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Funken

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Es ist 9:10, die Nacht war nicht spektakulär, dennoch fühle ich mich überfahren. So fühle ich mich in letzter Zeit öfter. Plattgewalzt von einer Dampfwalze. Hartnäckige Stellen wurden durch schnellen Wechsel vom Vorwärtsgang in den Rückwärtsgang und wieder zurück dem Erdboden gleichgemacht. Vor und zurück. Bis alles gleichmäßig platt ist. Jakob bringt das Tochterkind, die gerade an 6 Zähnen gleichzeitig arbeitet (vorzugsweise in der Nacht), in die KiTa, ich nutze die Zeit und kämme mir mit den Fingern grob die Haare zurecht, wische die Brille am Schlafanzug sauber und glaube ein wenig mehr Respekt vor mir selbst zu haben, wenn ich mir wenigstens BH und eine halbwegs saubere Bluse anziehe. Die Schlafanzugleggins lasse ich an. Merkt keiner. Schwarz ist schwarz. Darüber der senfgelbe oversized Strickpulli den viele andere Bloggerkolleginnen auch besitzen, aber sicherlich nicht so krass beanspruchen, wie ich. Das Pullöverchen aus 40% Mohairwolle ist grandios genügsam und pflegeleicht. Rechts neben mir steht mein Kaffee, der Maschine habe ich befohlen, viel Ladungen Espresso in eine große Tasse laufen zu lassen, der Schuss Reismilch ist nur für die ansehnlichere Farbe gedacht. Drei Löffel Xucker müssen es reißen, denn ich brauche die Dröhnung jetzt. Ich starre abwechselnd aus dem Fenster auf die spannende Kreuzung vor unserer Tür, auf der letztens noch ein Hubschrauber landete und dem weißen Feld in meinem WordPress Dashboard. Das letzte Update hat einiges an der Typo verändert, Jakob hat zwei oder drei „supercoole und wirklich wichtige“ Plugins heruntergeladen, die das Aussehen meines Schreibfeldes minimal, aber doch für mich merkbar verändert haben. Ob ich das gut finde weiß ich noch nicht. Ich erinnere mich an einen Artikel über George RR Martin, dass er noch heute seine Bücher auf einer alten DOS Maschine schreibt, mit dem Programm WordStar. Ich kann es verstehen. Schreibe ich auch alle meine Artikel, ob nun für den eigenen Blog, für andere oder auch für Printmagazine in meinem WordPress Textfeld. Gewohnte Umgebungen sind nicht zu unterschätzen. Ich bin da eh ein Gewohnheitsmensch – in der gewohnten Umgebung fühle ich mich wohl, aufgehoben und kann Schalten und Walten, wie ich will.

Mittlerweile ist es 9:33, Jakob ist längst wieder da, hat sich in seine Arbeitsecke zurückgezogen und lauscht endlich dem Podcast, den er schon seit Tagen hören will. Er brachte Franzbrötchen und ein Rockstar Energie Green Apple mit. One Apple a day keeps the doctor away… Ich glaube kaum, dass diese Weisheit diese Art von Apfel meint, aber für mich wäre der Spruch anders gar nicht umzusetzen, bei meiner Apfelallergie…
Neben meinem Kaffee liegt das Notizbuch, aufgeschlagen, die Seiten vollgeschrieben mit Notizen, To Dos, Ideen, Inspirationsbildchen und Gedanken. Gerade hilft das alles nichts. Nichts passt.Da kann man auch gerade nichts passend machen. Schreibblockade. Ich glaube, genau das ist das. Nicht einfach nur ein Steckenbleiben bei einem Cliffhanger, nicht wissen, was danach kommt. Sondern so schlimm, dass ich gar nicht weiß, wie ich anfangen soll.

