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after Erasmus depression

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kaya feministin

Als ich mein Erasmus Semester, also meine 4 Monate Auslandssemester begonnen habe, habe ich auf wenige Dinge gehofft und hätte niemals damit gerechnet, dass sich mein Leben so dadurch verändern könnte und so bereichert werden könnte. Ich hoffte auf ein, zwei nette Freunde mit denen man ab und zu etwas unternehmen könnte, war mir aber sicher, dass sich alle Kontakte nach Erasmus verlieren würden.
Stattdessen sitze ich nun mit meinem Laptop auf dem Schoß in Barcelona, denn hier verbringe ich nun den Rest des Sommers, bei dem Jungen, welcher mein Herz während und auch jetzt nach Erasmus höher schlagen lässt.
Zweieinhalb Wochen war ich in Hamburg, meiner Heimat, bevor ich wieder ins Flugzeug Richtung Spanien stieg. Zweieinhalb Wochen verbrachte ich mit meiner Familie und meinen engsten Freunden an dem Ort, den ich früher mein Zuhause nannte, der sich aber einfach nur fremd anfühlte; an diesem verregneten Tag, an welchem ich aus Rotterdam nach Deutschland zurückkehrte.
Die erste Nacht im eigenen Bett war grauenvoll. Ich habe mich in den Schlaf geweint, nicht gewusst woher die Tränen kommen, aber gehofft sie würden irgendetwas bezwecken.
Und auch die drei Tage danach waren nicht besser.

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Wenn ich meine Zimmertür öffnete war da Stille, kein Flur voll mit Kommilitonen und niemand der zwei Türen weiter wohnte und einen Film schauen mag. Der Regen in Hamburg, an den ich sonst so gewöhnt war und der mir sonst ein wohliges Gefühl gab, war nun nur ein Schleier, der alles noch viel grauer machte, als es eh schon schien. Nach jedem Treffen mit Freunden saß ich am Abend wieder weinend in meinem Zimmer; keine Ahnung an wen ich mich wenden konnte und was genau ich eigentlich fühlte. Ich hätte so gerne über das gesprochen, was ich fühlte, aber ich wusste nicht was das war. Ich wollte es aufschreiben, aber mir fehlten die Worte. Es ist keine Leere, denn man ist schier unendlich erfüllt, aber trotzdem steht man mit leeren Händen da.
Ich schrieb meinen Freunden die ich in Erasmus kennenlernte, aber jeder von uns hatte andere Dinge um die Ohren in den ersten Tagen nach der Heimkehr. Und wie es schien, war ich die erste die in eine „After Erasmus Depression“ fiel (Ich möchte gerne anmerken, dass der Ausdruck „Depression“ in diesem Begriff keine medizinische Bezeichnung ist und dass ich an dieser Stelle auch nicht das Krankheitsbild der Depression verharmlosen möchte. Diese Art sich nach Erasmus zu fühlen wird von vielen Studenten als die „After Erasmus Depression“ beschrieben, weshalb auch ich diesen Begriff hier aufgreife).

Meine Freunde beschrieben erst 1-2 Wochen später die gleiche Gefühlslage in der ich mich vorher befunden hatte. Das Weinen, das Vermissen, ohne zu wissen was man eigentlich alles vermisst, das sich Verloren fühlen, obwohl man ja eigentlich gerne nach Hause gekommen ist.
„Nach Hause“
Ein schwieriger Begriff, wenn man für ein paar Monate woanders gelebt hat. Mit anderen Leuten, sein Zuhause an einer anderen Adresse hatte. Wo unser Zuhause ist? Das fragen wir uns gerade alle. Für viele von uns war es das erste Mal, dass wir das Elternhaus verlassen haben, um woanders zu leben. Und auch wenn das für mich nicht der Fall war, machte es die Sache nicht einfacher.
Meine Mutter fragte oft was denn los sei, wie es mir ginge. Ich hätte ihr so gerne geantwortet, aber ich wusste es einfach nicht.
Alles fühlt sich einfach anders an. Hamburg fühlt sich plötzlich so anders an, Gesellschaft fühlt sich so anders an. Wo ist mein kleines Rotterdam? Wo sind die Menschen, die 24/7 um mich herum waren? Vier Monate lang habe ich keinen einzigen Tag alleine verbracht, keine einzige Stunde war ich ohne Kontakt zu anderen. Und nun bin ich hier im normalen Leben, im Alltag zurück und alles was ich kenne fühlt sich fremd an.
Zu wissen, dass ich in 2,5 Wochen nach Barcelona fliegen würde, half mir sehr. Denn in Hamburg habe ich zwar die besten Freunde, jedoch nur eine wertvolle Handvoll. Aber was ich in dem Moment brauchte war die volle Breitseite Ablenkungen von den Gefühlen, von denen ich bis jetzt noch nicht weiß wie man sie eigentlich beschreiben könnte.

