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warrior

warrior fist

Ich finde Frauen wunderbar. Männer auch. Aber ich glaube, Frauen muss man es öfter sagen, dass sie wunderbar sind, denn sonst vergessen sie es. Männer hingegen haben teilweise ein ziemlich gutes Selbstbewusstsein und finden sich von Natur aus ziemlich dufte. Zumindest trifft das auf den Großteil der Männer zu, die ich kenne. Natürlich sagen wir Frauen unseren Männern ab und zu, dass wir sie wunderbar finden, aber meist hat das amouröse Gründe…

Es ist Sonntagabend, ich gieße mir ein Glas Rotwein ein und schaue mir die Diskussion an, die sich in den letzten 48 Stunden unter einem meiner Instagrams angesammelt hat (Den gesamten Diskussionsverlauf seht ihr leider nur in der App, nicht in der Desktopversion). Diese Diskussion hat mich zugleich wütend und traurig gemacht. Ein simples Foto von einem Buch, eine simple Bildunterschrift von mir hat nach dem dritten Kommentar eine Diskussionswelle ausgelöst, die zwar sachlich war, aber irgendwie aus dem Ruder lief und am Thema vorbeidriftete. Gleichzeitig erkannten viele Diskussionsbeiträge den Frauen ab, dass sie Kämpferinnen sind.

Ich kaufte mir den Bildband „The Bodies of Mothers – a beautyful Body Project“ von Jade Beall. Ein Bildband mit wahnsinnig starken Fotografien von Müttern, teilweise mit ihren Kindern, in unterschiedlichen Posen: Stillend, verhüllt, nackt, in Posen einer Amazone, barbusig, vielleicht sogar mit tropfendem Busen, verletzlich, stark. Ein unglaublich schönes Buch mit so ausdrucksstarken Bildern und den jeweiligen Geschichten der abgebildeten Frauen. Beim ersten Durchblättern haben mich meine Gefühle eiskalt überrumpelt und ein paar Tränen der Rührung kullerten mir die Wangen hinunter. Ich fühlte mit einigen der Stories der Frauen mit und war ergriffen von so viel Stärke.

Der Körper einer Mutter ist gezeichnet, völlig egal ob sie spontan gebar, mit PDA oder ohne oder mithilfe eines Kaiserschnitts, in einer Klinik oder in ihren eigenen vier Wänden, im Wasser, im Wald, alleine oder mit Publikum, in der Hocke oder im Liegen. Der Körper einer Mutter hat etwas faszinierendes geschafft – er hat ein Kind hervorgebracht. Der Körper einer Mutter hat etwas getan, was völlig natürlich ist, täglich mehrfach geschieht und eigentlich nichts besonderes ist und gleichzeitig doch etwas besonderes ist. Ein Kind auf die Welt zu bringen ist für jede Frau anders schwierig oder einfach, je nach Blickwinkel. Es kann Stunden dauern, die reinste Tortour sein oder innerhalb kürzester Zeit geschehen und ein Zuckerschlecken sein. Die eine Frau durfte dieses kleine Wunder, welches einen an den Rand jeglicher Emotionen, die man haben kann, treibt bereits viele Male erleben, bei anderen bleibt es bei einem oder zwei Malen. Denke ich an die Geburt meiner eigenen Tochter zurück, dann denke ich immer und immer wieder an diesen einen einzigartigen und  magischen Moment zurück, an die erste Sekunde als sie endlich da war, uns ansah, mir tief in die Augen sah und mir klar wurde, dass sich mein Leben von dieser Sekunde an ändern würde.

Der Körper einer Mutter hat Male. Sichtbare und auch weniger sichtbare, vielleicht sind die Male auch im Herzen und auf der Seele zu finden. Dehnungsstreifen, Kaiserschnittnarben, Risse in der feinen Haut der Brust. Vielleicht aber auch seelische Narben durch ein Geburtstrauma. Viele Frauen machen sich Vorwürfe, weil sie nicht spontan gebären konnten, sondern das Kind mit einem Notkaiserschnitt geholt werden musste. Es gibt Frauen, die erlitten eine Schwangerschaftsvergiftung, litten unter HELLP Syndrom, Eklampsie, Nabelschnurvorfall, Sauerstoffunterversorgung, um nur einige Faktoren zu nennen, die gegen eine spontane Geburt sprechen. Es gibt Frauen, die werfen sich selbst oder anderen Frauen vor, ein Kaiserschnitt sei keine „richtige Geburt“. In meinen Augen absoluter Schwachsinn und nicht nachvollziehbar, wie man anderen Frauen die Tatsache einer Geburt aberkennen will. Aber auch die optische Veränderung des Körpers, dem einiges in der Schwangerschaft abverlangt wurde, kann zu seelischen Schmerzen führen. Und nein, nicht jede Frau sieht 8 Wochen nach der Geburt wieder so aus wie Heidi Klum oder Miranda Kerr. Klar, könnte sie. Aber nicht jede Frau ist von Beruf Model und muss in Größe 34 passen, weil es ihr Job ist. Was 40 Wochen wuchs, kann nicht innerhalb von wenigen Wochen wieder in den Urzustand versetzt werden.

