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Digital Detox? Brauchst du nicht.

anna frost in schweden see yngaren schwedenhaus

Jeder macht gerade Detox. Besonders gerne Digital Detox. Die Social Media Entgiftung, das moderne Abschalten und das Zurückkehren zum Hans Guck-in-die-Luft. Denn wer guckt denn schon aus dem Fenster, wenn es dafür eine App gibt? Das böse Smartphone reißt uns aus der Realität in die Virtualität und hält uns dort gefangen! Abschalten ist die einzige Option, dem Sog zu entkommen. Aber die ganz großen Buhmänner sind ja eh Facebook und Instagram – macht alle neidisch und irgendwie fühlt man sich nicht mehr besser, sondern schlechter nachdem man seinen Feed durchgescrollt und den einen oder anderen Like hinterlassen hat. „Das war ja mal eine Inspirationsquelle für mich … Mittlerweile ist alles durchdesignt, geplant und ein Account gleicht dem anderen. Mir bringt das nur Stress.“, höre ich den einen oder anderen Instagrammer klagen.
Zeitungsartikel, Studien und Rants von Social Media Experten wollen herausgefunden haben: Facebook und Instagram machen die Follower depressiv; besonders dann, wenn Urlaubsbilder geteilt werden.

Ok. Aber warum sehe ich mir denn etwas an, von dem ich weiß, dass ich mich danach schlecht fühle? Was viele gerne vergessen ist so einfach, wie simpel und oft doch wohl der schwerste Schritt: man kann Leuten entfolgen!

Tatsächlich. Wirklich!

„Ich verstehe Facebook nicht …“, höre ich auf auf Vorträgen und meist habe ich mir schon einige Zeit den Mund fusselig über Vorteile und Strategien für Influencer und auch Unternehmen geredet. „Was mache ich denn auf Facebook? Irgendwie ist da doch gar nichts los.“
Was man als Nutzer der vielen sozialen Medien gerne mal vergisst ist, dass dies alles Feeds sind, die von dir selbst gestaltet werden. Auch wenn jeder zweite Account ein und dasselbe lustige Video teilt, hat es nicht jeder gesehen und vielleicht bist du in deinem Haus mit 10 Mietparteien der einzige, der es sah. Kein Feed gleicht dem anderen, nicht jeder empfängt die gleichen Nachrichten, da nicht alle den gleichen Accounts folgen.

Mind blown? Du selbst hast dir ausgesucht, was du den lieben langen Tag auf Facebook und Instagram sehen möchtest, indem du Unternehmen, Onlinemagazine, Nachrichten, Freunde, Familie, Bekannte und Onenightstands auf Facebook geaddet und bei Instagram auf den Follow Button gedrückt hast. Macht es dich depressiv, den Ex mit seiner neuen heißen Flamme täglich auf Instagram zu sehen? Und die neue heiße Flamme ist tatsächlich ziemlich hot, denn sie postet jeden zweiten Tag ihren Morningrun, ihre #cleaneating-Rezepte und ist für viele ihrer Follower ein #fitspo. Vom Grad des Hasses kommt sie in etwa der einen Schauspielerin oder DJane oder Moderatorin oder was auch immer sie beruflich eigentlich ist, nahe, die du echt nicht leiden magst und gar nicht verstehst, warum die eigentlich bekannt ist und für was überhaupt. Verfolgst aber gespannt, wie sie sich im Bikini in ihrem Urlaub am Strand fotografiert.
Da fragt man sich eigentlich: warum folgst du diesen Leuten auf einem Social Kanal, den du selbst gestalten kannst? Warum vermurkst du dir deinen eigenen Feed und beschwerst dich dann?
Auf Facebook gibt es mittlerweile viele spannende Funktionen, zum Beispiel zwar noch offiziell mit einer Person befreundet zu sein, sie aber soweit zu blockieren, dass man die verwackelten Kinderfotos, unansehnlich angerichteten Foodpics und auch sonstige dämliche politische Kommentare nicht mehr sehen und lesen muss. Besonders praktisch für Familienmitglieder, mit denen man befreundet sein muss, weil es sonst Weihnachten kein Geschenk mehr gibt.

Sich zu beschweren, sein eigener Facebookstream sei ja langweilig, überwiegend rassistisch oder voll mit Farmville-Anfragen, ist also auch ein klitzekleines bisschen die eigene Schuld.
Die Kunst ist es doch, Accounts und Menschen zu finden, die einem das geben, was man eventuell von den Kanälen erwartet: Promi-News? Inspiration zu Pflanzen, Scandi Design, Makeup oder Haare? Gibt es alles! Oder mach es selbst und besser.

Mit dem Detox ist das so eine Sache: es ist radikal, passiert oft von jetzt auf gleich und nach dem Detox finden viele doch wieder zu ihren alten Mustern zurück. Spannend wird es erst, wenn man aus seinem Detox etwas gelernt hat; ob das nun die fortlaufende Reduzierung von Zucker und Weißmehl oder das Ablehnen von Freundschaftsanfragen von schlechten Onenightstands auf Facebook ist – nur dann macht ein Detox Sinn. 

