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#Gastkolumne: Ich wusste es nicht besser…

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Zur Zeit gibt es viele Artikel im Internet, die von Frauen, ihren sowohl schönen, als auch unschönen sexuellen Erlebnissen berichten, die von sexuellen Übergriffen, ungewolltem Sex und auch Sexismus schreiben. Ich lese diese gerne, ich teile sie auf meinen Social Kanälen, denn ich will, dass viele diese Artikel lesen und verstehen, was richtig und was falsch ist. Ich setze mich für Frauenrechte ein, diskutiere mit Männern über Gleichberechtigung und nenne mich selbstbewusst Feministin.

Letztens las ich den Artikel auf Edition F, in dem eine junge Frau öffentlich sagt, dass sie vergewaltigt worden ist und beschreibt den Fall. Es war nachts, nach einer Party, sie ging mit einem Mann nach Hause und stellte von vornherein klar, dass sie nur dort übernachten werde. Nichts weiter. Sie brauchte eine Übernachtungsmöglichkeit.

„Nachts bin ich dann irgendwann davon aufgewacht, dass er auf mir lag und in mich eingedrungen war. Ich brauchte ein paar Sekunden um zu realisieren, was gerade passierte. Dann schrie ich ihn an sofort aufzuhören. Noch heute kann ich mich an sein verwundertes Gesicht erinnern. Glaubte er tatsächlich, ich wolle mitmachen? Ich verstehe bis heute nicht, wie er auf diese Idee kam.“

Mir wurde schlecht. Kalter Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Und das nicht, weil ich angeekelt von dem Verhalten des Mannes war, sondern weil mir etwas ähnliches passiert war. Ich musste aufhören zu lesen, denn mir wurde kotzübel. In meinen Ohren fiepte es, ich verlor jegliche Farbe im Gesicht und alles drehte sich. Bis eben hatte ich nicht mehr an diese eine Situation gedacht, hatte sie verdrängt. Vergessen. Bis eben. Bis ich diesen Artikel las. Und plötzlich waren die Bilder wieder da. Klar, als wäre es gestern gewesen. Gerüche, Gefühle, Geräusche – alles war wieder da. Wurde ich vergewaltigt? In der einen Nacht, damals vor etwa 10 Jahren? Ich bin irritiert… Ich glaube, ja.

Alkohol war im Spiel. „Natürlich. Alkohol ist doch immer Schuld!„, werden einige jetzt denken. Ich war 18, vom Alkohol berauscht und offensichtlich leichtsinnig. Und auch naiv. Ich hatte nach der Party meinen Exfreund, mit dem ich im Guten auseinander bin und noch immer eng befreundet war, mit zu mir nach Hause genommen, es war schon spät – oder auch früh, je nachdem, wie man es sehen will – und ich bot ihm die Schlafcouch an. Sein Weg nach Hause wäre noch weit gewesen und ich war gastfreundlich. Wir waren schon seit mehreren Monaten kein Paar mehr und ich datete zu dem Zeitpunkt einen anderen Jungen. Ich selbst ging in mein Bett. Wir quatschten noch ein wenig, die Schlafcouch stand im selben Zimmer wie mein Bett, und ich schlief auch schnell ein. Und dann kam der Moment, der beinahe identisch mit der Geschichte der jungen Frau aus dem Artikel ist:

Ich wurde nachts wach, weil er auf mir lag und in mich eingedrungen war. Er stöhnte, streichelte meine Brust, stieß feste zu. Ebenfalls brauchte ich einen Moment, um zum Einen zu verstehen, was da gerade passiert und bis ich wach wurde, um zu reagieren. Meine Schlafanzughose war ausgezogen, mein Slip nur zur Seite und mein T-Shirt hochgeschoben. Ich schubste ihn von mir runter und aus dem Bett, zog mich soweit es ging wieder an, brüllte ihn währenddessen an, was das denn sollte und warf ihn mitsamt seiner Klamotten umgehend aus der Wohnung raus. Es ging alles ziemlich schnell. Ich machte die Tür hinter mir zu und stand eine Weile mit dem Rücken zur Wohnungstür gelehnt. Ich war verwirrt. Was war das? Was fiel ihm ein? Was ein Arsch.

Natürlich sahen wir uns ein paar Tage später, wir hatten denselben Freundeskreis. Aber die Sache kam nie wieder zur Sprache. Ich selbst habe es… ja, als was habe ich es abgespeichert?! Eigentlich gar nicht. Ich habe die Situation verdrängt. Sie nicht als diese gesehen, welche sie war: Nicht einvernehmlicher Sex.

