehnen, die Augen schließen und selber wieder kurz Kind sein. Es ist faszinierend. Sie ist faszinierend.


Wir lümmeln uns nach dem gemeinsamen Mittagessen mit Kaffee auf die riesige Couch, hin und wieder kommt eines ihrer Kinder, setzt sich zu uns, holt sich eine Runde Kuscheln ab, wird dann aber wieder zum Hausaufgabenmachen geschickt. Normaler Familienalltag eben. Sie ist gelernte Erzieherin, war aber schnell vom ständig wiederholenden Prozedere im Kindergarten genervt und seilte sich als Au Pair ins Ausland ab, reiste lange mit dem Rucksack um die Welt und irgendwann wollte sie ein wenig sesshafter werden, etwas „vernünftiges“ mit ihrer Ausbildung machen. Wären wir in einer anderen Situation, vielleicht eher am Abend in einer Bar bei einem Gläschen Weinschorle, ich würde sie vollends über ihre Reisen ausquetschen wollen. 

Anfangs hatte sie Schwierigkeiten, dass „ihre Kinder“ sie Mama nennen wollten. Sie sei ja nicht ihre Mama, denn die Kids haben ja eine „echte Mama“. Zwei Jahre hatte sie gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, nun dürfen die Kids sie Mama nennen und sie würde es heute nicht anders haben wollen. Weihnachten nimmt sie ihre mittlerweile 6 Kids mit zu ihren Eltern, ein normales Weihnachten eben. 

Schnell kommt mir die Frage nach der privaten Zukunft einer Kinderdorfmutter. Wie ist das mit dem Daten? Dürfen Kinderdorfmütter heiraten? Selbst Kinder kriegen?  „Natürlich„, sagt Manfred Thurau, Diplom-Sozialpädagoge und der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit des SOS-Kinderdorfs Harksheide. „Die Kinderdorfmutter ist der emotionale und organisatorische Mittelpunkt der Familie; sie ist das Oberhaupt ihrer Familie. Die Kinder hier im SOS-Kinderdorf kommen als sogenannte Sozialwaisen zu uns, das heißt sie haben ihre Familie, ihre Chance auf Geborgenheit erst einmal verloren. Das wird dann hier bei uns aufgearbeitet, die Kinderdorfmutter soll den Kindern darum vor allem Stabilität geben. Die Kinder bleiben im Durchschnitt etwa 15 Jahre bei uns und die sollte eine Kinderdorfmutter auch bei uns im Dorf, in ihrem Haus mit ihren Kindern bleiben. Wenn sie zwischendurch heiraten und selbst ein Kind kriegen möchte, kann sie das selbstverständlich. Auch der Mann darf gerne hier einziehen, allerdings erwarten wir, dass er sich am Familienleben beteiligt und ebenfalls für die Kinder da ist. Denn Beziehungsabbrüche darf es für die Kinder bei uns nicht geben.„.
Die Kinder im Kinderdorf sind aus den teils unterschiedlichsten Gründen dort, aber eines haben sie gemeinsam: sie sind Sozialwaisen.

Eine Sozialwaise ist ein Kind, um das sich weder Eltern noch Verwandte kümmern. Soziale Verwaistheit ist ein Zustand, der durch Nichtwahrnehmung elterlicher Pflichten gegenüber dem minderjährigen Kind verursacht wird. Sozialwaisen verlieren infolge diverser sozialer, wirtschaftlicher, moralischer und psychischer Ursachen ihre Eltern und werden zu Waisen bei leiblichen Eltern, die noch am Leben sind. (Quelle:WIKIPEDIA)

Die Kids im SOS-Kinderdorf sind Kämpfer. Sie haben enorme Überlebensinstinkte, haben viel erlebt und halten noch einiges aus. Sollten sie aber nicht müssen. Chancen werden ergriffen, sobald sie sich bieten und dazu gehört auch alles, was Strukturen bietet. Denn: Strukturen bieten Sicherheit! Wer aus einer Familie kommt, in denen nichts sicher ist; weder die regelmäßige Versorgung mit Nahrung, Sicherstellung der Hygiene oder gar Fürsorge und Liebe, der saugt alles auf, was ein Stück weit Struktur und Sicherheit bietet. Dass sich die Kinder endlich einmal verlassen können auf das, was ein Erwachsener sagt, was er verspricht oder auch ankündigt, ist wichtig. Kinder sollten nicht in so jungen Jahren für ihr eigenes (soziales und auch emotionales) Überleben kämpfen müssen. Ein Kind sollte nicht am eigenen Leib erfahren müssen, was Liebesentzug, Nahrungsentzug ist und was es bedeutet, wenn die Eltern von jetzt auf gleich spurlos verschwinden.

