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Sophie

sophie scholl

Jakob ist mehr als Fashionbloggerfreund und jetzt-Ehemann. Er ist Feminist, politisch engagiert und ein schlauer Kerl. Oft tut er seine Meinung auf Facebook kund, dieses Mal bat ich ihn, seine Gedanken weiter auszuformulieren und hier in diesem Blogposting zusammenzufassen. Gedanken, die wir lesen, verstehen und weitertragen sollten.

 

Am 22. Februar 1943 wurde Sophie Scholl von den Nazis hingerichtet weil sie mit ihrem Bruder und weiteren Mitstreitern der „Weißen Rose“ Flugblätter gedruckt und verteilt hatte, in denen sie den Menschenhass des Hitler-Regimes verurteilen.

Am 22. Februar 2016 sitze ich an meinem Laptop im Wohnzimmer. Während nebenan meine einjährige Tochter schläft, lese ich vom Menschenhass, der zurzeit in Sachsen und dem Rest des Landes wie ein Tumor heranwächst.

Ich lese von Wahlumfragen, die die Rattenfänger der AfD bei den kommenden Landtagswahlen bei über 10% sehen. Ich lese von Brandanschlägen auf geplante Flüchtlingsheime. Ich sehe Videos von einem hässlichen Mob, der einen Bus mit Flüchtlingen bedrängt, bedroht und beschimpft. Ich lese von Forderungen, man solle die deutschen Grenzen dicht machen und niemanden mehr rein lassen. Ich lese von Behauptungen und Lügen, alle Flüchtlinge seien kriminell, der Islam an sich sei gefährlich und die meisten, die in Deutschland Schutz suchen, täten das ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen. Ich lese von anti-europäischen Strömungen, vom Ende des Schengen-Abkommens, vom möglichen Ausstieg der Briten aus der EU. Ich sehe ein Video aus Homs in Syrien, aufgenommen mit einer Drohne, welches die völlige Zerstörungen der Stadt zeigt. Ich lese die Aussage einer AfD-Politikerin, Flüchtlingskinder sollten im Zweifelsfall an der Grenze erschossen werden. Ich sehe Bilder von rassistischen und islamophoben PEGIDA-Demonstranten die zu Tausenden durch Dresden marschieren.

Und plötzlich beschleicht mich eine irrationale und vermutlich absurde Sorge: muss meine Tochter in zwanzig Jahren gegen ein faschistisches und rassistisches Regime kämpfen, so wie Sophie Scholl es tat? Gegen welche dunklen Mächte wird sie kämpfen müssen? Und was kann ich tun, damit es nicht soweit kommen muss? Vor allem: was kann ich tun, damit sie selber nicht das abscheuliche und widerwärtige Menschenbild ebendieser Menschenhasser zu ihrem macht, egal welchen Namen sie nun tragen, ob AfD, PEGIDA, NPD?

Geschichte wiederholt sich. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber leider lernen nicht alle aus dem, was uns in der Schule über die Nazizeit beigebracht wird. So wie die Geschwister Scholl habe ich auch eine Zeit in Ulm gelebt, dort meine Schulzeit verbracht und Abitur gemacht. In Ulm begegnet einem der Name Scholl an zahlreichen Orten, es gibt einen Hans-und-Sophie-Scholl-Platz, ein Hans und Sophie Scholl-Gymnasium, eine Gedenktafel, eine Dauerausstellung. Als Schüler bewundert man auf der einen Seite den Mut dieser Menschen, fühlt sich auf der anderen Seite aber sicher, dass die Art von Widerstand in Deutschland und Europa nie wieder nötig sein wird. Aus dieser Sicherheit ist eher eine Hoffnung geworden.

Wenn man Kinder hat, sieht man viele Dinge anders. Noch so eine Binsenweisheit. Doch tatsächlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft unserer Tochter, die als zweiten Vornamen den von Sophie Scholl trägt. Wir sind in einem geeinten Deutschland und einem geeinten, friedlichen Europa aufgewachsen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, in einem von Hass dominierten Land zu leben. Wir genießen die Freiheit, ohne Kontrolle in unsere Nachbarländer zu reisen, Menschen mit offenen Armen zu empfangen.