Was ich damals gedacht habe? Ist heute 10 Jahre später schwer zu rekonstruieren, da ich vieles nicht mehr weiß, vergessen wollte und das auch habe. Was ich noch weiß: Ich dachte noch in der Nacht, als er die Wohnung verließ, und am nächsten Morgen darüber nach, ob ich ihm vielleicht im Halbschlaf geantwortet habe, ihm erlaubt habe, in mich einzudringen, mit mir zu schlafen. Ich fühlte mich schmutzig. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas schlimmes getan. Ich ging noch in der Nacht duschen und legte mich danach zurück in mein Bett, um meinen Rausch weiter auszuschlafen.

Was ich heute denke?

Warum ich ihn damals nicht zur Rede gestellt habe.
Warum ich nicht wusste, was da mit mir passiert ist.
Warum ich das Gefühl hatte, mit niemandem darüber reden zu können.
Warum mir niemand sagte, dass eine Vergewaltigung schon da beginnt, wenn der Sex gegen meinen Willen stattfindet. Und nicht nur, wenn diese in einer dunklen Gasse von einer unbekannten Person vorgenommen wird, wie es uns die Reportagen im TV immer sagen.
Warum ich den Fehler bei mir gesucht habe…

Ich hatte mit dem Thema mehr oder weniger abgeschlossen, es vergessen über die Jahre. Bis ich diesen Artikel las. Ich wusste es damals nicht besser. Es hatte mir niemand gesagt, wo eine Vergewaltigung anfängt. „Lass dich nicht von fremden Männern anquatschen!“ oder „Steig zu niemand Fremdes ins Auto!„, sagten mir meine Eltern, wenn ich auf Parties ging oder das Haus in Richtung Disco verließ. Die Gefahr war immer fremd, saß im Auto oder wartete in einer dunklen Gasse. Es fühlte sich damals irgendwie komisch, irgendwie falsch und nicht richtig an, was da vor 10 Jahren bei mir zuhause passiert war. Aber ich wusste es einfach damals vor 10 Jahren nicht besser. Und deswegen sind diese Artikel wichtig und die Stimmen, die jetzt laut werden. Deswegen ist es wichtig, dass wir unseren Kindern sagen, was im Umgang miteinander richtig und was falsch ist. Und dass die Gefahr nicht immer unbedingt fremd ist.

10 Jahre später, ich nenne mich Feministin und setze mich für die Rechte von Frauen ein. Ich diskutiere mit anderen über die Gleichberechtigung und bin eine selbstbewusste Frau. 10 Jahre später, wir sind zwar noch auf Facebook befreundet, aber nicht mehr wirklich im echten Leben. 10 Jahre später stelle ich ihn zur Rede, sprach ihn auf die Situation an und erklärte, was er falsches getan hatte.
Jetzt, 10 Jahre später kann er sich „…leider nicht an besagte Nacht erinnern, es täte ihm jedoch leid, wenn etwas geschehen sei, was mir offenbar seelische Schmerzen zugefügt hätte, woran er doch leider keine Erinnerung habe…„.

Es war abzusehen. Aber ich habe längst abgeschlossen. Spätestens jetzt, wo ich meine Gedanken in diesem Beitrag niederschreiben und meine Geschichte erzählen konnte. Denn ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, diese Geschichten zu erzählen, zu warnen, aufmerksam zu machen und Menschen zu sensibilisieren. Es brauchte die Geschichte einer anderen Frau, damit ich verstand, was mir geschehen war. Damit ich eine Erklärung für etwas finden konnte, was ich damals nicht verstand und woran ich nicht mehr denken wollte.

Und warum das Thema gerade heute hochkocht? Weil Facebook mir soeben mitgeteilt hat, dass sich seine und meine virtuelle Freundschaft heute ein weiteres Mal jährt. Definitiv ein letztes Mal.

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14 Comments

  • Reply
    Charlotte
    23. August 2015 at 14:27

    Stark! Danke an die Autorin für den Mut und auch die Inkaufnahme von dem Aufwühlenden was es mit sich bringt, das, was einem passiert ist in Worte fassen zu wollen und danke an Anna Frost, auf einem Blog auch solchen Dingen Raum zu geben. Das ist stark, denn viele Blogs zeigen meist nur eine Seite, die Schöne, von dem was offline passiert. Das ist auch nicht schlimm und hat auch seine Berechtigung, ich versuche auch noch das richtige Maß von Ernsthaftigkeit für meinem Blog zu finden. Aber gerade weil es so viel Unangesprochenes und Unausgesprochenes gibt, ist es toll, dass Du hier einen Blog erschaffst, der Raum gibt. Fafine ist authentisch und ehrlich und das schätze ich daran!

