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Young, Wild and Free?!

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kaya feministin

Young, Wild and Free“ schrieb letztens eine meiner Erasmus Freundinnen unter ein Foto von uns und unseren Freundinnen auf Facebook. Als ich das sah, drehte ich mich zu einem Freund der neben mir saß und erklärte ihm, leicht beschämt lachend, dass in Deutschland keiner meiner Freunde jemals sowas sagen würde und wir uns darüber immer lustig machen – das ist so tumblr und weheartit. Immerhin sei meine Freundin, die das postete, ja auch schon 22, sowas höre bei uns in Deutschland mit 17 auf!
Ich drehte meinen Kopf zurück zum Handydisplay, schaute mir nochmal das Foto an, las wieder die Bildunterschrift und fragte mich, was eigentlich genau mein Problem sei.

Warum war mir das so peinlich?

Was beschämt mich denn so?

Hier in Erasmus habe ich die volle Breiteseite Jugendlichkeit erlebt. Viele Dinge, die so Klischee sind, dass man es kaum aushält und die meisten davon hätten meine Freunde in Deutschland und ich nie nie niemals getan. Komisch, oder?
Um 02:00 Uhr morgens betrunken in einen Club auf eine Studentenparty gehen, sich dort aufs Podest stellen, um mit seinen Freundinnen den Macarena vorzutanzen; die Freundin trösten, welche im Club anfängt zu weinen. Danach bei McDonalds fast in eine Schlägerei geraten, betrunken mit dem Fahrrad zurückfahren und dabei die Hände vom Lenker nehmen, um mit dem Jungen, in den man verliebt ist und der natürlich neben einem fährt, Händchen halten zu können.
Eine Woche später bei facebook entdecken, dass man wohl in der Nacht dachte, dass es eine gute Idee gewesen sei, sich betrunken vom Clubfotografen ablichten zu lassen und die Gruppenfotos in die gemeinsame Whatsapp Gruppe schicken, die von „A Team“ zu „AA Team“ umbenannt wurde, weil viel zu oft Wein und Bier auf den Tisch kommt. Und egal wo wir gerade sind: Selfies, Selfies, Selfies. Instagram Boomerangs mit tausenden von Luftküssen.

„Young, Wild and Free“

Und wir lieben es! Seit Monaten. Natürlich war alles in den ersten Monaten intensiver und hat sich nun, wo wir hier eher einen Alltag leben, beruhigt. Aufgehört hat es aber nicht.

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Und ich? Die Meckertante, die in Hamburg niemals auf die Idee kommen würde auch nur in die Nähe eines Clubs zu gehen? Die, die am Wochenende die Einladung zur WG Party absagt, weil sie lieber zuhause auf dem Sofa Netflix schaut und um 22:00 Uhr ins Bett geht. Die, die im Herbst lieber Schals strickt, als Tequila zu trinken, um sich von Innen zu wärmen. Die, die sich unwohl fühlt auf Instagram Selfies zu posten und immer darauf achtet, dass kein jugendlicher Kram auf ihrer facebook Seite erscheint (Für später! Für die zukünftigen Arbeitgeber! Und für den guten Ruf! Und sowieso für wen auch immer…).
Genau DIE trommelt nun alle spanischen Mädels für einen Knutschmund Boomerang zusammen und danach noch eines, auf dem wir alle mit unseren roten, weingefüllten Plastikbechern anstoßen. Natürlich die College Cups, die klassischen roten Becher aus den amerikanischen Teeniefilmen.
Als das anfing, machte sich mein bester Freund, ein BWL Student an der TU in München, schrecklich über mich lustig. Und auch meine anderen Freunde waren sehr verwundert von meiner Änderung.
Meine alten Freunde kennen mich als jemanden, der sich so gut wie nie schminkt, meistens mit einem oversized Sweater in der Bibliothek sitzt und morgens lieber den Deutschlandfunk hört, als die Charts mit seinen aufregenden Jingles und der Popmusik, die einem morgens schon den Puls aufdrehen lässt.
Großes Glück jedoch für mich, dass ich die tolerantesten Freunde dieser Erde habe und sie meine Veränderung positiv unterstützen, statt mich zu verurteilen.