„Schreib, was du weißt!“, ist der Rat in jedem Schreibkurs. Sogar in fast jedem niedergeschriebenen Interview mit mehr oder weniger erfolgreichen Autoren kann man diesen Ratschlag lesen. Kiffen, diverse chemische Drogen einwerfen oder Saufen soll auch helfen. Dann kann man sich wenigstens was ausdenken, was man glaubt zu wissen. Oder bekommt Mut Dinge und Sache zu schreiben, die man sich sonst nicht traut. War es nicht sogar Lady Gaga, die ihre besten Songs im Vollrausch schrieb? Whiskey war es. Die Fantastischen 4 erzählten, dass einige Songs ihres 3. Studioalbums im LSD Rausch entstanden sind. „Der Rausch ist die Braut des Künstlers„, sagt Thomas D. Puh… Ich blicke auf die halbleere Flasche Schwarzbier, die etwa einen halben Meter von mir entfernt auf dem Tisch steht. Sie ist von gestern. Ich rieche sie und zugleich schäme ich mich kurz, dass ich sie gestern Abend vor dem Zubettgehen nicht weggeräumt habe. Bier hat nicht denselben Effekt, wie vermutlich LSD. Erst recht keine halbe Flasche Bier. Vergleichswerte fehlen mir jedoch. Hätte ich doch mal den Wein geöffnet. Mit einer halben Flasche Wein im Glas, während die andere Hälfte bereits durch die Adern pumpt, läuft es prima. Die besten Artikel, mit besonders viel Selbstironie, Biss und Gehässigkeit sind unter dem Einfluss von ein paar Tröpfchen Weißwein entstanden. Darfste vermutlich keinem sagen. Man hat ja Vorbildfunktion, so als Blogger. Rotwein bringt die besonders emotionalen Texte hervor. Aber Bier? Gestern Abend kam nichts zustande, außer ein paar weiteren geöffneten Tabs in meinem Browser, die mich heute früh versuchen zu betören. „Kauf mich!“, schreit das Produkt, welches sich hinter dem nur noch 1cm breiten Tab befindet. 26 Tabs sind geöffnet. Wird eng in der Leiste. Eine halbe Flasche Bier versetzt mich offensichtlich in Shoppinglaune. Mindestens die Hälfte der geöffneten Tabs sind Reminder für diverse Dinge, Inspirationen, Social Plattformen und was auch immer.
Mein Kaffee ist mittlerweile kalt. Die Dose Energie warm. Stört mich beides nicht.
„Schreib, was du weißt!“, heißt es. Ich habe das Gefühl, im Moment weiß ich nichts. Ich habe keine gefährlichen Liebschaften – wie langweilig. Ich bin kein Single und muss mich nicht durch den abenteuerlichen Dschungel bestehend aus Dating, Absagen, Dickpics und Tinder quälen. Obwohl, das eine oder andere Dickpic hab ich auf Snapchat auch schon bekommen. Danke dafür! Ich reise zur Zeit nicht von Fashionweek zu Fashionweek, denn ich habe die eine oder andere Baustelle, um die ich mich kümmern muss. Vielleicht ist das auch nur ein Vorwand und diese berühmt berüchtigte Selbstmanipulation, um Soziale Kontakte zu vermeiden. Schreiben wir doch weiterhin über das, was wir kennen… Einige Dinge erachte ich als nebensächlich, erwähne ich sie bei Bekannten, sind die total fasziniert. „Warum schreibste darüber nicht im Blog?„, na, weil ich dachte, das ist lame. Offensichtlich falsch gedacht. Outfits? Sollten doch immer ein wenig special sein, oder nicht? Layering, mindestens drei Designerteile und irgendein Trendpiece der aktuellen Saison. Dass ich meine wahren Schätze teilweise nicht ein einziges Mal im Blog gezeigt habe, beweist doch nur, dass ich mir viel zu viele Gedanken mache. Die Resonanz diesbezüglich auf Instagram war überwältigend und hat mir bewiesen, dass ich mir nicht mehr so viele Gedanken machen sollte…
Worüber kann ich mir statt dessen Gedanken machen?
Ich bin verheiratet, habe ein Kind und offensichtlich ist das genau das, wie mich 99% der Menschen sehen. Es ist wie bei Scrubs – in der Sekunde, in der ich den Ehering ansteckte, löste ich mich für einige Menschen in Luft auf. „Frost, da biste jetzt aber auch selber Schuld! Watt schreibste auch über Kinderkram und Hochzeitszeug aufm Blog?“ – Ja… ok. Ist ein Argument. Aber letztenendes schreibe ich doch nur über das, was ich weiß. Und das, was bei mir passiert, mich interessiert. Und dabei achte ich eigentlich drauf, dass es nicht zuviel Babykram ist. Die Beschwerden gibt es ja. „Frost, du schreibst nur noch über Babyzeug. Und wirst zum Erklärbär!“. Ja, ja, ich lese eure Kommentare, auch wenn ich nicht immer darauf antworte oder eingehe, denn ich verstehe sie nicht immer. Mag ich auch teilweise nicht. Was manch einer von sich gibt, da hilft nicht einmal mehr den Mund mit Seife auszuwaschen. Da lob ich mir die Entscheidung vor mehreren Jahren von Jane Aldridge, die Kommentarfunktion einfach zu schließen. Ein Blog soll eine Plattform der Inspiration sein. Ein Ort, auf dem man Meinungen liest, teilt und auch dagegen ist. Schläge unter die Gürtellinie passen doch auch zum aktuellen Flüchtlingsthema. Scheinbar haben manche Menschen ihre guten Manieren vollends verloren oder mit dem Anzug auf den Bügel gehängt. In der Freizeit, im Internet sind die Gedanken frei und geben Einblicke in die dunkelsten Seelen. Mittlerweile versteckt man sich nicht einmal mehr hinter der Anonymität – Hass bekommt Gesichter, Namen und Familien. Hass ist echt eine fiese Sache, dann sie steckt an. Passt man nicht auf, ist man infiziert – Gegenhass. Die Welt wird klein und kleiner, alles wird enger und man fokussiert sich nur noch auf den Hass. Hass macht blind. Hass macht diejenigen, gegen die er gerichtet ist, irgendwann unkreativ… Und versetzt einen in eine Schreibblockade. Man muss nicht einmal großartigen Hass gegen die Menschen haben, die einen hassen; zu wissen, dass man gehasst wird, lähmt. Hass und Gemeinheiten stecken in den noch so absurdesten Gesten, Aussagen und Kommentaren… Getarnt als Kritik. „Ich meine es ja nicht böse, aber…„. Verzeihung, damit hast du dich bereits selbst ins Abseits gekicked. Man wird offensichtlich zum Erklärbär, wenn man versucht, einen Artikel gut zu recherchieren und den Leserinnen und Lesern alle Infos zu geben, von denen man glaubt, dass sie an der Stelle sinnvoll sind. Ich werde anscheinend nicht müde zu erwähnen, dass ich mehr bin, als nur Mutter. Das stimmt und ist auch richtig so und ich werde auch so lange weiter machen, bis auch wirklich jedes Mädchen und jede Frau verstanden hat, dass sie sich nicht nur auf ein Attribut reduzieren lassen sollte. Ich habe Fashionpuppe damals aus gutem Grunde verlassen und Fafine erschaffen – es sollte ein großes Zuhause werden, in dem die Grenzen, auferlegten Regeln und Themen neu definiert werden. Ich mich neu entfalten kann. Träume, Alltagssituationen und das echte Leben sollte hier stattfinden.