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
    Charlotte

  • Reply
    Marie
    23. August 2015 at 21:28

    Liebe Anna, erst wollte ich den Artikel nicht lesen. Dann tat ich es doch, ich finde das schrecklich und mutig und so vieles mehr. Mit 16 wurde ich abends von einem Typ in einer Bushaltestelle begrapscht, ich habe ihm ins Gesicht geschlagen und erst Zuhause gemerkt, dass er mir bis in die Hose gegangen ist. Und dann sitzt du da und kannst es keinem erzählen, fühlst dich schuldig. Ich hatte das bis jetzt vergessen oder so.
    Viele Grüße, Marie

    • Reply
      Julia
      26. August 2015 at 16:59

      Marie,

      ich habe großes Mitgefühl mit dir und sehr großen Respekt, dass du es geschafft hast, dich zu wehren.
      Du kannst stolz auf dich sein, dass du den Mut dazu gefunden hast,genau wie die Autorin zumindest darüber zu schreiben.

      Wenn es niemanden gibt, dem du dich anvertrauen kannst, kann es vielleicht helfen, wenn du dir alles von der Seele schreibst. Oder du kannst anonym bei der Nummer
      gegen Kummer anrufen 0800/111011 oder 0800/1110222

      Alles Gute für dich!

      • Reply
        Anna Frost
        26. August 2015 at 17:49

        Danke für den Hinweis mit der Nummer gegen Kummer!

  • Reply
    coeurdelisa
    24. August 2015 at 7:28

    Wirklich stark darüber zu schreiben von der Autorin! Danke, dass du diesem Beitrag einen Platz gegeben hast!

  • Reply
    WEEK IN SOME NOTES – RECAP #8 « LINA MALLON LINA MALLON
    24. August 2015 at 10:55

    […] mir einen Kloß im Hals, befreit trotzdem auf seine eigene Art beim Lesen. Ein unheimlich starker Artikel über eine dunkle Erfahrung, die nicht wenige Frauen in vielerlei Formen machen mussten und die sie […]

  • Reply
    July
    25. August 2015 at 0:00

    Starker Text. Ich les ihn zum zweiten Mal. Er ist ehrlich, mutig und wahr. Ich würde jetzt sagen, wie sicher viele andere auch, viel Kraft an die Autorin. die sie aber vielleicht gar nicht wirklich braucht, weil sie genug Kraft hat.

    Ich bekam vor 5 Jahren eine Email. Von jemanden, den ich längst verdrängt hatte. Mit dem ich nur einen Abend verbracht hatte und danach nie wieder ein Wort gewechselt hatte. In der Email stand, dass es ihm heute sehr leid täte. Das er noch viele Jahre danach daran gedacht hätte, was er mir angetan hatte. Ich hatte das verdrängt. Bis dahin. So gut es ging. Ich weiß nur noch, dass ich an diesem Abend seine Wohnung verließ und mir sagte: entweder du denkst nie wieder daran oder es wird dich kaputt machen. Ich dachte nie wieder daran. So gesehen. In Wirklichkeit dachte ich sehr oft daran und nicht erst, als diese Entschuldigungsmail kam. Auch wenn alle Feministen und andere jetzt aufschreien werden: ich habe ihm nie die Schuld gegeben. Er hatte sich nicht unter Kontrolle. Hatte mein Nein nicht akzeptiert und mein Weinen ingoriert. Ich konnte mich nicht wehren und habe einfach gewartet, bis es vorbei war. Bis ich meine Klamotten zusammen klauben konnte, mich anziehen und verschwinden. Weg von ihm, weg von dieser Situation, diesem Geschehnis, weg von all dem. Ich war aber auch dumm genug zu ihm nach Hause zu fahren. Ich war naiv genug zu glauben, es passiert ncihts, was ich nicht will. Ich dachte immer, wenn ich Nein sage, dann wird das auch akzeptiert. Ich war damals 17. Heute bin ich über 30. Ich dachte immer, das wird mein eh schon labiles Ego noch weiter schädigen. Das tat es aber nicht. Von all den Probleme, mit denen ich heute so kämpfen muss, wurde keines von diesem Geschehniss ausgelöst. Auch wenn ich bis heute nicht beim Namen nennen will und kann.