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Ich habe mich immer als offen und toleranten Menschen empfunden und trotzdem doch so viel von dem verurteilt, was ich jetzt tue und auch bin. Diese kleinen Dinge für die sich sicher sowieso keiner interessiert. Sich die Nägel wachsen zu lassen und Selbstbräuner aufzutragen empfand ich als umständlich und unnötig. Mit Freundinnen 102938 Fotos zu machen, nur damit eins davon gut aussieht. Oder noch besser: einen Freund oder Fremden die Fotos machen lassen!

Ich lebe gerade ein Klischee. Und es macht Spaß! 

Und sowieso: Calvin Klein BHs lehnte ich einfach mal aus Prinzip ab, weil ich dieser Typ Mädchen nicht sein wollte.
„Dieser Typ Mädchen“.
Aber wieso denn, Kaya? Was ist denn so schlimm daran? Hörst du dich eigentlich selber reden? Das habe ich mich selbst gefragt, als ich merkte, dass ich selber lange Nägel und vielleicht auch mal falsche Wimpern tragen will. Warum denn dieses schreckliche Schubladen denken? Wovor fürchtest du dich? Vor wessen Urteil fürchtest du dich?
Was für andere sicher banale Dinge sind, sind für mich riesige Schritte um herauszufinden, was ich wirklich für mich will, wie ich sein möchte. Wer ich sein möchte und wofür ich stehen will.
Warum ich all diese Dinge unterbewusst so abgelehnt habe? Ich verstehe es selbst nicht. Ich habe solche Dinge, dieses klischeehafte girly, tumbleresque Verhalten immer mit einem niedrigen Level an Intellekt assoziiert. Was nicht nur unfair und von Schubladendenken zeugt, sondern auch absoluter Quatsch ist. Man kann sich für so offen und „accepting“ halten wie man will und am Ende doch die kleinsten Dinge total schwachsinning abwerten.

Und jetzt?
Jetzt sitze ich hier in meinem Calvin Klein Sportsbra, den ich mir zum Geburtstag gewünscht habe, vor dem Laptop und werde mir gleich erstmal meine Nägel zartrosa lackieren und nebenbei die Lage der Nation hören. Vielleicht lausche ich danach ein wenig der Stimme von Drake bevor ich Lean in weiterlese.
Und ich werde mir zum hundertsten Mal meine eigene Instagramstory anschauen, die jeden Tag mit Fotos von Unternehmungen gefüllt wird und ein Mal wöchentlich eine Partynacht dokumentiert. Ganz ohne Scham!
Denn das Leben ist nicht schwarz und weiß. Und ein Mensch hat so viele Facetten, die man auf Anhieb nicht als erstes erkennen kann. Wer auf Äußerlichkeiten zu legen, bedeutet nicht, dass die Intentionen automatisch oberflächlich, schlecht oder hohl sind. Ich kann mir meine naturblonden Haare glätten und 20 Minuten aufs Highlighten und Konturieren meines Gesichtes verwenden und trotzdem auf den Masterstudienplatz in der Schweiz hinarbeiten. Ich kann auf Fotos von der letzten Party markiert werden, ohne gesellschaftlich geächtet zu sein. Oder zumindest dies zu befürchten. Vor allem kann ich mich aber einfach mal entspannen und ganz ungeniert „Young, Wild & Free“ sein! Und vor allem auch damit aufhören, mir solch einen Kopf zu machen wegen Kleinigkeiten, die nur in meinem Kopf passieren.
Also entschuldigt mich, ich muss jetzt ein paar Knutsch Boomerangs erstellen.

