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Travel Diary – Indien / Teil 1

Ich betrete das Flugzeug und mir weht der Duft von Curry um die Nase.

Ich muss lachen. Es klingt wie ein Klischee und doch ist es gerade absolut echt. Die Flugbegleiterin begrüßt mich mit einem freundlichen „Namaste“ , lächelt und senkt ihren Kopf. Sie trägt eine dunkelblaue Uniform, einen Sari, und sieht bezaubernd aus. Der Duft macht Appetit. Ich schaue mich um und mir fällt sofort der Orange-rote Teppich im Flugzeug auf. Das westliche zurückhaltende und schlichte Grau in Grau ist hier nicht Programm. Ich werfe meinen Rucksack auf den Sitzplatz in der vorderen Reihe direkt am Eingang und während ich auf meinen Reisebegleiter und Bloggerfreund Paul warte, der noch einmal kurz mit seinen Liebsten zum Abschied telefoniert, schließe ich die Augen und atme tief ein. Die Mischung aus frischer und kalter Frankfurter Luft und aromatischem Curry spiegelt genau meine absurde Gefühlswelt wieder – ich bin hin und hergerissen zwischen überschwänglicher Freude & Aufregung und einer grenzenlosen Angst und viel Respekt. Mit einem Fuß noch zuhause, mit dem anderen Fuß bereits mitten im Abenteuer. 16 Tage werden wir durch Indien reisen; jedoch weniger in den touristischen Gebieten und die Metropole Neu Delhi werde ich nur für eine Übernachtung aus dem Hotelzimmerfenster sehen. Statt dessen begeben wir uns auf ein Abenteuer der etwas anderen Art, werden Dinge sehen und erleben, die man so nicht im Reisebüro buchen kann, denn wir besuchen die Projektdörfer von World Vision und unsere Patenkinder mit ihren Familien. „Mach dich gefasst auf eine Reise voller Gegensätze! Stromausfall oder gar keinen Strom, enorme Armut, Leid, aber auch Zufriedenheit, Freundlichkeit und offene Arme.

Paul und ich, wir sind die Blogger, die von dieser abenteuerlichen Reise berichten dürfen und sind mit weiteren 20 Paten und langjährigen Unterstützern von World Vision unterwegs.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß – ich werde während der Reise viele Male an meine emotionale Grenze gehen, mich einige Male übermannt von meinen Gefühlen in den Schlaf weinen, sehen wie nah sich Freud und Leid sein können, erneut religiöse Konstrukte in Frage stellen, wütend werden über die Art und Weise, wie Menschen mit Menschenleben umgehen und dankbar sein über die wundervolle und äußerst wichtige Arbeit von World Vision in Indien.
Denn nicht nur ist World Vision die unterstützende Hand, in den Gebieten, in denen Hilfe gebraucht wird, sondern auch ist World Vision in Indien ein Arbeitgeber für die vielen Inder, die vielleicht aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit, körperlichen Behinderungen oder auch ihres Geschlechts und ihrer Herkunft niemals einen guten Job bekommen hätten. Viele Kids, die in einem Projektdorf von World Vision aufgewachsen sind, zur Schule gehen konnten und vielleicht auch aufgrund der Patenschaften von Menschen auf der ganzen Welt studieren konnten, arbeiten heute für World Vision vor Ort, um ihrer Community etwas zurückgeben zu können.