Manfred Thurau ist bereits seit 20 Jahren im SOS-Kinderdorf, hat viele Kinder kommen, aufblühen und weiterziehen sehen. Er vervollständigt mein Bild der Betreuer, Erzieher und Kinderdorfmütter: Jeder Erwachsene, der dort arbeitet, ist handverlesen, überaus sympathisch und strahlt eine Ruhe, Liebe und Zuneigung aus, die man binnen weniger Sekunden spürt und einen emotional berührt und ein Gefühl von „zuhause“ vermittelt.

Zuhause ist auch das, was ein jedes Haus für die Kinder im Kinderdorf geworden ist. Zuhause hat sich für die Kids neu definiert, denn Zuhause bedeutet nicht mehr nur ein Ort, an dem man sein Bett und Spielzeug hat, sondern Zuhause ist der Ort, an dem sie ankommen dürfen; emotional, physisch und psychisch. Der Ort, an dem sie ihre Schutzschilde ablegen können, Kind sein dürfen und erfahren können, was Familie eigentlich wirklich ist und können sich als Kind entwickeln.

Neben jeder Kinderdorfmutter sind immer bis zu zwei Erzieher (Praktikanten kommen on top) zu jeder Zeit mit im Haus (bedeutet bei einem vollen Haus mit 6 Kids ein Betreungsschlüssel von 1:2), die im Schichtdienst arbeiten, während die Mutter 6 Tage für 24 Stunden für die Kinder da ist. 6 Wochen Urlaub im Jahr und der wöchentliche freie Tag unterscheiden die Arbeit der Kinderdorfmutter doch nur laut Arbeitsvertrag von der Arbeit einer „echten Mutter“.
Natürlich ist etwas anderes, es sind ja nicht die leiblichen Kinder, aber jede Mutter hier nimmt sie als die eigenen an und hat sie auch genauso lieb.„, erzählt mir eine andere Kinderdorfmutter bei meiner zweiten Kaffeerunde. Sie ist um die 50 und eine wunderschöne Frau, weiß sich zu kleiden und direkt stelle ich fest, dass sie ihr Haus anders eingerichtet hat, als die anderen Mütter: Es wirkt moderner, sehr stilvoll und modischer, als die anderen Häuser. „Alles Schnäppchen.„, flüstert sie mir zu. „Man muss nur wissen, wo man suchen muss, dann findet man die größten Schätze in der hintersten Ecke jedes Möbelgeschäftes.„. Sie fasziniert mich. Ein kurzer Faktencheck stellt klar: Die Frau ist vom Fach; hat jahrelang in der Bekleidungsindustrie gearbeitet, einen Sohn erfolgreich großgezogen, welcher nun studiert und kam irgendwann an einen Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich dachte, dass das jetzt nicht alles gewesen sein sollte… „Der Klassiker eben.„, sagt sie und spricht aus, was ich dachte; wir schmunzeln beide. Ich bewundere sie – für ihre Entscheidung, für ihr Handeln und für ihre Arbeit, die sie leistet.
Der Auswahlprozess um Kinderdorfmutter zu werden ist ein langwieriger – für beide Seiten. Sowohl die Frauen, als auch der von Spenden getragene Verein möchten sich sicher sein, dass das Commitment da ist. Nach einem aufwändigen Bewerbungsprozess hospitiert die angehende Kinderdorfmutter ein Jahr im SOS-Kinderdorf in einer Familie und muss danach die dreijährige Erzieherausbildung absolvieren, sofern diese noch nicht vorhanden ist. Die Kosten übernimmt das SOS-Kinderdorf vollständig, die Praktika werden natürlich hauptsächlich in der eigenen Einrichtung absolviert. Anschließend bekommen beide Seiten erneut die Chance zu überlegen, „ob es passt“. Das Kinderdorf investiert in seine Mütter und wählt sie behutsam aus. Wer nur „gerne was mit Kindern macht“, ist allerdings an der falschen Adresse. „Wir versuchen hier Wasser in der Wüste zu finden!“, sagt Herr Thurau mit einem Schmunzeln. „Wer sich bei uns meldet, weil er gerne mit Kindern arbeitet, wird innerhalb kürzester Zeit regelrecht ausgesaugt. Die Kinder hier sind emotional „ausgehungert“, daher brauchen wir Mitarbeiter, die sich in belastenden Situationen gut zurechtfinden können.„. Thurau zitiert den Maler Horst Janssen und beschreibt somit perfekt, was das SOS Kinderdorf in einer Kinderdorfmutter sucht:“Ich male nicht, weil ich es will, sondern weil ich muss. Es ist in mir.