Ernährungsumstellung oder Aufräumen auf seinen Social Kanälen ist da in meinen Augen eine gesunde Variante, mit einem drohenden Überkonsum und dem Drang nach einem Detox umzugehen.

Ich sitze hier in Schweden, auf der Stufe vor der kleinen blauen Tür zu unserem roten Häuschen mitten im Wald und stelle fest, dass ich den Laptop das erste Mal seit einer Woche geöffnet habe. Eine Woche Laptop- und Arbeitsdetox liegt hinter mir, zwischendurch war ich mit dem Smartphone online, denn Twitter, Instagram, Snapchat und Facebook werden von mir gerne gefüllt und auch durchgescrollt. Alles kann, nix muss. Und so kam es auch einfach, dass ich mich die letzte Woche einfach um nichts gesorgt, nichts gekümmert und den Laptop geschlossen lies. Fiel mir auch erst jetzt auf, als ich zwei, drei Gedanken zu virtuellem Papier bringen wollte und erst einmal den Laptop, sowie das Ladekabel suchen musste. Denn wie es doch so oft in der Vergangenheit war: immer dann, wenn wir uns irgendwo im Nirgendwo ein Häuschen mit spärlichem Internetempfang buchten, kamen wir mit mehreren Projektideen wieder nach Hause. Schön ist es, Urlaub zu haben. Nicht an die Arbeit denken zu müssen, es aber zu tun, weil es Spaß macht – ich glaube, das ist eine schöne Balance, wenn man selbstständig ist und das kann auch vielleicht der eine oder andere Selbstständige unter euch nachvollziehen.

Detox würde ich diese Woche nicht nennen wollen. Warum auch? Ich sende gerne und empfange genauso gerne eure Urlaubsbilder, lasse mich inspirieren und schaue mir euren Alltag an, lese eure Geschichten die lustig, ärgerlich oder auch traurig sind, informiere mich gerne und lasse mich treiben. Das kann ich aber auch aktuell nur behaupten, weil ich niemandem folge oder die Facebookfreundschaft angeboten habe, wo ich es gerne rückwirkend betrachtet lieber doch nicht getan hätte. Die Dosis macht macht das Gift und der Drang nach Entgiftung ist nicht gegeben. Eher der Wunsch nach Urlaub, Entspannung und dem „alles kann, nix muss“-Gefühl. Und das habe ich bisher prima umsetzen können. Genauso wie das schon zum Ritual gewordene Ausbaldowern von Ideen und Projekten.

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12 Comments

  • Reply
    Anna
    14. August 2016 at 14:26

    Genau so denke ich auch! Ich nehme schon lange keine Freundschaftsanfragen mehr an, nur um jemandem nicht vor den Kopf zu stoßen. Wenn ich jemanden kenne ist er/sie nicht mein „Freund“. Außerdem nehme ich mir viel öfter mal zwischendurch eine Handyauszeit, ohne das Ganze dann „Detox“ nennen zu müssen. Ich finde es enau wie du, einfach nur traurig, dass viele über Social Media meckern, aber trotzdem weiterhin genau den Accounts folgen, über die sie sich aufregen. Einfach entfolgen und nicht drüber ärgern ist daher auch meine Devise! Ich kann deinen Beitrag zu 1ßß% unterschreiben und finde es klasse, dass du diese simplen „Tipps“ mal aufgeschrieben hast. Vielleicht schaffen es dadurch ein paar dieser „Schwarzmaler“ von ihrer pessimistischen Einstellung abzusehen und lernen, dass Social Media gar nicht so böse ist, wie sie denken! ;-)

    Liebe Grüße
    Anna

  • Reply
    Nelli
    14. August 2016 at 14:47

    Danke Anna! Endlich mal jemand der es auf den Punkt bringt.

    Btw die Aussicht ist einfach mega und das Häuschen super schnuckelig. Ich kriege richtig Lust mal Schweden zu besuchen * . *
    LG Nelli
    http://www.alltagslieblinge.com

  • Reply
    Fee
    14. August 2016 at 17:06

    Super cooler, wichtiger Post. Ich denke auch, dass jeder seine Feeds selbst gestalten muss! Ich habe das vor allem bei Snapchat durchgezogen – was bringt es mir, super reiche Influencer zu sehen, die 300 Tage im Jahr im Urlaub sind? Viel lieber schaue ich „normale“ Accounts von Mädchen in meinem Alter, die z.B. studieren oder mich einfach auf einem normalen Level inspirieren können. Dafür muss man aber sich natürlich selbst beobachten und erst mal reflektieren, was einen warum runter zieht. Das hast du wirklich gut auf den Punkt gebracht!

