LIFESTYLE

So nicht.

so nicht header

Haben die ein Ei am Brennen?“, sagt er zu mir am Telefon, wohl wissentlich, dass ich die Deadline unter den Umständen nicht schaffen werde und die Agentur alle halbe Stunde nervös und mit zunehmendem Druck nachfragt, ob der Kurier schon da war. Samstag hätte das Produkt bei mir sein sollen, Dienstag Vormittag ist Deadline und Mittags sollte der Artikel raus. Genügend Zeit, um wie immer alles in Ruhe zu testen, auszuprobieren, Fotos zu produzieren und in Ruhe Fakten zu recherchieren, mir Gedanken zu machen und den Artikel zu schreiben. Es ist Dienstagmittag, bisher war kein Kurier bei mir. Ich kann ihn auch nicht verpasst haben, da ich quasi neben der Tür sitze, Duschen für heute mit Ansage gecancelt habe, um sehnsüchtig auf den Kurier zu warten. Die Agentur fragt erneut ungeduldig nach, ob ich nun endlich alles habe. Nein, habe ich nicht und bin dabei mehr als entspannt. Ändern kann ich es nicht. Dann geht der Artikel eben später online. Letztendlich war es nicht meine Schuld, was mich noch immer total entspannt der nahenden Deadline entgegenblicken lässt. Das, was sich der Kunde gewünscht hat, was besprochen war, was vertraglich festgehalten wurde, ist in der kurzen Zeit eh nicht mehr zu 100% umsetzbar. Hätte der Kurier gestern noch das Paket geliefert, wäre es auch kein Thema gewesen. Wäre das Paket heute rechtzeitig gekommen… Hätte, hätte, Fahrradkette. Auch der Kurier kann nix dafür. Allerdings in nun nur noch einer Stunde den Artikel runterzureissen, meine Ansprüche an meine Artikel runterzuschrauben und etwas abzuliefern, womit ich nicht zu 100% zufrieden bin, kommt nicht in Frage. Auch die Fotoproduktion kostet Zeit. Ich muss mich noch in das Produkt einarbeiten, es wenigstens mal ansehen, eventuell die hoffentlich beiliegende Pressemitteilung lesen. Was auf fafine.de oder auch meinen anderen Kanälen gezeigt wird, ist keine Sache von mal eben husch husch, schnell schnell. Wenn ich Dinge und Sachen empfehle, dann auch wirklich und echt. Mit gutem Gewissen. Dann auch mit einer echten Meinung und nicht den PR-Worten, die man in einer Pressemitteilung findet. Das wissen Leserinnen und Leser, das wissen auch meine Partner. Das wird auch immer so abgemacht.
Die Agentur wird ungeduldiger und ungeduldiger. Ob ich nicht schon schnell den Artikel reinreichen könnte, sie hätten dem Kunden die Veröffentlichung für heute versprochen. Ich frage mich allen Ernstes, von welchem Artikel sie redet, den ich ohne das Produkt, welches ich nicht kenne, nicht ausprobiert, nicht angesehen und zu dem ich keinerlei Informationen habe, einen Artikel schreiben soll. Aus Nichts etwas herstellen, ist große Kunst. Genauso, wie durch Null teilen …
Offensichtlich weiss der Kunde nicht, dass die Lieferung nicht wie abgemacht 4 Tage vor Veröffentlichung bei mir hätte sein sollen, dass irgendjemand den Aussand verkackt hat, ich auf mehrfache Nachfrage keine weiteren Infos zur Sendung bekam und ich kriege nun Druck gemacht, damit der eine oder andere zwischengeschaltete Kopf aus der Schlinge gezogen werden kann.
Fahrradfahrerhaltung nennt man das … Nach oben buckeln, nach unten treten. Ich hatte auch mal Phasen, in denen ich so war. Ab und an habe ich auch jetzt noch solche Ansätze, den Tunnelblick, den Ragemodus, dass ganz schnell etwas erledigt und abgearbeitet werden muss und passiert das nicht in der vorgegebenen Zeit, dann gehe ich – stressgeladen und gereizt – gerne mal kurz an die Decke. Den HB-Männchen-Rage kann man sich aber sparen, habe ich gelernt. Dreimal tief Luft holen und zulassen, dass man einiges einfach nicht erzwingen kann. Und dass es durch Druck erst recht nicht besser wird. Akzeptieren, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen, bestimmte Dinge nicht funktionieren, je mehr Druck man aufbaut – das muss man für sich lernen. Meinem Magen tat es nicht gut, meinem Kopf erst recht nicht und dem Herzen schon gar nicht. Nennt es Zen, Erkenntnis mit 30 oder einfach Erfahrung.
Ich warte noch immer auf den Kurier. Mittlerweile habe ich der Agentur gesagt, dass eine heutige Veröffentlichung bis zur gewünschten Uhrzeit nicht mehr stattfinden kann, da mir nicht genug Zeit bleibt. 30 Minuten bis zur gesetzten Deadline. In der Antwortmail lese ich ein wenig Verzweiflung zwischen den Zeilen und dass sie fest damit gerechnet hatten, ich könne doch noch irgendwas aus dem Ärmel zaubern. Dem Kunden wäre der Artikel fest für heute versprochen. Ich bin leicht irritiert, denn ohne Informationen, ohne Pressemitteilung, ohne Bilder oder Grafiken und einer Kooperationsvereinbarung, die etwas anderes, als eine abgetippte Pressemitteilung vertraglich festhält, wird das sehr schwierig.

Das Paket ist endlich bei mir, viel zu spät und es dauert eine Weile, bis ich mich mit dem Produkt vertraut gemacht habe und stelle währenddessen fest, dass einige Dinge zur korrekten Nutzung fehlen, sie hätten im Paket sein müssen, waren sie aber nicht. Informationen liegen keine bei, auf Nachfrage gibt es ebenfalls keine. Es sollte im Paket sein… Ich lache. Ich öffne eine Flasche Wein, lache noch mehr, mache mir Gedanken, wie ich den Unfug nun zu etwas Anständigem umsetze und spreche kurz mit meinem Management über die Situation. Letzten Endes lege ich alles zurück in den Karton, verschließe das Paket, gebe es noch am selben Abend zur Post und schicke es an den Absender zurück. Es ist das erste Mal, dass ich eine Kooperation cancel.
Ja, Bloggen ist mein Beruf. Das und noch ein wenig mehr. Versteht mich nicht falsch, ich kann auch ziemlich gut mit knappen Timings arbeiten. Manchmal sogar besser, als mit zuviel Zeit. Aber ohne Informationen in irgendeiner Art und Weise ist das nahezu unmöglich. Ich bin Geschichtenerzählerin, wie ich letztens so schön treffend bezeichnet wurde. Ich bin keine Zauberin oder die „Bild“, die aus Nichts einen reißerischen Artikel macht. Ich recherchiere gerne, finde fundierte Fakten, nutze sie, erzähle gerne mehr, als vielleicht nötig wäre, möchte dem Leser Wissen vermitteln, will zufrieden sein und möchte stets einen passenden Rahmen und ein Umfeld für das, was ich erzähle, was ich schreibe, schaffen. Ich stehe hinter dem, was ich teste, was ich schreibe, was ich mache. Und das will ich auch weiterhin. Das stelle ich nicht in Frage. Und ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich jeden auf meinem Weg hierhin verschaukelt hätte. Weder den Partnern am einen Ende, noch Agenturen und Vermittler. Und meine LeserInnen erst recht nicht.

So nicht.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.