In dem Bildband sind viele unterschiedliche Geschichten von den Frauen zu lesen, die zum Beispiel lange dafür kämpften, schwanger zu werden, die gegen eigene Krankheiten oder die ihrer Kinder kämpften (eine Mutter verlor ihre krebskranke Tochter, sie starb nach dem Shooting für das Buch), die lange brauchten, um ihren Körper zu akzeptieren – nach der Schwangerschaft, aber auch davor, Frauen mit starken Malen aus der Schwangerschaft, Frauen, die sich erst wirklich weiblich durch ihre Schwangerschaft fühlten und auch wunderschöne Frauen, die keinerlei Komplikationen hatten und ihren Körper so schön wie nie zuvor finden. All diese Frauen sind eine Inspiration. Eine wahnsinnig starke Inspiration. Ich finde sie wunderbar, denn sie zeigen sich in diesem Bildband so, wie sie sind, wie sie sich verändert haben und wie der Körper einer Frau eben aussehen kann nach einer Geburt.

Meine Bildunterschrift zu dem Instagramfoto mit dem Buch in meiner Hand war: „Marks of warriors“. Zu Deutsch: Male von Kriegerinnen.

Marks of Warriors

Ein von anna frost (@annafrost) gepostetes Foto am

(Den gesamten Diskussionsverlauf seht ihr leider nur in der App, nicht in der Desktopversion)

 

Kurz nach der Veröffentlichung brach daraufhin eine Diskussion darüber aus, ob sich eine Frau Kriegerin / Kämpferin nennen darf, der Begriff sei ja negativ behaftet. Er habe mit Krieg zu tun und Krieg ist nunmal nicht unbedingt etwas Schönes. Ich habe mir das eine Zeit lang angesehen, alle Kommentare und Diskussionsbeiträge durchgelesen, bis mir dann irgendwann die Hutschnur geplatzt ist. Fast ausschließlich Frauen haben sich an der Diskussion beteiligt und sich gegenseitig klein geredet. Frauen, die sich gegenseitig aberkannt haben, dass sie starke, selbstbewusste Frauen sind. Es kann doch nicht sein, dass sich Frauen gegenseitig klein machen!? Dadurch, dass sich die Frauen in dem Bildband überwiegend nackt zeigen, machen sie klar, dass sie mit sich und ihren Makeln, die vielleicht durch eben jene Krankheiten oder auch durch die Schwangerschaft entstanden sind, im Reinen sind. Ich finde das bemerkenswert, stark und großartig. Jede von ihnen kann für eine andere Frau ein Vorbild sein. Den noch immer in der Gesellschaft als hässlich angesehenen Veränderungen des weiblichen Körpers nach der Geburt den Schrecken, das Negative nehmen. Für den Begriff Warrior / Kriegerin / Kämpferin gibt es unterschiedliche Abstufungen, die je nach Kontext zu verstehen sind. Viele Frauen kämpfen mit sich, ihrem Selbstbewusstsein und den Makeln an ihren Körpern. Wer den innerlichen Kampf besiegt hat und sich schön fühlt, so wie er/sie ist – derjenige / diejenige ist in meinen Augen eine Kämpferin / ein Kämpfer! Man ist nicht nur eine Kämpferin oder ein Kriegerin, weil eine Krankheit besiegt oder ein Kind geboren wurde. Eine Frau ist eine Kämpferin, wenn sie ihren Alltag mit allen Höhen und Tiefen meistert. Sie ist eine Kriegerin, wenn sie gegen ihre eigenen Dämonen kämpft, vielleicht sogar als Galionsfigur für viele andere voran schreitet. Eine Frau ist eine Kämpferin, wenn sie in den Spiegel sieht und sich selbst sagt, dass sie schön ist! Wenn sie ihr Selbstbewusstsein stärkt, den Kopf und die Schultern gerade rückt und erhobenen Hauptes ihr Ding durchzieht. Eine Frau ist eine Kriegerin, wenn sie eine Inspiration für andere Frauen und Mädchen ist. Aus diesen Geschichten anderer Frauen mit einer positiven Einstellung zu sich selbst kann jeder lernen. Und genau das ist es, was ich meiner Tochter beibringen werde. Sie zieht täglich ihre unsichtbare Rüstung an und begibt sich in den Kampf. Ein täglicher Kampf mit dem Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, mit Gegen- und Rückenwind. Mal hat man eine Kriegerin an seiner Seite, mal wird man zum Einzelkämpfer. Und wer nicht kämpft, der ist entweder auf den Rückenwind anderer angewiesen oder muss sich Deckung suchen. Im Leben gibt es nichts geschenkt – man muss für seine Träume kämpfen.