Meine und unsere Aufgabe wird es sein, unserer Tochter die Gedanken und das Weltbild von Sophie Scholl und der Weißen Rose näherzubringen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sich der Hass in Deutschland sich nicht weiter ausbreitet, dass Parteien, die im bürgerlichen Mantel die Ideologie der Nazis verbreitet, niemals an die Macht kommen. In der Hoffnung, dass sie selbst niemals gegen ein solches Regime kämpfen muss.

Als Eltern überlegt man sich immer wieder, wer außer man selbst ein Vorbild für das eigenen Kind sein soll. Sophie Scholl ist und bleibt ein Vorbild für alle Mädchen und Frauen.

Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist. Es ist falsch, wenn man von einer nationalsozialistischen Weltanschauung spricht, denn wenn es diese gäbe, müßte man versuchen, sie mit geistigen Mitteln zu beweisen oder zu bekämpfen – die Wirklichkeit aber bietet uns ein völlig anderes Bild: schon in ihrem ersten Keim war diese Bewegung auf den Betrug des Mitmenschen angewiesen, schon damals war sie im Innersten verfault und konnte sich nur durch die stete Lüge retten.

Aus dem Flugblatt II der Weißen Rose

Dieser Text entstand, nachdem die gewaltige Resonanz auf mein gestriges Facebookposting mich überraschte.

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17 Comments

  • Reply
    Na
    23. Februar 2016 at 11:17

    Danke für diesen Post,

    von einer in Deutschland geborenen Muslima :).

  • Reply
    Miriam
    23. Februar 2016 at 12:27

    Danke für diesen Beitrag.
    Wir erleben im Moment Dinge, die mir zum ersten Mal Angst vor der Zukunft machen.
    Liebe Grüße,
    Miriam

  • Reply
    Teresa
    23. Februar 2016 at 12:31

    Danke für diesen Text! Genau die gleichen Gedanken gehen mir auch durch den Kopf, v.a. seit der Geburt meiner Tochter im November.

  • Reply
    Ann-Kathrin
    23. Februar 2016 at 14:00

    Ich habe in den letzten Wochen und Monaten keinen Artikel oder Bericht zu diesem Thema gelesen, der mich so berührt und „erreicht“ hat. Ich hab beim Lesen richtig Gänsehaut gehabt.
    Danke für diesen sehr, sehr wahren und aufrüttelnden Beitrag, Jakob.
    Ich würde mich freuen, häufiger von dir zu lesen.

  • Reply
    Fairlockend
    23. Februar 2016 at 14:31

    Warum ist sie denn nur ein Vorbild aller Mädchen und Frauen, und nicht ein Vorbild auch für Jungen und Männer? :)

    Auch mir macht die Entwicklung grosse Sorgen, aber ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, rassistische und menschenverachtende Strömungen mit beispielsweise einer EU-kritischen Einstellung in einen Topf zu werfen.
    Man kann aus rationalen Gründen gegen eine starke (zentralistische) EU sein und gleichzeitig beispielsweise für das Schengen-Dublin-Abkommen und die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel. Diese Differenzierung fehlt mir bisweilen in der Diskussion, fernab der Verurteilung jeglicher Gewalt und Ressentiments gegen Flüchtlinge und andere Minderheiten.

    In den nächsten Jahrzehnten werden noch viel mehr Menschen an die Türen Europas klopfen, auch insbesondere „Klima“flüchtlinge, und es wird tatsächlich Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und Lösungen zu finden. Dass das auch gewaltige Herausforderungen mit sich bringt, sollte man aber nicht verschweigen, das spielt den rechten Idioten nur in die Hände.

    • Reply
      Katharina
      25. Februar 2016 at 20:41

      Dem stimme ich zu. Man sollte schon differenzieren, um welche Probleme es sich handelt. Das die Briten eine andere Einstellung bzw. Vorstellung von der EU haben, muss nicht zwingend eine Katastrophe sein und ist auch etwas anderes als rechtsextremistische Ausschreitungen. Ob das nun gleich dazu führt, dass wir in ein ähnliches Regime wie in den 30er Jahren abrutschen? Da wäre ich mit einer Prognose vorsichtig. Von einer Mehrheit sind NPD und Afd noch weit entfern…
      Liebe Grüße
      Katharina

  • Reply
    Sara
    23. Februar 2016 at 18:13

    Danke lieber Jakob, dass du deine Gedanken aufgeschrieben und mit uns geteilt hast! Deine Worte haben mich wirklich berührt!