In Indien gibt es keine Schulpflicht; es gibt ein Schulrecht. Wer also lernen will, darf. Hier liegt aber genau das Problem: oft wird gerade in den untersten Kasten jede Hand gebraucht, um gemeinsam die Familie zu ernähren. Viele Menschen der untersten Kasten oder auch die Kastenlosen leben von der Hand in den Mund, bestellen ihr kleines Stück Land oder arbeiten für einen Landherren und bekommen einen Teil der Ernte als Lohn. Oftmals reicht es gerade so zum Überleben. Ist vielen Fällen sind die Mütter mit den Kindern allein, denn die Männer reisen weit, teilweise über die Landesgrenze hinaus, um Arbeit zu finden.
In die Schule gehen zu können, ist purer Luxus. Kann die Familie einen Helfer entbehren? Dass Schule und Wissen eine Investition für die Zukunft ist, ist vielen klar. Jedoch zählt das hier und jetzt und da wird jede helfende Hand gebraucht.
Ein Angebot aller Grundschulen in Indien, um die Mangelernährung vieler Kinder auszugleichen und sie zum Schulbesuch zu ermutigen, ist das kostenlose Essen. Es handelt sich hier um etwa 120 Millionen Schüler, die so wenigstens ein Mal täglich eine ausgewogene Mahlzeit bekommen können. Die Zustände der staatlichen Schulen besonders in ländlichen Regionen sind jedoch katastrophal: Klassengrößen von bis zu 80 Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen, fehlende Ausstattung und Lehrerinnen und Lehrer sind die Folgen des geringen Budgets, das die Zentralregierung für die Bildung ausgibt. Und noch immer gehen mehr Jungen zur Schule, als Mädchen.
Die Rolle der Frau in Indien ist nach wie vor kritisch. In den westlich angehauchten Metropolen, wie Neu Delhi, habe ich mir sagen lassen, ist es für die Frauen „einfacher“, sie erlernen Berufe und behaupten sich in der von Männern dominierten Berufswelt. In den ländlichen und armen Regionen hingegen, bekommen eher die Jungen die Möglichkeit zur Schule zu gehen und die Mädchen müssen auf dem Feld, im Haushalt und bei anderen Arbeiten helfen.
Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte,“ sagt uns ein Mädchen mithilfe eines Übersetzers „dann möchte ich weiter zur Schule gehen dürfen, um später Krankenschwester zu werden. Ich möchte meiner Community helfen, für sie da sein und ihnen die medizinische Versorgung geben können, die sie brauchen.„. Sie weiß, dass ihre Chancen schlecht stehen. Und gleichzeitig ist das ganze Dorf stolz auf sie, weil sie es schon so weit geschafft hat. Auf meine Frage in die Runde Kinder, welche Träume und Wünsche sie haben, konnten leider fast alle nichts antworten. Der Übersetzer gab mir zu verstehen, dass vielen von ihnen von klein auf bewusst wird, dass sie keine Wünsche und Ziele haben können. Erst langsam, seit Beginn der gemeinsamen Arbeit mit World Vision begreifen sie, dass sie eine Chance haben, wenn sie sich bemühen und sie ergreifen.
Das Dorf in Saharsa ist erst seit wenigen Jahren ein Projektdorf und somit Teil des World Vision Programms. Paul und ich durften uns von der großen Gruppe trennen und haben mit einem Übersetzer das Dorf auf eigene Faust erkunden dürfen. Wir blieben nicht lange allein, es dauerte keine zwei Minuten, da standen beinahe alle Bewohner des Örtchens neugierig vor uns und luden uns in ihre Häuser ein. Ein enormer Vertrauensbeweis, denn wer lädt schon so einfach zwei fremde Leute zu sich ein?
Dass unsere Optik allein schon faszinierend für viele Menschen war, haben wir auf der gesamten Reise erfahren. Ich, knapp 1,66m groß, äußerst blass und extrem blond, Paul hingegen äußerst groß, muskulös und bärtig waren ein ulkig anzusehendes Pärchen, wenn wir auf den Straßen Indiens spazierten. Ein Anblick, der für viele Inder nicht unbedingt alltäglich ist, gerade in den ländlichen Regionen in denen selten bis nie Touristen reisen.
Stets höflich und mit einer enormen Portion Neugierde wurden wir zu Tee und Selfies von einem Smartphone Händler eingeladen (Inklusive kleinem Fotoshooting. Sagt mal Bescheid, solltet ihr irgendwo Paul und mich auf Postern in Indien sehen :D ). Einen Nachmittag sorgten wir in einem kleinen Kaufhaus für absolutes Chaos, weil nicht nur Angestellte, sondern auch Kunden Fotos von und mit uns wollten, liefen die 3 Etagen des Kaufhauses hinter uns her – rauf und runter – und riefen noch ihre Freunde an, dass sie vorbei kommen. Kaufen konnte ich nichts. Kam ich leider nicht zu. Eine Mischung aus Faszination und Überforderung waren diese zwei Wochen Indien für uns. Und vielleicht kann ich nun ein wenig verstehen, wie sich Taylor Swift fühlt, wenn sie vor die Tür tritt. Oder auch wie sich People of Color fühlen, wenn sie ständig angestarrt werden, sie aus der Masse herausstechen und dies von klein auf erfahren müssen.
Einen Nachmittag fühlte ich mich nur noch überfordert mit all den Selfie Wünschen. Stets höflich und freundlich begegnete man uns. Aber wenn man eigentlich ein Museum besuchen möchte, ein Geschäft betreten will oder einfach mal kurz für sich sein oder etwas fotografieren mag und dann erst einmal 40 Leute mit Fotos abfrühstücken muss – egal wo man ist, egal wie man sich gerade fühlt, jeden Tag – das kann schon an manchen Tagen oder Momenten ein wenig belastend sein.

