LIFESTYLE

Die verstaubte Story vom Tannenbaum

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„Geschichten zur Heiligen Nacht“. So der Titel einer kürzlich im Regal wiedergefundenen CD. Ich habe sie im letzten Jahr von meiner in den Ruhestand gegangenen Arbeitskollegin geschenkt bekommen, kurz angeguckt, weggelegt und vergessen. Warum auch immer – kam sie mir neulich wieder in den Sinn. Also habe ich sie mit ins Auto genommen und bei drei Spekulatius auf dem Weg zur Arbeit gehört. Lahm … war mein erster Eindruck. Lediglich die Tatsache, dass sie ein Geschenk meiner lieben Arbeitskollegin war, ließ mich weiter hören.

Nach der Weihnachtsgeschichte und ein paar Gedichten wurde Der Tannenbaum von Hans Christian Andersen vorgelesen. Andere Verkehrsteilnehmer hörten vielleicht Nachrichten oder die Top 100 im Auto – und ich eben den Tannenbaum. Kann man mal machen.

Hans Christian Andersen wurde durch seine zahlreichen Märchen berühmt und war der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Und obwohl ich im Kindergarten arbeite, weiß ich das auch nur von Google. Sollte ich jemals zu Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ eingeladen werden, habe ich mir schon eine Menge unnützes Wissen ergegooglet. Zum Beispiel auch, dass in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, ob Andersen homosexuell gewesen sei. Ist für die Tannenbaum Story aber eher unerheblich.

So. Worum geht’s?

Das 1844 veröffentlichte Kunstmärchen handelt vom Leben eines kleinen Tannenbaums und seinen Wünschen. Auf drei Etappen begleite ich ihn auf der Autobahn akustisch in seinem kurzen Leben. Als er als kleiner Baum im Wald steht, ist es sein größter Wunsch, endlich so groß zu sein wie viele der Bäume, die sich in seiner Umgebung befinden. Er glaubt fest daran, dass erst dann sein Leben richtig beginnen würde und lebt nur für die ihm im Geiste vorschwebende Zukunft als Weihnachtsbaum.

Nach fünf Jahren des Wartens wird er dann endlich als Weihnachtsbaum auserkoren und gefällt. Reich geschmückt ist er Mittelpunkt des Heiligen Abends. Danach beachtet ihn jedoch niemand mehr. In einer dunklen Ecke des Dachbodens wird er abgestellt und hat bis zum Frühling Zeit, über sein bisheriges Leben nachzudenken. Langsam wird ihm bewusst, wie schön es damals war, als er frei im Wald leben durfte. „Vorbei! vorbei! Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! vorbei!“ Trotzdem gibt er die Hoffnung auf schönere Zeiten nicht auf.

Als man den Tannenbaum nach Monaten endlich ins Freie holt, jubiliert er. Doch dann saust die Axt auf ihn nieder und am Ende bleibt nur noch Asche von ihm übrig.

Kein Happy End also. Aber irgendetwas in mir fühlt sich von dieser Geschichte angesprochen. Je länger ich darüber nachdenke, umso aktueller erscheint mir die Thematik. Gedanken wie: Ach, hätte ich doch einen besseren Job, Hätte ich endlich einen Partner oder Würde ich doch dünner sein … kennt sicher jeder von uns. Auch durch die Medien wird eindringlich vermittelt, wie wichtig es im Leben ist, sich Ziele zu setzen, um etwas zu erreichen und Perspektiven zu haben. Etwas Großartiges sollte man schon mindestens anstreben. So weit, so gut. Ziele sind schließlich der Wegweiser für unser Leben. Aber vermitteln sie nicht immer auch ein wenig die subtile Botschaft, dass die gerade aktuelle Situation nicht gut genug ist? Und was macht uns so sicher, dass wir nach der Erreichung unserer Ziele wirklich glücklicher sind?

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Den Blick immer auf das nächste große Ziel gerichtet – macht das wirklich glücklich?

