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Wenn Kultur zur kleinen Alltagshürde wird

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Kaya, Feministin, Studentin und derzeit im Auslandssemester in Rotterdam. Hier erzählt sie über die schönen und unschönen Dinge des Lebens im Ausland, die Tücken des Studentenalltags und dem Leben als junge Frau. 


Wir haben jetzt April und die Hälfte meines Auslandssemesters ist rum. Die Hälfte!
Für mich fühlt es sich an als wäre ich erst vor zwei Wochen angekommen, aber als würde ich die Leute hier schon seit Jahren kennen. Seit dem ersten Tag hier habe ich fast jeden Tag mit einer Gruppe von fantastischen Leuten verbracht. Wir gehen zusammen zur Uni, wir feiern gemeinsam, wir kochen gemeinsam, wir reisen gemeinsam, wir leben in der gleichen Unterkunft. Und wir alle kommen von überall auf der Welt: Frankreich, Kroatien, Spanien, Brasilien, Deutschland.
Und so fabelhaft es ist, vieles war anfangs neu. Neue Kulturen bringen neue Hürden im Alltag mit sich, da plötzlich Dinge, die für einen immer selbstverständlich waren, keine Selbstverständlichkeiten mehr sind.
Ich erinnere mich an einem warmen Tag an welchem ich sommerliche Kleidung trug und die Spanierinnen zu mir kamen und meine Kleidung vor der Gruppe beim Mittagessen mit „Uiui sexy“ kommentierten. Ich fühlte mich direkt etwas unwohl und ein wenig peinlich berührt. Ich habe mich dann zu meiner einzigen deutschen Freundin hier gedreht und sie gefragt, ob ich eventuell unangebracht gekleidet sei, worauf sie mir antwortete: „Ich glaube die meinen das nicht so, wie wir es verstehen.“ Ich habe daraufhin meinen spanischen Freundinnen erklärt, dass wir in Deutschland normalerweise nur engen Freundinnen sagen, wenn wir ihr Outfit als sexy empfinden und es andernfalls oft als eine Art Mahnung, eher als etwas leicht Abwertendes, empfunden werden kann, wenn jemand einem sagt man sei sexy gekleidet und wollte daraufhin von ihnen wissen wie sie es meinen. Die beiden schauten mich ganz überrascht an und erklärten mir dass sie das ganz ehrlich und als Kompliment meinen, dass es etwas Gutes und lieb Gemeintes ist, wenn sie mir sagen, dass sie finden, dass ich sexy aussehe, frei nach „embrace yourself!“.
Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die so interessant sind, die einem einen anderen Blick auf viele Dinge geben. Und von diesen Alltagsdingen, die so unterschiedlich in anderen Kulturen sind, gibt es viele …