Das ist aber nichts im Vergleich zu dem, was viele Menschen in Indien jeden Tag durchmachen. Um zu überleben.
3 Projektdörfer durften wir besuchen und wurden immer freundlich empfangen und durften Teil der indischen Begrüßungszeremonien sein. Blumenketten aus gelben Tagetes, auch Studentenblume, Sammetblume oder auch türkische Nelke genannt, wurden uns begleitet von Musik um den Hals gehängt und wir wurden mit einem Tika oder Tilaka auf der Stirn gesegnet. Eine Prozedur, die nichts mit kultureller Aneignung zu tun hat, nein – die Inder freuen sich über das Interesse der Touristen an ihrer Kultur und mehrfach wurden wir in Tempel eingeladen, durften an Zeremonien teilnehmen und bekamen ausführlich erklärt, welchem Gott welcher Tempel gewidmet ist und aus Zeitgründen mussten wir leider eine Einladung zu einer Hochzeit ausschlagen.
Offenheit und Neugierde. Das ist es, was meine Reise durch Indien beschreibt. Sowohl auf meiner Seite, als auch auf der Seite der vielen unterschiedlichen Menschen, die mir auf meiner Reise begegnet sind.

Indien hat mir in vielerlei Hinsicht den Spiegel vorgehalten. Sinngemäß und wortwörtlich.
Es hätte kein größeres Kontrastprogramm geben können, als diese Reise – neben vielen historischen Bauten, Museen und Badeanstalten, geschmückt mit feinsten Edelsteinen, Gold, Marmor und versehen mit vielen Spiegeln, erlebten wir Reichtum und Armut teilweise an einem Tag, nah beieinander und ich musste erfahren, dass das eine ohne das andere nicht existiert.
Du kannst dich nicht anzünden, damit es andere warm haben!“ wurde mir vor der Reise mitgegeben.
„Indien wird dich verändern!“, sagte man mir ebenfalls vor der Abreise. Ich hatte keine Ahnung was damit gemeint war. Wie soll mich eine Reise verändern? Von jeder Reise nimmt man irgendwas für sich mit – ob Souvenirs oder Erkenntnisse. Das ist klar. Jedoch verändern? 

Aber wenn ich nun die Reise für mich Revue passieren lasse… dann wird mir bewusst, wie es gemeint war. In Indien liegen Freude und Leid, Konsum und Armut, Schönheit und Abfall direkt nebeneinander. Man wird mehrfach täglich mit Gegensätzen konfrontiert, die man von zuhause so in dem Ausmaß nicht kennt und stellt automatisch vieles in Frage. Warum nutzt ein Land so viel Plastik, wickelt alles in Plastik, nutzt Plastik an Stellen, die mehr als überflüssig sind (Klopapier zb wird in vielen Hotels erst mit einem Klebestreifen gesichert und dann noch hygienisch sicher einzeln in Plastikfolie geschweißt), während das ganze Land gleichzeitig in Plastikmüll ersäuft? 
Während ich am Geldautomat stehe und mir ein paar Rupien ziehe, um auf dem Markt Tee und Andenken für die Lieben zuhause zu kaufen, versammeln sich Kinder vor der Tür und halten die Hand auf. Sie sind teilweise nackt und frieren oder sind von Kopf bis Fuß verdreckt, leben auf der Straße und haben Hunger. 
Indien, seine unzähligen Gegensätze und seine Menschen haben mich ein Stück weit verändert und vielleicht den Menschen aus mir heraus gekitzelt, der ich vielleicht sein muss in dieser Welt…