Während meiner Kaffeerunde in der zweiten Familie darf ich erneut normalen Familienalltag beobachten. Aktuell sind in diesem Haus zwei Kinder, demnächst werden wohl noch zwei weitere einziehen. Dies passiert aber nach und nach – eine Kinderdorfmutter startet niemals direkt mit einem vollen Haus. Ich darf an dem Nachmittag die Erziehungsphilosphie des Kinderdorfs beobachten: „Nicht streng, aber konsequent“. Wiederholt hatte sich ein Kind nicht an Absprachen gehalten, saß eine Strafe ab und hat deutlich gemacht, dass es begriffen hat worum es ging und durfte anschließend mit den anderen Kids zum Spielen raus.

Es ist wichtig, dass die Kinder wieder Erwachsenen vertrauen können und lernen, dass Versprechen nicht leer sind. Sie wurden zu oft enttäuscht und wir müssen uns jeden einzelnen Fall, jede einzelne Geschichte und jedes einzelne Kind individuell anschauen und auf seine Bedürfnisse eingehen. Manchmal kommt man an seine Grenzen, aber das ist normal. Wichtig ist nur, dass wir nicht aufgeben und immer wieder neu motiviert an die Sache herangehen und den Kindern immer und immer wieder mit offenen Armen begegnen. Sie standen zu oft vor verschlossenen Türen… das darf hier nicht passieren.„.

Durchschnittlich sind die Kinder etwa 6 Jahre alt, wenn sie ins SOS -Kinderdorf kommen. Es gab aber auch schon viele jüngere Kinder. Ein Säugling einer dem Jugendamt und Kinderdorf bekannten Mutter wurde vor Kurzem aufgenommen, die anderen Geschwister sind schon viel länger im Dorf. Ihre Zukunft ist ungewiss, aber die Erfahrung und das Heranwachsen vieler, vieler Kinder vor ihnen hat gezeigt, dass die Arbeit der Kinderdorfmütter und die des SOS-Kinderdorfes richtig ist. Berechenbarer und gelingbarer Alltag wird vorgelebt, schulische Ausbildung und eine Berufsausbildung sind die Vorraussetzungen dafür und diese Werte werden den Kindern mitgegeben und so gut es geht ermöglicht. Studium? Natürlich, wenn es das Kind möchte und will. Geführte Freizeitaktivitäten, Therapien und auch Gruppenaktivitäten helfen den Kids ihre Erlebnisse zu verarbeiten und verpasste Entwicklungsstufen aufzuholen und vielleicht nachzuholen. Die Narben auf ihren Seelen werden bleiben, aber sie werden verblassen.
Was es heißt, in einer Kinderdorffamilie aufzuwachsen wird deutlich, als ich zum Abendbrot in der dritten Familie zu Gast bin und die Fotowand aller Kinder betrachte, die in diesem Haus großgeworden sind. Die dritte Kinderdorfmutter ist bereits in ihrer zweite Runde und hat viele Kinder in ihrem Haus gehabt, die mittlerweile erwachsen und selbst Eltern geworden sind. Regelmäßig wird mit ihnen telefoniert oder sie kommen zu Besuch. So, wie das eben in Familien ist.