  • Reply
    Ann-Christin
    23. Februar 2016 at 21:37

    Solche Gedanken gehen mir auch seit einiger Zeit durch den Kopf. In was für einer Welt werden unsere Töchter aufwachsen?! Wir müssen alles daran setzen, dass sie so frei groß werden können wie wir.

  • Reply
    Krissisophie
    23. Februar 2016 at 23:47

    Toller Text, Jakob. Du schreibst wirklich, wirklich gut und sehr berührend. :)

    Ganz liebe Grüße,
    Krissisophie von the marquise diamond
    http://themarquisediamond.de/

  • Reply
    Julia
    24. Februar 2016 at 8:19

    Danke für diesen Post, ich bin auch an dem Punkt angekommen, an dem ich mir zum ersten mal Sorgen mache was die Zukunft bringt.

  • Reply
    Sabi
    24. Februar 2016 at 8:37

    Wow, tolle Worte! Vielen Dank, dass ich an deinen Gedanken teilhaben durfte Jakob :)

  • Reply
    Friederike
    24. Februar 2016 at 12:11

    Lieber Jakob,

    ich heiße ebenfalls – allerdings mit dritten Namen – Sophie. Meine Eltern haben ihn mir bereits in den 80-er Jahren in Erinnerung an Sophie Scholl gegeben. Vor drei Jahren war ich in München an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es war sehr bewegend den Ort zu sehen, wo damals die Flugblätter in den Hof segelten. Und so sende ich heute an alle eine digitale „Weiße Rose“- ein Zeichen für Zivilcourage, für moralische Lauterkeit, Mut und Opferbereitschaft im Einsatz für humanistisch-demokratische Ideale.

  • Reply
    Vera
    25. Februar 2016 at 9:31

    Der von Dir beschriebene Tumor rechten Gedankenguts wächst nicht erst jetzt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind nur zum ersten Mal die Auswüchse zu beobachten, da diese ans Tageslicht treten. Diese bedenklichen Entwicklungen haben in den frühen 90er Jahren, wenn nicht gar vor der Wendezeit begonnen. Es hat die sächsische Landespolitik schlicht nicht interessiert. Immerhin wurde um die Gunst der Wähler gebuhlt. Jahrelang hat niemand die NPD Gedenkmärsche zum 13. Februar unterbunden. Im Gegenteil die linken Gegendemonstranten wurden oft wegen abstruser Vergehen arrestiert (Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole-wegen eines „Bildet Banden“- Aufnähers, um nur ein Beispiel zu nennen).
    Bleibt zu hoffen, das eine Veränderung der Geisteshaltung bei den Landespolitikern der etablierten Parteien stattfindet, nun da Sachsen und speziell die braune Suppe genauer unter die Lupe genommen wird.

  • Reply
    Maureen
    25. Februar 2016 at 11:52

    Kloß im Hals, Gänsehaut ! Danke für diesen Post. Das schönste daran : deine friedliche Schreibweise. Ehrlich und ganz auf dem Boden der Tatsachen.
    Danke Jakob.

  • Reply
    Linn Maira
    26. Februar 2016 at 10:12

    Großartige Worte!

  • Reply
    Jonas
    26. Februar 2016 at 23:55

    Kollegen, Freunde, Bekannte fragen, wie man denn in diese Welt Kinder setzen kann.
    Unverantwortlich sei das.
    Ohne unsere Kinder gehen der guten Seite die Mitglieder aus.
    Das wäre unverantwortlich.

  • Reply
    Resi
    9. März 2016 at 16:12

    Danke für das Aufschreiben dieser Gedanken. Posts wie diese kann es nicht genug geben, um weiter aufzuklären.
    Ich habe auch die Angst, dass sich die Geschichte wiederholt, Dresden, meine Wahlheimat für nun 8 Jahre hat sich gewandelt. Man geht Montags nicht mehr gern in die Innenstadt, dank Pegida. Man hat Angst, vor noch mehr brennenden Flüchtlingsheimen hier in Sachsen. Und man fragt sich immer wieder laut „WARUM?“. Ich kann es leider nicht beantworten, aber immer wieder aufklären hilft. Und zu zeigen, dass man nicht mit der braunen Masse mitläuft, sondern dass es hier auch viel Weltoffenheit und freundliche Gesichter gibt. Denn selber aktiv zu werden, sich für die Flüchtlingshilfe zu engagieren, auf Demos wie „Herz statt Hetze“ zu gehen, immer wieder in Konfrontation zu gehen, nur das hilft.

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