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Ich denke, dass viele, die bereits Erasmus machten oder eine Zeit im Ausland verbrachten, eine ähnliche Erfahrung im Anschluss gemacht haben, diese Gefühle des „Heimkommen“ nachempfinden können. Dass man sich darauf freut nach Hause zu kommen, aber man dann merkt, dass irgendetwas anders ist. Man hat ein Stück seines Herzens an dem Ort gelassen, welchen man für eine Zeit sein Zuhause nannte. Plötzlich hat man mehr als nur einen Ort, an dem man sich daheim fühlt und wenn man von „Zuhause“ spricht, mehrere Orte meinen kann.
Es ist schmerzhaft. Aus Erasmus zurückzukommen tut weh. Aus so vielen Gründen die noch 1000 mehr Wörter brauchen würden, um sie zu beschreiben.
Aber es ist auch schön; schrecklich schön könnte man sagen.

Jetzt baue ich mir erstmal ein kleines Zuhause hier in Spanien.
Mal sehen welche Zeilen ich dann schreiben werde, wenn es wieder zurück nach Hamburg geht… Meinem Zuhause?

 

Photos by Jorge Vidal on Unsplash
Igor Ovsyannykov on Unsplash
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Eder Pozo Pérez on Unsplash

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4 Comments

  • Reply
    Katrin
    22. September 2017 at 14:29

    Gott ist das schön geschrieben. So schön und nachempfindbar, dass ich Tränen in den Augen hatte. Ich selbst lebte ein Jahr im Ausland. Irland um genau zu sein. Und als ich nach meinem Jahr zurück in meinen Ort kam, fühlte ich mich einfach nur fremd in meinem „Zuause“! Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Alles hatte sich verändert. Der Ort, die Freunde. Und ich bin ein Jahr kein richtiger „Teil“ davon gewesen. Ich selbst quälte mich 1 1/2 Jahre in meinem Zuhause und war nur ein Schatten meiner Selbst. Mir fehlten, genau wie du beschrieben hast, meine Freunde, die mit mir in Irland die gleichen Erfahrungen und Erinnerungen sammelten. Dann wagte ich den Sprung und zog um. Nach Düsseldorf. Seitdem fühle ich mich endlich wieder ansatzweise wie zu meiner Zeit im Ausland. Zwar nicht ganz so glücklich und frei aber ich bin auf dem Weg zu meinem „Auslands-Ich“.

    Ich wünsche dir viel Erfolg für die Zukunft und das du deinen Weg gehen wirst.

    Liebe Grüße

  • Reply
    Julia
    22. September 2017 at 14:49

    Liebe Kaya,
    ich hab bereits die Texte während deines Auslandssemesters total gerne gelesen und mich an mein Erasmus in Litauen erinnert. Deine Gedanken, die Gefühle, das Verlorenfühlen, die Post-Erasmus-Depression – ich kann es zu 100 % nachempfinden. Danke für deine schönen Worte und viel Kraft für das Aufbauen einer Heimat, die sich auf mehrere Orte verteilt. Bewahr diesen Funken „Erasmus“ immer in dir…
    Alles Liebe aus Österreich,
    Julia

  • Reply
    berit
    24. September 2017 at 12:47

    Oh girl, I so know what you mean. Es dauert eine Weile, die alte neue Stadt wieder zu lieben und auch die schönen Ecken hier zu sehen. Die dreckigen, lauten Ecken zu finden, in denen man ganz ich sein kann. Alles Liebe nach Spanien.

  • Reply
    Resi
    12. Oktober 2017 at 14:41

    Wunderschöner Artikel. Ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen. Was für eine wertvolle Zeit du verbracht hast und die Menschen, die du kennengelernt hast, all das wird ein Schatz für dich sein. Für immer.

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