Als ich abends nach Hause komme, brummt mir der Kopf. So viele Eindrücke, zu viele Emotionen, noch mehr Geschichten.
Ein Kind wird niemals wegen Banalitäten vom Jugendamt aus seiner Familie geholt. Und oft sind Familien lange Zeit dem Jugendamt bekannt, aber genau wie die Kinder sind auch die Eltern meisterhaft im Vertuschen von Tatsachen und es fällt schwer, eben jenen Tatsachen auf den Grund zu gehen. Die Liebe und Zuneigung, die ein Kind für seine Eltern hat, ist schier unendlich. Natürlich weiß und spürt es, dass es ihm bei seinen leiblichen Eltern nicht gut geht, aber diese kleinen Überlebenskünstler haben gelernt, wann es vielleicht Zeitfenster gibt, um sich eine Umarmung oder anderweitig emotionale Zuneigung zu holen. Durch mein damaliges Praktikum in einer Mädchenschutzstelle und Bekannten, die mit und für das Jugendamt arbeiten, weiss ich, wie schwer ihre Arbeit ist und welch lange Prozesse es teilweise gibt, um einschreiten zu können.
Die Ambivalenz der Gefühle der Kinder wird deutlich, als ich die 13 jährige, während sie mit mir durch ihr Fotoalbum blättert ganz unverblümt frage, ob sie denn lieber hier im Kinderdorf ist oder lieber bei ihren leiblichen Eltern wäre. Das erste Mal gerät sie ins straucheln, überlegt und kann sich nicht eindeutig entscheiden:“Ich vermisse meine Mama und meinen Papa, klar. Aber ich habe ja hier meine Mama. Manchmal wäre ich gerne wieder zuhause, aber ich bin ja hier zuhause.

Das Erste was ich tat, als ich zuhause die Tür aufschloss, nachdem ich meine Tasche und Jacke ablegte, war meine Tochter zu umarmen, die mir schon im Wohnungsflur freudenstrahlend entgegengelaufen kam. Dass sie schon längst hätte im Bett sein sollen und mein gespielt strafender Blick in Richtung Jakob nur mit einem grinsenden Schulterzucken und „Sie wollte von Mama ins Bett gebracht werden!“ quittiert wurde, störte mich absolut nicht. Im Gegenteil.

Als ich die Kleine kurz darauf mit einer überlangen Kuschelrunde ins Bett brachte, liefen mir ein paar Tränen über das Gesicht. Die Emotionen des Tages kochten endlich über und fanden ein Ventil.
„Ich bin immer für dich da, mein Schatz. Vergiss das niemals. Ich werde es auch nicht.“

An dem Abend wusch ich mir nicht nur mein Makeup vom Gesicht, sondern auch ein paar Tränen und meine Beobachterrolle und gab den Weg für meine Emotionen frei…


Der SOS-Kinderdorf e.V. ist ein privates, politisch und konfessionell unabhängiges Sozialwerk. Im weltweit tätigen Dachverband SOS-Kinderdorf International ist der SOS-Kinderdorf e.V. einer der großen Fördervereine, die das SOS-Engagement finanziell unterstützen und aktiv mitgestalten. Der Verein ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV).SOS-Kinderdorf e.V. – das sind aber vor allem Menschen, die hinter dieser Organisation stehen. Ehrenamtlich und hauptberuflich. Sie alle verbindet seit mehr als fünf Jahrzehnten ein Motto: Hoffnung und Zukunft geben. Diese menschlichen Ideale und das große persönliche Engagement jedes Einzelnen sind eingebunden in einen stabilen und gleichzeitig flexiblen unternehmerischen Rahmen. Das zukunftsweisende Leitbild, transparente Strukturen, ein modernes Management und eine klar definierte Satzung stellen die Zukunft des SOS-Kinderdorf e.V. auf eine sichere Basis.