    Ich habe mich oft gefragt, wie viele andere Frauen, Mädchen, so etwas erlebt haben und geschwiegen. Ob andere damit besser zurecht kamen oder schlechter. Und ob die Männer, die so etwas aus dem Eifer des Gefechts tun, sich hinterher auch schlecht fühlen. Durch die Email wusst ich, es tat ihm auch fast 10 Jahre später noch leid. Er hatte sich die Mühe gemacht, mich im Internet zu finden. ER wusste ja scheinbar sogar noch, wer ich bin und wie ich heiße. Ich glaube heute, ihn hat das mehr beschäftigt als mich. Ich hatte es nur ausgeblendet. Er muss aber sein Leben lang damit leben, dass er einem jungen Mädchen weh tat und ihr Nein nicht akzeptiert hatte. Aber es ist gut, dass andere darüber reden. Sprechen. Schreiben. Das klar wird, wie viele Menschen benutzt, gezwungen oder sonst etwas wurden.

    Das ist sicher keine Entschuldigung. Es gibt keine Entschuldigung für so etwas. Wenn jemand nein sagt, heißt das nein. Wenn jemand etwas nicht will, dann will er es nicht. Niemand hat das Recht sich etwas zu nehmen, was der andere nicht bereit ist zu geben.

    Danke, dass du deinem Blog dafür eine kleine Platform gegeben hast. Und damit vielleicht auch andere den Mut finden, zu sagen, was ihnen passiert ist. Egal wo.

    • Reply
      chinkypow
      30. September 2015 at 2:19

      „Ich war aber auch dumm genug zu ihm nach Hause zu fahren. Ich war naiv genug zu glauben, es passiert ncihts, was ich nicht will. Ich dachte immer, wenn ich Nein sage, dann wird das auch akzeptiert. “

      Wobei ich (naiverweise?) davon ausgehe, daß dem bei der Mehrheit aller Männer auch tatsächlich so ist (wohlgemerkt, wenn wir davon reden, daß es nicht nur um Interpretation von Gesten und Mimik geht, sondern das tatsächlich ausgesprochen wird, daß das Gegenüber nicht einverstanden ist).

  • Reply
    Claudia
    25. August 2015 at 10:19

    Danke für diesen Beitrag! Ich finde es auch wichtig, über solche Themen zu sprechen.

  • Reply
    A.
    25. August 2015 at 16:23

    Ich kenne die Situation . Und finde es am schlimmsten, dass der Opfer die Situation nach zehn Jahren immer noch im Kopf hat, wobei der Täter sich daran gar nicht mehr erinnern kann. Ich war in meiner Beziehung emotionell und sexuell ausgenutzt . ,, wenn du mich liebst machst du das . ,, warum willst du mich nicht was ist los mit dir?!“ ,, du hast dich doch so angezogen!“,, sei nicht so empfindlich “ Ich höre diese Sätze manchmal immer noch im Kopf , obwohl ich ihn nach einem Jahr verlassen habe . Verstanden habe ich lange nicht, was da passiert ist. Mit meinem derzeitigen Freund setze ich die Grenzen ganz klar . Wenn ich keine Lust habe oder müde bin, ist es eben so. Er hat mir nie weh getan oder etwas gegen meine wille. Er fragt nach wie es mir gut ist und was ich möchte. So soll es sein . Und niemals anders.

  • Reply
    Danielle
    29. August 2015 at 13:19

    Ich kann nur zustimmen, ganz toller Artikel! Es hat mich wirklich berührt und ich finde es toll darauf aufmerksam zu machen, das es nicht immer der Fremde in der dunklen Gasse ist, sondern dass die Gefahr viel näher sein kann als man denkt!
    Danke dafür!

  • Reply
    Nica
    31. August 2015 at 10:37

    Toller Artikel- eine Triggerwarnung hätte ich hier dennoch für angebracht gehalten.

  • Reply
    Patty
    6. September 2016 at 11:16

    Über einen Post zum Thema emotionaler Missbrauch in einer Beziehung bin ich auf dieses Thema und letztendlich auf diesen Artikel gestoßen. Beides hat mich angetriggert. Und plötzlich wurde mir klar, was ich in einer 14 Jahre andauernden Beziehung- die ich Gott seis gedankt!- vor zwei Jahren beendet habe, erduldet habe. Was mir angetan wurde. Es ist schwer, da hinzugucken, das zuzulassen, sich damit auseinander zu setzen. Aber ich habe beschlossen, nicht schweigen zu wollen. Ich werde darüber sprechen und ein Hörspiel daraus machen. Danke für den Artikel.

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