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13 Comments

  • Reply
    Ellie
    30. Juni 2017 at 13:10

    Grossartiger Post, danke!<3
    http://www.blogellive.com

  • Reply
    Lea
    30. Juni 2017 at 13:20

    Liebe Kaya,
    super Artikel! Ich erwische mich auch regelmäßig dabei, wie ich über Dinge, die andere Mädels tun urteile und sie als dämlich, oberflächlich und Zeitverschwendung abtue. Oftmals einfach nur, um in mein von mir eigens für mich kreiertes ironisch, sarkastisches Bild einer jungen Frau zu passen, die sich nicht für unnütze Dinge interessiert und den gängigen Klischees nicht entspricht. Dabei kann das so viel Spaß machen und du hast mich daran erinnert doch noch so viel öfter mal alle diese dämlichen Gedanken über Bord zu werfen und mir vor Augen zu halten, dass es mir ja sowieso egal ist was andere von mir halten. Also warum ist es mir dann trotzdem unangenehm so klischeebehaftete Dinge zu tun? Widerspricht das nicht eigentlich auch meinem Bild von mir selbst?
    Vielen Dank jedenfalls für deinen Post hier!
    Liebe Grüße
    Lea

  • Reply
    Katja
    30. Juni 2017 at 13:41

    Oh wouw, sowas von auf den Punkt gebracht was mich schon lange beschäftigt. Alles zusammengefasst, auf den Punkt gebracht was ich nicht geschafft habe, selbst im Kopf. Und nun? Heute gehe ich feiern, mein 24 und oh mein Gott ich werde die Sau raus lassen, wie zuletzt mit 17. :)

  • Reply
    JoanaMarit
    30. Juni 2017 at 20:10

    Ich musste gerade so lachen, circa so war mein Erasmus auch. Nur das mit denn Fahrrad, das lässt man in Istanbul lieber & steigt in ein Taxi. Aber du sprichst mir da wirklich aus der Seele, die Gedanken hatte ich auch im Erasmus :)

  • Reply
    Lou
    1. Juli 2017 at 11:43

    Schöner Text! :)

  • Reply
    Isabell
    4. Juli 2017 at 17:07

    Oh, Kaya, ich hab mich in deinem Blog-Post sofort erkannt. <3

  • Reply
    Paula
    6. Juli 2017 at 22:15

    Wirklich ein perfekter Text. Und ja, genau solche Dinge hab ich auch in meinem Erasmus Semester gemacht. ❤️ Sollte ich vielleicht wieder mehr in meinem Alltag einbauen 💃🏻

  • Reply
    Katja
    7. Juli 2017 at 9:07

    Schöner Text – danke dafür!
    Und ich bin so froh, ü30 zu sein :)

  • Reply
    Ani
    8. Juli 2017 at 8:34

    Hallo, ich war / bin immer eine der braven.
    Auch in meiner Jugend keine Ausschweifungen, habe aber durch glückliche Zufälle eine Gruppe getroffen, mit der man den von dir beschriebenen Spaß haben kann.
    Interessant so eine Seite mit Ü40 an sich zu endecken, und die seltenen Augenblicke einfach zu genießen.
    Und danach wieder in seinen Alltag als brave Frau zurück zu kehren :)

    • Reply
      Indie
      20. Juli 2017 at 8:20

      Ich habe mich gerade auch schon gefragt, ob es sehr bedenklich ist, wenn ich mit meinen 35 Jahren jedes zweite WE Party mache, Knutschfotos mit meiner besten Freundin boomerange und meine Instastory damit fülle… :-D

      • Reply
        Anna Frost
        20. Juli 2017 at 11:10

        auf keinen Fall bedenklich!! Ich finde es super <3 WEITERMACHEN!!! :)

  • Reply
    berit
    18. Juli 2017 at 11:27

    Wunderbarer Artikel und sehr auf den Kopf getroffen.

    Ich ertappe mich auch dabei wie ich im Beruf denke „Ich muss XY sein“ und dabei oft feststelle, dass ich betont weibliches ablehne weil ich finde das es unprofessionell ist. Aber wieso ist denn weibliches unprofessionell? Wieso kann ein Outfit keine verspielten Elemente haben? Weil ich damit zu weiblich bin? Hallooooo ich BIN eine Frau, daran lässt sich doch auch im grauen Zweiteiler nichts leugnen, also wieso nicht dazu stehen und es bewusst betonen?

  • Reply
    Sophia
    6. September 2017 at 17:39

    Toller Artikel! Du sprichst damit wahrscheinlich mehr Mädels in unserem Alter aus der Seele, als du denkst! :-)

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