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18 Comments

  • Steffi
    Reply
    Steffi
    10. Dezember 2016 at 16:01

    Ein bereichernder Einblick in das SOS-Kinderdorf – besonders für mich als Erzieherin. Ein Besuch dort würde mich auch interessieren.
    Der Satz: „Denn Beziehungsabbrüche darf es für die Kinder bei uns nicht geben.“ macht mich irgendwie stutzig.
    NATÜRLICH klingt das in einem SOS-Kinderdorf logisch, aber ist es über so viele Jahre hinweg auch realistisch?!
    Ich habe großen Respekt vor einer Kinderdorf-Mutter.
    Wer nur „gerne was mit Kindern macht“, ist manchmal bereits im Kindergarten oder „Notnagel-Praktikum“ schon falsch.
    Die Gedanken eines ehemaligen Kinderdorf-Kindes würde ich noch interessant finden.
    Ich danke Dir für diesen Beitrag, Anna.
    Liebe Grüße.
    Steffi

  • Reply
    Michelle
    10. Dezember 2016 at 16:22

    Oh Anna.
    So ein schöner Bericht. So ein wichtiger Bericht – gerade in der Adventszeit ein reminder für uns alle, dass es so wichtig ist, auch etwas zu geben; und damit meine ich nicht unbedingt immer finanzieller Natur.
    Ich kann nur zu gut nachvollziehen, wie nah dir dieser Tag gegangen sein muss. Ich habe vor der Geburt meiner Tochter beim Jugendamt gearbeitet und einige Kinder aus ihren Familien nehmen müssen. Ich habe unzählige grausame Geschichten mitbekommen und abends die ein oder andere Träne für die Betroffenen geweint. Deshalb weiß ich wie wichtig es ist, dass es gute Einrichtungen für Kinder gibt, die diese auffangen.
    Seit ich selber Mutter bin, kann ich mir diese Arbeit aber nicht mehr vorstellen. Die eigenen Schutzmechanismen sind doch irgendwie nicht mehr so wirksam. Zu nah geht mir das ganze irgendwie.

    Danke an dich und hab ein schönes Wochenende mit deinen Lieben.

  • Reply
    Anna
    10. Dezember 2016 at 17:34

    Als du von deiner Heimkehr und dem zu Bett bringen von Emma schreibst, hatte ich auch einen Kloß im Hals. Du hast deinen Besuch im Kinderdorf wirklich anschaulich beschrieben, sodass ich das Gefühl hatte, selbst vor Ort gewesen zu sein. Ich habe seit ein paar Monaten auch den beruflichen Weg in Richtung Erzieherin eingeschlagen (wusste übrig gar nicht, dass das deine Ausbildung ist – sehr spannend!) und würde auch gern mal so ein Sos Kinderdorf besuchen. Danke für diesen sehr informativen und emotionalen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Anna

  • Reply
    Sarah
    10. Dezember 2016 at 20:14

    Sehr berührender und toller Artikel! Vielen Dank dafür!

  • Reply
    Sylvia
    11. Dezember 2016 at 1:20

    Wow so ein wunderschöner und emotionaler Beitrag! Ich hab mir alles bis zum Ende durchgelesen und habe größten Respekt für die Mitarbeiter dort.

    Liebe Grüße
    Sylvia

  • Reply
    Malika
    11. Dezember 2016 at 19:04

    Als ich deinen Beitrag gerade gelesen habe, hatte ich tatsächlich einen Kloß im Hals. Deine EIndrücke sind so beührend und real – ich kann sehr gut nachvollziehen, wieso du in der Beobachterrolle bleiben wolltest.
    Danke für deine Eindrücke! Ich habe größten Restpekt vor den Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer und finde es unheimlich toll, dass es diese Initiative gibt!

    Liebe Grüße,
    Malika

  • Reply
    Lia
    12. Dezember 2016 at 10:44

    Ich finde die Art und Weise wie du darüber berichtest sehr berührend.
    Als Sozialpädagogin, weiß ich auch wovon du redest und wie Abläufe sind.
    Persönlich interessiere ich mich auch für die Arbeit mit Pflegekindern.

    Liebe Grüße

    Lia

  • Reply
    Lila
    12. Dezember 2016 at 13:08

    Ich hatte das noch nie, das ich nach dem Lesen eines Blogartikels Tränen in den Augen hatte. Danke für diesen berührenden Artikel.

