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Alles glänzt, so schön neu #Gastautorenbeitrag

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Kaya, Feministin, Studentin und derzeit im Auslandssemester in Rotterdam. Hier erzählt sie über die schönen und unschönen Dinge des Lebens im Ausland, die Tücken des Studentenalltags und dem Leben als junge Frau. 

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Hinter mir liegen 7 Tage in denen alles neu war. Neues Land, neue Stadt, neue Wohnung, neue Mitbewohner, neue Bekannte, neuer Alltag. Denn für mich hat mein Auslandssemester in Rotterdam begonnen.

Dadurch dass ich als Deutsche in den Niederlanden bin blieb mir der Kulturschock erspart, aber die Tatsache dass alles anders ist, von einem Tag auf den anderen, die bewegt einen trotzdem.
Der erste Tag, der Tag der Anreise, war der schwerste. Nicht weil ich traurig war, sondern weil ich so überwältigt war. Schon während wir mit dem Auto in die Stadt reinfuhren versuchte ich mir jedes kleinste Detail zu merken, die Wege und die Straßen, um mich ein wenig auszukennen, um mich so schnell wie möglich zuhause fühlen zu können. Man nimmt dann seine Taschen und seinen Koffer aus dem Auto und bezieht sein neues Zuhause, trifft (in meinem Fall zumindest) seine neuen Mitbewohner. Vor 5 Stunden war man noch in seinem alten Zuhause und plötzlich steht man in der eigenen neuen Welt, in der man die nächsten 5-6 Monate leben wird. Das war viel. Das waren viele Gefühle, das war Freude über das was kommt, genauso wie Aufregung und Angst. Traurig war ich nicht, aber bei dem Kampf den die anderen Gefühle in mir führten war ich auch sehr dankbar dafür, dass nicht noch ein weiteres Gefühl mit in den Ring stieg.
Und so saß ich da an meinem ersten Abend, weinte wie seit langem nicht mehr und wusste nichtmal woher die Tränen eigentlich kamen. Vielleicht brauchte die Überwältigung einfach Platz und hat sich so entladen. Was mir an diesem Abend half war ein vierstündiges Skypetelefonat mit einem guten Freund und die Erinnerung an eine Geschichte, die mir eine gute Freundin mal erzählte: Als sie von zuhause auszog und in ihre neue Wohnung einzog, das erste mal alleine, verbrachte sie den Abend in den noch leeren Wänden mit einer Flasche Wein und vielen Tränen. Zu wissen, dass ich nicht die erste bin die sich so fühlt und es ok ist dass ich ein kleines wenig überfordert bin mit meinen Gefühlen, tat mir gut und gab mir Mut.
Mit diesem Mut ging ich also in meine erste Woche im neuen Leben.
Auch wenn ich den ersten Tag mit Tränen verbrachte war ich doch dabei voller Vorfreude, denn ich wusste und weiß dass vor mir eine gute Zeit liegt, eine wertvolle Zeit aus der ich viel mitnehmen werde. Ich liebe es neue Leute kennenzulernen und Dinge zu erkunden. Ich liebe die Abwechslung und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Und auch wenn ich versuche das alles rein rational zu betrachten und den emotionalen Teil kurz beiseite zu lassen weiß ich, dass mich solche Erfahrungen wachsen lassen und ich sehr viel dadurch lernen werde. Und auch wenn es nur kleine Sachen sind wie das erste Mal alleine frühstücken zu gehen. Sowas gibt einem das Gefühl ein kleines wenig unabhängiger zu sein, ja vielleicht auch ein kleines wenig erwachsener und vor allem ein wenig stärker als am Tag zuvor.

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Und so vergingen die ersten beiden Tage in Rotterdam mit vielen neuen Eindrücken, ich lernte meine neuen Kommilitonen (die alle selbst Gaststudenten und sehr herzliche und nette Menschen sind) kennen, lernte die Stadt ein wenig kennen und fiel Abends erschöpft und voller Freude, über das was war und das was noch kommen wird, ins Bett.

Als ich am dritten Tag aber aufwachte, war da plötzlich zum ersten Mal dieses drückende Gefühl in der Brust. Es war kein Heimweh, ich vermisste auch nichts besonderes und traurig war ich auch nicht, jedoch fühlte es sich trotzdem nicht gut an. Ich kannte dieses Gefühl vorher noch nicht und habe daher ein bisschen gebraucht um herauszufinden was eigentlich los ist. Es war das Bedürfnis nach etwas Bekanntem, etwas zu sehen oder irgendwo hinzugehen was nicht neu ist. Einfach mal in ein bekanntes Gesicht zu gucken oder eine Unterhaltung mit jemandem zu führen den man schon kennt, ohne diesen blöden Smalltalk am Anfang und ohne langsames herantasten an den Humor und die Art zu sprechen. Oder auf dem Weg zur Uni an einem Platz vorbeikommen den man schon etliche Male besucht hat, wie die Lieblingskneipe oder ein kleines Café in welchem schon schöne Erinnerungen geschaffen wurden. Ich habe es einfach vermisst mal nichts neues zu erleben.