Habe ich auch. Tut es auch. Und ich liebe es!

Und irgendwann knickt jede noch so alte Eiche mal bei Gegenwind ein. Nur ein Stück, vielleicht. Verliert im Wind ein paar Äste… Eigentlich kein Drama, aber manchmal hat man an einem gekrümmten Haar länger zu knabbern, als gedacht. Hass begegnet uns täglich in einer neuen Form. Das ist wie mit Bazillen und Viren – sie verändern nur ein minimales Detail und schon kann der Körper nicht auf altbewehrte Abwehrmechanismen zurückgreifen. Jeden Tag müssen wir aufs neue damit dealen, umgehen und darauf achten, dass es uns nicht zu sehr unter die Haut geht. Das Karussell dreht sich leider unaufhörlich mit immer der gleichen Melodie. Auch ohne dass wir eine weitere Münze in das Karussell einwerfen; Es dreht sich. Und dann wird es irgendwann dunkel. Und still. Und mein Karussell drehte sich unaufhörlich weiter… Bis du entweder selbst den Stock zwischen die unaufhörlich rotierenden Zahnräder steckst oder jemand auf dich zukommt und dir sagt, dass das was du machst, gut ist. Und sei es nur bei McDonalds, bei einer ungeplanten Pause und einem zufälligen Wiedersehen zwischen großer Tüte Pommes und einem Royal TS ohne Käse. Manchmal ist das alles, was man braucht. Hat man dann seinen Drehschwindel von der schier unaufhörlichen Karusselfahrt überwunden, ist alles gar nicht mehr so schlimm.

Mittlerweile könnte ich vermutlich den Energiedrink mithilfe meines eiskalten Kaffees kühlen, aber mir ist nicht nach einer weiteren Ladung Energie. Brauche ich gerade nicht. Denn offensichtlich ist mit diesem Beitrag ein kleiner Knoten in mir geplatzt und ein Funken brachte die Glut wieder zum Glühen… Fühlt sich gut an.

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