  • Reply
    Dany
    13. Dezember 2016 at 14:58

    Wow…dein Artikel hat mich sprachlos und mit einer Gänsehaut zurückgelassen. Jetzt ist eine halbe Stunde vergangen und ich muss ihn einfach kurz kommentieren, weil ich ihn soooo (!!!) gelungen finde. Ich finde du bringst deine Erfahrungen und Empfindungen in einer sehr gelungenen Mischung zum Ausdruck und beschreibst alles sehr einfühlsam, aber eben doch mit einer gewissen emotionalen Distanz… halt genau die richtige Mischung. Danke dafür. Überhaupt finde ich es toll, dass man – gerade auch an solchen Artikeln – aber eben auch insgesamt merkt, wie du in den letzten Jahren immer weiter „wächst“. Sowohl von der Art wie du schreibst, aber auch besonders die Themen, die du aufgreifst und die du mit uns teilst. Ein großes <3 dafür! Liebste Grüße Dany

    • Reply
      Anna Frost
      13. Dezember 2016 at 15:36

      lieben dank für deinen kommentar <3 das bedeutet mir gerade sehr viel!

  • Reply
    Gritt Jäger
    13. Dezember 2016 at 20:03

    Hallo, liebe Anna! Ich habe eben Deinen Artikel gelesen und ich muß feststellen“ So eine tolle Anerkennung für meinen ehemaligen Beruf habe ich noch nie bekommen. Vielen, vielen dank! Ich habe selbst bis zum August diesen Jahres als Kinderdorfmutter gearbeitet. 20 Jahre habe ich sehr gern mein Leben mit den Kindern meiner Kinderdorffamilie geteilt. Es war eine schwere aber auch sehr schöne Zeit. Bis zum heutigen Tag habe ich mit allen Kindern Kontakt. Zwei Mädchen aus meiner Kinderdorffamilie betreue ich auch jetzt noch privat. Wir haben eine Beziehung aufgenbaut und die soll erhalten bleiben. Es ist wie in einer normalen Familie…….die KInder dürfen immer „Nach Hause“ kommen. Liebe Grüße und vielen Dank liebe Anna! Gritt

  • Reply
    Katharina
    14. Dezember 2016 at 1:41

    So wichtig dieser Artikel auch sein mag um auf die Arbeit der SOS Kinderdörfer und besonders der Mütter aufmerksam zu machen, finde ich die fehlende Kritik an der Arbeit des Jugendamts bedenklich.
    Sehr vieles könnte verhindert werden, wenn das Jugendamt mal genauer hinsehen würde oder früher eingreifen. Mir ist bewusst, dass die Entscheidung ein Kind aus seiner Ursprungsfamilie zu holen nicht leichtfertig gefällt werden sollte, es aber darauf ankommen zu lassen und das Wohl des Kindes dadurch zu gefährden ist nicht ok.
    Die Schauergeschichten die man privat und auch in den Medien hört sind leider keine Einzelfälle und in vielen Fällen hat das Jugendamt schlicht und einfach versagt.

    Dies in so einem Bericht zu erwähnen anstatt es unter den Teppich zu kehren, wäre sicherlich nicht falsch

    • Reply
      Anna Frost
      14. Dezember 2016 at 10:03

      das problem ist unter anderem, dass man immer nur die schreckensnachrichten in den medien hört, was das jugendamt nun wieder verdusselt hat. all das positive wird überlesen oder nicht erwähnt, weil es nicht erwähnenswert ist, dass so vielen kids geholfen wurde.
      was das jugendamt „falsch macht“, ist nicht bestandteil dieses artikels und wird an einer stelle kurz erwähnt, genauere ausführungen hätten den rahmen gesprengt. der artikel dreht sich nunmal um das sos-kinderdorf, seine arbeit und besonders die arbeit der moms und nicht um das jugendamt :)

  • Reply
    Katharina
    14. Dezember 2016 at 17:45

    Deswegen der Zusatz „privat“.
    Mir ist durchaus bewusst, worum sich dieser Artikel dreht, da du das Jugendamt aber selbst ansprichst, gehört mMn auch gesagt, dass dort in 8 von 10 Fällen zu spät reagiert wird, die Damen und Herren viel lieber um Zuständigkeiten streiten anstatt die Familien ordentlich zu überprüfen und sowieso gnadenlos unterbesetzt sind.