Frauen, die den Weg zu sich, einer Selbstakzeptanz und einem gesunden Selbstbewusstsein gefunden haben, sind ein wahnsinniges Vorbild. Frauen, die es geschafft haben, sich in einer Männerdomäne hochzuarbeiten, sind Vorbilder. Frauen, die für die Rechte anderer Frauen kämpfen, sind Kriegerinnen und Vorbilder. Aus den Geschichten anderer Frauen mit einer positiven Einstellung zu sich selbst kann jeder lernen. Der Begriff „Kriegerin“ strahlt ein wahnsinniges Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Stärke aus. In meinen Augen ist jeder ein Krieger, der einen kleinen oder großen Kampf jeglicher Art mit sich selbst oder widrigen Umständen ausgefochten hat.

Ich habe auch lange mit meinen eigenen Makeln und meinen verbliebenen Narben aus der Schwangerschaft gekämpft. Nein, ich bin nicht der Modeltyp, bin nicht groß und schlank. Ich muss für jedes Pfund weniger kämpfen. Und ich habe für jedes Gramm der Schwangerschafspfunde gekämpft, um mich wieder schön zu fühlen. Und ja, ich habe dafür gekämpft, keine Dehnungsstreifen zu kriegen. Den Kampf habe ich jedoch verloren und es hat mir zu schaffen gemacht. Mittlerweile habe ich das akzeptiert und wenn ich mir die kleinen Streifen ansehe, dann weiß ich, welche Geschichte dahinter steckt und es ist ok. Sie gehören nun zu mir und werden vielleicht mit der Zeit verblassen. Vielleicht auch nicht. Auch habe ich akzeptiert, dass sich mein Körper verändert hat. Dem Einen fällt es auf, anderen nicht. Das ist nicht wichtig, mir ist das nicht wichtig, denn ich finde mich ok. So, wie ich bin. Mit meinen Makeln. Denn die machen mich zu dem, was ich bin. Sie sind die Male einer Kriegerin.

Und auch du bist eine Kriegerin. Jeden Tag aufs Neue. Also gib nicht auf, denn du kämpfst den Kampf für dich. Vielleicht auch für andere, die zu dir aufsehen oder dich an ihrer Seite brauchen.

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4 Comments

  • Reply
    hanna
    21. August 2015 at 23:32

    Liebe Anna,

    Ich verfolge dich schon eine Weile und habe auch regelmäßig deine Beiträge auf Fashionpuppe verfolgt. Ich bin 24 und war lange schwer depressiv, habe den Mut an mich selbst und an die Schönheit des Lebens verloren und habe meinen dunklen Begleiter immernoch nicht ganz loswerden können. Aber dein Text hier gerade hat mich sehr inspiriert und aufgebaut. Auch ich bin eine Kriegerin, die jeden morgen wach wird und sich dies ins Gedächtnis rufen muss und meinen Selbstwert stärken muss. Aber das war auf jeden Fall nochmal ein gut formulierter Anstoß dazu, sich ein Herz zu fassen und sich selbst einen Schritt näher zu kommen und stark zu bleiben. Für sich selbst, nicht für andere. Man ist okay wie man ist. Das ist für mich hart, aber mit dem richtigen Wink, bin ich denke ich auf dem richtigen Weg. Bitte mach weiter so und inspiriere die Frauenwelt dadraußen :)

    Lieben Gruß

    • Reply
      Anna Frost
      22. August 2015 at 13:42

      Das hast du schön gesagt!! Ich drücke dir alle Daumen, dass du deinen dunklen Begeleiter bald los wirst <3

    • Reply
      Andrea
      24. August 2015 at 20:08

      Liebe Hanna,

      Du hast das wunderbar ausgedrückt und wunderbar erkannt!! Auch wir sind Kämpferinnen, wir sind stark! Wenn das Arschloch (verzeih bitte, aber so nenne ich meines) in Deinem Kopf Dir was anderes erzählt, tritt ihm in den Allerwertesten :)

      Du bist okay so wie Du bist, mehr als okay! Du bist genug und wunderbar. Es wird leichter <3

      Alles Liebe
      Andrea

      PS: Liebe Anna, ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich mich so einklinke – ich bin 28, selbst depressiv, essgestört, mit wunderbaren eigenen "marks". Eine Kriegerin, die sich zur Aufgabe gemacht hat, andere Frauen von meinen Erfahrungen profitieren zu lassen und sie zu stärken. :)

      • Reply
        Anna Frost
        24. August 2015 at 22:33

        <3 alles gut und genau das richtige!

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