  1. Körperkontakt
    Es ist kein Geheimnis, dass Menschen aus Norddeutschland (so wie ich) den Körperkontakt eher meiden, als ihn zu suchen. Hand geben zu Begrüßung, maximal eine Umarmung, das reicht. Großes Kuscheln oder Anlehnen bei Freunden muss nicht sein, schon gar nicht in einer Unterhaltung. Und wenn doch, dann kann man sich sicher sein, dass das Gegenüber auf mehr als Freundschaft aus ist.
    Umso schwieriger fiel es mir hier anfangs, das Verhalten der Spanier und Südamerikaner zu deuten. Berühren sich unsere Beine unterm Tisch die ganze Zeit mit Absicht? Oder ist es dir einfach egal? Was denkst du wenn du deinen Arm um mich legst, während wir mit der Gruppe zusammenstehen?
    Mich hat das irgendwann alles so verrückt gemacht, dass ich einen Spanier direkt darauf ansprach und ihn fragte wann welcher Körperkontakt was bedeutet. Ich erklärte ihm, wie es für mich als (Nord)Deutsche ist, woraufhin er gute 3 Wochen Scherze darüber machte, wie verklemmt und kühl man denn sein kann, da für ihn Küsse auf die Wange, Anlehnen, im Arm halten oder kleine zufällige Berührungen mit Fremden oder Leuten die man gerade erst kennengelernt hat nichts zu bedeuten haben, während für mich eine unfreiwillige Berührung ein Grund ist, mich bei meinem gegenüber zu entschuldigen.
  2. Zeitempfinden
    Deutsche sind immer pünktlich, Franzosen immer zu spät, Spanier tauchen gar nicht auf. Klischees über Zeitempfinden und wie wir mit Zeit umgehen gibt es genug, die in ganz Europa bekannt sind. Die Erwartungen meiner Kommilitonen an die deutsche Pünktlichkeit musste ich leider enttäuschen, denn wenn es um Pünktlichkeit geht, bin ich wohl das schlechteste Beispiel. Jedoch sind für mich 5 Minuten nach einer vereinbarten Uhrzeit bereits eine Verspätung, während es für die Spanier noch immer Pünktlichkeit ist. Eine halbe Stunde später in den Unterricht kommen, das ist eine Verspätung, sagen meine spanischen Freundinnen mir immer wieder, worüber ich nur den Kopf schütteln kann (unsere niederländischen Lehrer übrigens auch).
    Der ganze Tagesrhythmus wird aber anders empfunden; zu welchen Zeiten gegessen wird, wann geschlafen wird, wann einfach alles getan wird. Abendessen um 23 Uhr? Für die einen der Alltag, für mich und meinen kroatischen Kumpel der absolute Horror. 23 Uhr, hallo?!, da schmiere ich mir Kiehl’s Midnight Recovery unter die Augen in der Hoffnung am nächsten Morgen nicht wie ein Zombie aufzuwachen, weil ich gerade so spät ins Bett gehe.
  3. Beziehungen
    Liebesbeziehungen, wechselnde Partner, das sind für mich private, eher sensible Themen. Was man als Gesprächsgegenstand für angebracht oder weniger angebracht empfindet, kommt stark auf das Umfeld an, in welchem man sich befindet. Jedoch behält man es eher für sich, wenn man einen Fremden im Club für eine Nacht kennenlernt, besonders wenn es jede Woche ein anderer ist. Von den Brasilianerinnen habe ich gelernt, dies gelassener zu sehen. Für sie ist es nämlich kein Problem offen zu zeigen, dass sie wechselnde Partner haben oder einfach offen damit umgehen, wenn da etwas ist was nur den Abend halten wird. Da wird nicht verurteilt oder am nächsten Tag nochmal drüber getuschelt dass da gestern Nacht jemand war. Man sieht keine Not ein großes Geheimnis draus zu machen, denn sie selbst entscheiden wie sie leben und lieben wollen. Es ist ihre Sache und geht trotzdem niemanden was an, außer sie selbst, aber sie sind selbstbewusster dabei dies auch so zu zeigen.

All die Erfahrungen mit den anderen Kulturen sind keine Verallgemeinerungen und müssen auf keinen Fall für alle Menschen aus diesen Kulturen gelten. Dies sind nur Eindrücke, die ich gesammelt habe, ich ziehe keine Rückschlüsse auf die gesamte Kultur, die dahinter steht.
Auf jeden Fall lerne ich viel von diesen Eindrücken und nehme viel daraus mit,  zum Beispiel dass ich mich jetzt nicht mehr schlecht fühlen muss um 23 Uhr zwei Tafeln Schokolade und eine Tüte Chips zu essen, denn woanders ist das Abendbrotzeit!

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5 Comments

  • Reply
    Ann-Kathrin
    26. April 2017 at 10:21

    Dazu fallen mir meinen Finnen und die geliebte (und gelebte) Stille ein.
    Ich bin es gewohnt zu reden, viel zu reden, und hoffe damit die peinliche Stille in Gesprächen oder Treffen zu umgehen.
    Der Finne – schweigt – teilweise Minuten und stört sich nicht dran. Ihnen ist das auch nicht peinlich, mir schon.
    Sie mögen keinen Smalltalk, wenn man nichts wichtiges zu sagen hat, sagt mein einfach nichts.
    Für mich immernoch schwierig zu begreifen :D

  • Reply
    Sylvia
    26. April 2017 at 14:05

    Sehr spannender Beitrag! Ich kann mir vorstellen das es da so einige Missverständnisse gibt. Übrigens sind wir in österreich auch nicht weniger verklemmt und die Schweizer sind noch verklemmter, also von daher bist du nicht allein ;-)

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at – Fotoblog

  • Reply
    Kuliri
    26. April 2017 at 14:55

    Ein sehr interessanter Artikel! Jedoch sind in dem Text etliche Kommafehler und ein paar Rechtsschriebfehler! Nichts für ungut! ;-)

    • Reply
      Anna Frost
      26. April 2017 at 17:42

      Oh, danke für den Hinweis. Da ist die unredigierte Version online gegangen. Ist jetzt geändert.

  • Reply
    Dany
    27. April 2017 at 10:09

    Super Artikel :) Finde es toll, dass du Gastautorinnen Platz auf deinem Blog gibst und so das Themenspektrum erweiterst :) Gerne mehr davon :) (Aber natürlich auch von deinen eigenen Beiträgen *hihi*) Liebe Grüße Dany

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