    Wäre es nicht schön, wenn die Kinder nicht erst völlig traumatisiert in den SOS Kinderdörfern ankommen müssten?

  • Reply
    Claudia Meyer
    14. Dezember 2016 at 18:10

    Wow, dein Bericht ist sehr bewegend. Man möchte am liebsten hin fahren und alle Kinder dort lieb in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass nicht alle Erwachsene so sche…. sind. Schön das es so Orte gibt, wo diese Kinder liebevoll aufgenommen werden. Man schaut zu Weihnachten immer in die Krisenregionen dieser Welt um evtl. etwas zu spenden, dabei gibt es kleine Seelen, die ganz nah bei uns leben und unsere Hilfe genau so brauchen. Ich finde es toll, dass du dich so engagierst. Mach weiter so!

  • Reply
    Christine
    16. Dezember 2016 at 20:20

    Ach, Anna. Ich danke dir so sehr. Deine Wortwahl und Erzählweise ist manchmal wahrer Balsam für die Seele.

  • Reply
    Sabine
    17. Dezember 2016 at 21:05

    Zuallererst möchte ich zum Ausdruck bringen,dass ich noch nie so einen schönen und bewegenden Artikel über ,,unser “ Dorf gelesen habe! Mit Abstandder Beste ,seit ich dort arbeite!
    Ein paar Worte zu dem Beitrag von Katharina:
    Es ist unbestritten,dass das Jugendamt überfordert ist mit seiner Anzahl von Klienten. Es sind unvorstellbar viele Familien die betreut werden müssen,dem können die einzelnen Mitarbeiter verständlicherweise garnicht gerecht werden. Dazu,dass immer erst eingegriffen wird ,wenn es zu spät ist möchte ich folgendes sagen:
    Meist ist das Problem in den Familien schon vor der Geburt des Kindes vorhanden. Vieles wird dem Jugendamt erst nach Jahren des Martyriums gemeldet,weil die Umgebung einfach die Augen verschliesst und erst dort Anzeige erstattet,wenn diese Person selbst das Wegschauen nicht mehr vor sich verantworten kann. ja,dann sind die Kinder schon traumatisiert. Aber auch das Jugendamt bemüht sich die richtige Entscheidung zu treffen,und diese sollte nicht in erster Linie die Inobhutnahme sein,sondern die Arbeit in und mit der Familie selbst,denn die leiblichen Eltern sind in der Verantwortung . Daran wird und muss gemeinsam gearbeitet werden,und nur dann,wenn es keine Erfolgsaussichten gibt sollte die Familie getrennt werden. Es wurden in dieser Hinsicht auch oft Fehlentscheidungen getroffen ,was die sofortige Inobhutnahme betrifft,auch darüber sollte man sich gedanken machen. Ein Kind,welches aus einer ,,normalen“ Familie gerissen wird nur weil sich jemand wichtig machen will,wird genauso traumatisiert wie die Kinder in Problemfamilien. Man sollte einfach den leiblichen Eltern und der Zeit eine Chance geben,denn die Kinder lieben ihre Eltern,egal was in den Familien auch passiert.

  • Reply
    Anne
    18. Dezember 2016 at 20:57

    Liebe Anna,
    vielen Dank für diesen emotionalen und tollen Beitrag!
    Ich musste nach deinen Worten echt schlucken und war mir auf einmal wieder schlagartig bewusst, wie gut es mir doch geht, dass ich in meiner biologischen Familie aufwachsen konnte und immer willkommen bin. Wie furchtbar muss es sein (für beide Seiten), wenn die leiblichen Eltern ihrer Rolle nicht mehr gerecht werden können und wie wertvoll dann eine Ersatzfamilie ist, die Halt, Liebe und Vertrauen vermittelt.
    Danke dafür, dass ich eine gute Anlaufstelle für meine Weihnachtsspende gefunden habe.
    Liebe Grüße
    Anne

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