    Alles Liebe,
    Fee von Floral Fascination

  • Reply
    Josie
    14. August 2016 at 19:31

    Ein sehr weiser Post liebe Anna :)
    ich glaube in der heutigen Zeit wird manchmal wirklich vergessen, wie simpel manches sein kann. Ich gebe dir völlig Recht – wenn man etwas oder jemanden nicht mehr sehen mag, weil er einen runterzieht – dann entfolgen. Freundschaft kündigen. etc. Es kann doch eigentlich sooooo einfach sein &trotzdem machen sich manche sinnlos selbst fertig. Digital Detox braucht niemand. Feed / Freundschaftsdetox geht auch. &hinterher ist man happy :)

    Ganz viel Spaß noch in Eurem kleinen Häuschen im Wald – es ist wirklich traumhaft.
    Liebste Grüße,
    Josie von http://www.josieslittlewonderland.de

  • Reply
    Sandra
    15. August 2016 at 14:12

    Hej Anna, ;-)

    Super Post! Ich finde auch dieses Thema wird häufig gebracht, weil es sich derzeit irgendwie gut verkauft. „Ah Facebook und Instagram machen krank und depressiv“.
    Völliger Quark! Das Problem liegt in der Gesellschaft, dass keiner mehr mit dem zufrieden ist, was er hat. Ständiger Neid! … anstatt sich einfach mal auf sich zu konzentrieren und das was einen selbst glücklich macht. Man sollte sich einfach nicht unter Druck setzen und Geduld haben… und wenn das immer noch nichts bringt sich vielleicht mal überlegen, was man selbst falsch macht.

    Liebe Grüße, Sandra

    • Reply
      Julia
      17. August 2016 at 10:33

      Hallo Sandra,

      dazu möchte ich gerne mal meine Omi zitieren. Sie sagte mal zu mir. Früher nach dem Krieg hatte man nichts und das war schlimm, aber es war ok, denn es hatte niemand etwas. Aber heutzutage sieht man was andere haben und zwar immer und überall, man geht in den Supermarkt und sieht was man alles haben könnte. Das weckt Begehrlichkeiten und macht es für einen selbst sehr sehr schwierig.

      Wie wir damit jetzt umgehen ist jedem seine Sache. Aber ich finde es grad als sehr sehr junger Mensch, der noch nicht fest im Leben steht und sich davon noch zu sehr beeinflussen lässt wirklich schwer darüber hinwegzusehen und sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich bin sehr froh, dass ich noch in einer anderen Welt groß geworden bin.

      LG Julia

  • Reply
    Julia
    15. August 2016 at 16:47

    Hallo nach Schweden:)

    Ich nutze nun schon bestimmt 3 Jahre kein Facebook mehr und ich vermisse es überhaupt nicht. Facebook hat mich immer unheimlich gestresst auf der einen Seite, aber leider auch auf dem laufenden gehalten auf der anderen Seite. Ich wohne 200 km von meiner Heimat und den meissten meiner Freunde entfernt, somit fällt mit Facebook auch einiges an Information weg. Natürlich, die die mir wichtig sind bleiben natürlich erhalten. Es gibt ja auch noch ein Telefon, aber der Gossip bleibt definitiv auf der Strecke.
    Instagram ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite gucke ich mir sehr sehr gerne diesen gestellten „alles ist so wundervoll und #wokeuplikethis“ Käse an, auf der anderen Seite setzt es dich selbst schon etwas unter Druck, da nehm ich mich nicht raus.
    1 Woche ohne Whatsapp? Bestimmt möglich, aber ich glaube es wäre sehr hart für mich aus o.g. Gründen. Auf der anderen Seite „müsste“ man dann endlich wieder telefonieren. Das vermisse ich sehr. Heutzutage schreibste ne Whatsapp….

    Viele Grüße
    Julia

  • Reply
    Heide
    17. August 2016 at 10:30

    Boah, DANKE! Endlich! Sehr sehr guter Beitrag mal wieder von dir.
    Und genießt euren Schwedenurlaub! Die Bilder lassen mich da gleich wieder hin fühlen. :)

    • Reply
      Heide
      17. August 2016 at 10:42

      endlich nicht als „endlich ein guter Beitrag“ gemeint, sondern: „endlich bringt das mal jemand auf den Punkt!“ ;)

  • Reply
    marie von heartfelt hunt
    17. August 2016 at 11:38

    wahnsinns post! supertoll geschrieben – ehrlich!!!! :)
    genau das ist es: „alles kann, nix muss“

    alles alles liebe,
    marie

    http://www.heartfelthunt.com

  • Reply
    evren
    17. August 2016 at 15:19

    habe deinen blog ganz frisch entdeckt. mag deine art, wir du schreibst :)

  • Reply
    Anna
    14. September 2016 at 9:48

    Liebe Anna,

    ich möchte dir jetzt im Nachhinein noch für diesen tollen Post danken! Du hast Recht! Und seit diesem Artikel macht mir Facebook wieder Spaß! :)
    Danke dir!

    Anna

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