White Saviourism. Ein großes und wichtiges Thema, welches kurz vor der Abreise nach Indien für Wirbel in den Socials sorgte. White Saviourism, dass ist, mal ganz platt und flapsig formuliert, wenn der wohlhabende Weiße in ein armes Land einmarschiert, alles umstülpt, Geld auf vermeintliche Probleme wirft und sich dafür feiern lässt. So wie die Kolonialisten. Marschierten in ein Land ein, stellten alles auf den Kopf, missionierten die Menschen und
Haben wir das gemacht? Nein.
Macht das World Vision? Nein.
Paul und ich haben jeder eine Patenschaft vor der Reise gehabt und eine zweite Patenschaft während der Reise abgeschlossen, denn wir haben jeder zwei ganz interessante junge Menschen kennenlernen dürfen, denen wir unsere Unterstützung zusichern möchten.
Die Arbeit von World Vision unterscheidet sich von einigen anderen Organisationen darin, dass sich Communities, Dörfer bewerben, ein Projektdorf zu werden. Bei World Vision India arbeiten viele Menschen, die selbst in Projektdörfern aufgewachsen sind und die Probleme kennen, es arbeitet Einheimische bei World Vision, denn sie kennen die Kultur, die Gepflogenheiten und eben die täglichen Probleme.
Der Prozess ein Projektdorf zu werden ist lang. Nach der Bewerbungsphase setzen sich World Vision Mitarbeiter mit den Dorfältesten zusammen und besprechen die Probleme des Dorfes und welche Ziele erreicht werden sollen. Um die 15 Jahre wird ein Dorf von World Vision an die Hand genommen, danach beginnt die sogenannte „Fade out Phase“ und das Dorf kann auf eigenen Beinen stehen.

Häufiges Problem in Indien ist das Thema Hygiene.
Was uns Europäern vielleicht nicht direkt bewusst ist: In Indien wird mit den Händen gegessen. Babies werden von ihren Müttern mit der Hand gefüttert. Sind die Hände dreckig, zB. von der Feldarbeit, landen Dreck, Bakterien und anderes mit dem Essen in den Körper. Was uns von klein auf beigebracht wird – Hände waschen – ist in Indien nicht immer möglich. Folglich werden oft als erstes Handwasch Stationen eingerichtet und Wasserfilter eingesetzt. Nicht immer ist das Grundwasser rein, Dank des Müllproblems im ganzen Land.

Mit unseren 3 Besuchen konnten wir die unterschiedlichen Stadien der Projektdörfer sehen. Ein Dorf, welches sich bereits in der Fade out Phase befindet, zeigt ein völlig anderes Bild, als ein Dorf welches erst seit ein paar Jahren im Projekt ist. Wir konnten also direkt vor Ort sehen: Die Unterstützung der Paten aus der ganzen Welt kommt an. Sie kommt an und sie bewirkt etwas.

Nämlich dass Kinder gesund bleiben, ihnen die Türe für Bildung geöffnet werden und dass sie generell eine Chance im Leben haben.
Ganz egal welcher Kaste sie angehören, welches Geschlecht sie haben und aus welchem Teil Indiens sie kommen.
Wenn Kinder keine Träume mehr haben – was ist das nur für eine Zukunft?

Wenn ihr auch eine Patenschaft übernehmen möchtet, könnt ihr das hier tun. Es wird euch und das Leben eines Kindes, seiner Familie und seines Dorfes verändern! Und das ist ein tolles Gefühl!

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