Denn neue Dinge erleben ist anstrengend. Versteht mich nicht falsch, ich liebe es trotzdem und ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrung. Ich lerne lieber jeden Tag etwas neues kennen, als niemals aus dem bereits bekannten auszubrechen. Jedoch bleibt es anstrengend mit allem was man tut, sagt oder hört neue Eindrücke zu sammeln.

Der dritte, vierte und fünfte Tag vergingen, jeden Morgen dieses Gefühl in der Brust, den Tag über dann das Lächeln kaum vom Gesicht bekommen und am Abend erschöpft ins Bett fallen. Die Tage vergingen unendlich schnell, weil sie gefüllt waren mit schönen Eindrücken und Erfahrungen. Und so kam es auch dass sich langsam eine Routine einstellte und dieses Bedürfnis mal nichts neues zu erleben vorerst schwächer wurde, da man sich doch viel schneller an einen neuen Ort gewöhnen, oder sogar zuhause fühlen kann, als man denkt!

Es vergingen also auch die letzten Tage meiner ersten Woche, ich fühle mich immer mehr angekommen, treffe mich in meiner Freizeit mit meinen Kommilitonen und führe in der Küche lange Gespräche mit meinen Mitbewohnerinnen.
Die erste Woche, wie vermutlich viele aus eigenen Erfahrungen wissen, verging umheimlich schnell. Ob es sich wirklich wie eine Woche, länger oder kürzer anfühlte kann ich nicht sagen. Dieses Gefühl nichts bestimmtes, sondern einfach nur was bekanntes zu vermissen, habe ich immer noch. Es ist ein komisches Gefühl, das ich vorher nicht kannte und deswegen fällt es mir noch ein wenig schwer damit umzugehen. Aber um ehrlich zu sein bin ich sogar etwas froh oder dankbar (wenn das die richtigen Worte sind) dieses Gefühl erleben zu dürfen. Es macht mich nicht traurig und das Gefühl selbst ist auch kein trauriges Gefühl. Ich bin froh darüber hier zu sein, froh darüber jeden Tag in neue Gesichter zu blicken die auch hungrig darauf sind, neues zu erleben, Menschen zu treffen, zu wachsen und eine schöne Zeit zu haben. Ich bin umgeben von neuen Dingen, aber auch vor allem von mir selbst. Mich mir selbst zu stellen, unabhängiger zu werden weil man am Anfang nur sich selbst hat, das ist auch neu für mich. Ich fühle mich nach nur einer Woche selbstbewusster, unabhängiger und stärker als die Wochen zuvor, und das ist ein irre schönes Gefühl.
Eine Woche voll mit NEU NEU NEU ist also rum und auf mich warten nun weitere Tage und Wochen in denen ich wohl auf neue Erlebnisse stoßen werde. Den Wunsch, bekanntes zu sehen, behalte ich im Herzen und versuche mir hier einfach die Dinge bekannt zu machen, damit ich diesem Wunsch irgendwann nachgeben kann und Platz für andere, neue Gefühle schaffen kann.
Zum Beispiel dem Wunsch Neues kennenzulernen.

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5 Comments

  • Reply
    Corinna
    17. Februar 2017 at 14:44

    Moment… Kaya kommt mir bekannt vor… war sie nicht mal vor einer ganzen Weile deine Praktikantin oder Assistentin?

    Und wenn dem so ist…. warum merke ich mir sowas? :D

    Aber ich will nicht unhöflich sein: Hallo Kaya und viel Spaß in Rotterdam! :)

    • Reply
      Anna Frost
      17. Februar 2017 at 14:49

      jep :D vor fast 6 Jahren haben Kaya und ich uns kennengelernt, sie war meine Praktikantin für ihr Schulprojekt. Später haben wir dann mehrfach zusammengearbeitet. Schön, dass du dir ihr Gesicht gemerkt hast <3

  • Reply
    Anja
    17. Februar 2017 at 18:35

    Sehr schön geschrieben, das kommt mir alles sehr bekannt vor :)
    Ganz viel Spaß und neue spannende Erfahrungen an Kaya!

  • Reply
    Anke
    17. Februar 2017 at 19:19

    Du bist nicht allein Corinna 😂✌🏻 Ich dachte auch gleich die kennste doch. Schöner Beitrag, genau die beschriebenen Gefühle sind die, vor denen ich immer Respekt habe, wenn ich über so einen Schritt nachdenken. In einer anderen Stadt zu arbeiten oder erstmal mich irgendwo neu zu bewerben … Irgendwie trau ich mich nicht raus aus meinem Trott. Viel Spaß und noch viele neue Eindrücke Kaya!

  • Reply
    Theresa
    27. Februar 2017 at 16:32

    Liebe Kaya, viel Spaß! Die Zeit wird dir persönlich ganz viel geben, du wirst mehr über dich selbst lernen und auch lernen, Ängste und persönliche Grenzen zu überwinden.
    Das ist ganz wichtig. Aber vorallem, genieß die Zeit. Es ist schön, in eine „andere“ Welt eintauchen zu können und ein sehr großes Privileg. Und nach ein paar Wochen hast du sicher auch schon etwas Vertrautes für dich selbst gefunden.

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