An eines hat mich die etwas in die Jahre gekommene Tannenbaum-Story auf jeden Fall erinnert: dass ich bei allem Pläne Schmieden und Ziele Setzen nicht vergesse, das zu schätzen, was ich bereits habe. In meinem Fall ist das eine tolle Familie, ein wundervoller Partner, gute Freunde, Gesundheit, eine sichere Arbeit, eine schöne Wohnung und das großartige Glück, hier auf fafine.de für Euch schreiben zu dürfen.

Und auch wenn es abgedroschen klingt: man weiß tatsächlich nie, wann es „Vorbei! vorbei!“ ist. Das hat mir auch ein kürzlich erlebter Autounfall wieder vor Augen geführt. Sich Ziele zu setzen und Hoffnungen zu haben, ist etwas Wunderbares, doch sein Leben lang etwas nachzujagen, dass man möglicherweise nie erreicht, ist ein Irrtum.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Ziel jemals Realität werden kann? Und was muss ich dafür geben? Diese Fragen hat sich der Tannenbaum vermutlich nicht gestellt. Vom positiven Denken allein ist ein Ziel nämlich leider noch nicht erreicht. Wäre das so, hätten alle kleinen Mädchen ein Pony.   ;)

Ich finde, darüber lohnt es sich mal nachzudenken. Und das nicht nur zu Weihnachten …

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6 Comments

  • Reply
    Svenja
    17. Dezember 2016 at 15:09

    Der Titel der Tannenbaum geschichte hat mir auf Anhieb nichts gesagt. Als ich aber deine kurze „Inhaltsangabe“ gelesen habe fiel mir auf, dass ich den Geschichte kenne. Hab sie irgendwann schonmal gelesen und ich weiss noch dass ich sie sehr ernüchternd fand und mir der Baum leid tat. Ich glaub mit deiner Interpretation hast du vollkommen recht. In der heutigen Zeit wird man dazu angehalten immer höher, weiter, größer zu werden ohne zu wissen was man am Ende davon eigentlich hat. Die meisten haben eigentlich am Ende nichts davon. Nur die Erkenntnis sein lebe lang gearbeitet zu haben und dabei vergessen zu haben was man eigentlich schon hat.
    Schöner Blpgeintrag!

    • tephora
      Reply
      tephora
      17. Dezember 2016 at 18:52

      Liebe Svenja …
      ich habe die Geschichte neulich tatsächlich zum ersten Mal gehört.
      Ziele und Erwartungen werden immer größer, Menschen immer erschöpfter.
      Trotzdem ist es schwierig, sich all dem zu entziehen.
      Ich danke Dir für Deinen Kommentar.
      Liebe Grüße.
      Steffi

  • Reply
    Foxy
    18. Dezember 2016 at 13:50

    Ich liebe die Märchen von Hans und die Geschichte Bonn Tannenbaum hat mich schon als Kind traurig und nachdenklich gemacht. Schön das du es wieder zur Sprache bringst, denn Ziele im Leben sind schön aber der Weg dahin ist noch tausendmal spannender.
    Eine schöne Weihnachtszeit euch ❤

    • tephora
      Reply
      tephora
      18. Dezember 2016 at 20:24

      Liebe Foxy …
      Du hast Recht – der Weg ist das Ziel.
      Ganz liebe Grüße.
      Steffi

  • Reply
    Eva
    21. Dezember 2016 at 11:54

    Liebe Steffi,
    Ich finde Deinen Blogeintrag sehr bewegend und nachdenklich und möchte dir noch dazu ergänzen, dass du immer das sein wirst was du aus dir machst! Auch eine „Kindergärtnerin“ kann ein glücklicheres Leben haben, als ein stinkreicher Millionär.
    Geld regiert zwar die Welt, doch wahres Glück ist unbezahlbar !
    Und wer weiß, vielleicht wirst du ja bald eine berühmte Bloggerin? Ich würde es dir von Herzen wünschen und kann dich nur bestärken weiter zumachen !
    Viele liebe Grüße!
    Deine Eva

    • tephora
      Reply
      tephora
      26. Dezember 2016 at 16:47

      Liebe Eva …
      ich freue mich, daß mein Beitrag etwas in Dir bewegt hat.
      Dankeschön für Deine so lieben Worte.
      Liebste Grüße.
      Steffi

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