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#Damals

Anna Frost sucht mit Emma ein Brautkleid aus

Ich erwische mich in letzter Zeit sehr häufig dabei, wie ich das kleine Wörtchen „Damals“ benutze. Nicht inflationär, sondern ich meine es auch gezielt genau so, wenn ich dieses Adverb benutze. Damals. Ich beziehe mich dann bewusst auf damals. Das macht die Situation nicht besser und ich komme mir schon vor, wie unsere Eltern. Die sagten damals nämlich auch ständig „damals“ und bezogen sich auf eine Zeit vor Jetzt. Also damals eben. Damals muss alles besser gewesen sein, so wie sie von dieser Zeit schwärmten.

Damals fand ich das total albern und habe beinahe jedes Mal die Augen verdreht, wenn von einer Zeit gesprochen wurde, die ich weder miterlebt habe oder in der ich so klein war, dass es ebenfalls keine Erinnerungen mehr gibt. Damals.
Aber war denn damals alles besser?

Gute Frage und ich glaube, dass es darauf ankommt, von welchem Damals man spricht. Damals, als ich die Trennung von einem eher unangenehmen Ex durchmachte der mich emotional zutiefst verletzte, war sicherlich nicht alles besser, als jetzt.
Damals in der Schule war ich sicherlich nicht so entspannt drauf, wie ich es jetzt bin.
Damals, als ich die Mobbingphase durchmachen musste, einfach nur weil ich einen Kopf kleiner als meine Mitschüler war, war sicherlich nicht gerade angenehm und etwas, an das ich gerne zurückdenke.
Damals in der Pubertät, als der Stress mit den Eltern begann und einfach nie aufhören wollte, war ich sicherlich nicht so bei mir angekommen, wie ich es jetzt 15 Jahre später, mit ein paar großen und wichtigen Entscheidungen, die ich für mich selbst getroffen habe, bin.

Damals war aber auch die wahnsinnig tolle Zeit, in der wir Kids auf Wald- und Grünflächen stundenlang spielten, bis die Sonne unterging. Diese Wald- und Grünflächen gibt es nicht mehr, sie sind heute bebaut.
Damals war die tolle Zeit, in der ich unter der Woche, am Wochenende und teilweise mehrere Tage hintereinander bei meiner besten Freundin übernachtete. Einfach so. Warum machen wir das heute nicht mehr?
Damals war die Zeit, in der wir mit den Nachbarskindern, Cousins und Cousinen aus der ganzen Straße gespielt haben, mit Stöckern durch die Gegend gerannt sind und uns Spiele ausgedacht haben.

Damals war die beste Zeit die, in der ich bei den Pfadfindern war. Zeltlager, tagelang in nassen Klamotten ausharren, vergessen, dass noch was trockenes in der Reisetasche ist, Lagerfeuer, heimlich mit Jungs knutschen und den Leitern Streiche spielen (und einige zurück kassieren) und die Mutter zuhause schocken, wenn blinde Passagiere aus der Tasche krabbeln. Und dann natürlich später selbst als Leiter mitfahren… Heute fahren wir aus Bequemlichkeit lieber ins Hotel. Und wegen Rücken.

Damals war die Zeit, in der ich neben der Schule viel arbeiten musste, um mir was dazu zuverdienen, was ich dann mit vollen Händen für Kleidung und das abendliche Feiern ausgab – 3 Mal die Woche! Donnerstag, Freitag und Samstag ging es in die Disco – sowas ist teuer! Und trotzdem saß ich Freitags Punkt 9:00 zur 2. Schulstunde (1. war immer frei) im Religionsunterricht! Jetzt würde ich dieses Pensum vermutlich nicht mehr schaffen. Jetzt bin ich aber auch nach drei Alkopops völlig fertig.

Damals war der Kram, der im TV lief einfach besser. Auf Pro7 liefen nicht mehr nur Big Bang Theory, Two broke Girls oder irgendwas mit Joko&Klaas, sondern auch mal was anderes. RTL2 war kein Berlin Tag und Nacht Sender, sondern hatte die geilsten Anime Serien, ever! Sailor Moon lief genau dann, wenn ich aus der Schule kam – perfektes Timing! Und warst du krank zuhause im Bett, entertainten dich Arabella Kiesbauer, Peter Imhof (den findet man jetzt aber mit Frau und Kinder zB. auf Youtube!), Brit, Hans Meiser, Vera und Andreas Türk mit ihren verrückten Talkshowgästen. Heute musst du die Wiederholung von Big Bang Theorie vom Vorabend sehen oder die schlechten Schauspieler aus Berlin Tag und Nacht… Da will man ja nur noch schleunigst wieder in die Schule, etwas lernen und so schnell es geht studieren!

Und damals war die Musik einfach besser. Vor allem tanzbarer! 2003er Britney, Hallo?! Toxic ist ja wohl die Hymne jeder Frau, die sich selbst schon einmal gerne in einem Glitteronesie gesehen und nach zwei Tequila sicherlich auch noch zur Schlangendeko gekriffen hätte… Als experimentell galt damals, mal mit Pharell oder Will.I.Am zu arbeiten, sonst folgten die Songs einfachsten Regeln mit catchy Beats und Texten und Taylor Swift hat sich ihre Haare noch gekreppt und mit Country Songs ihre Karriere gestartet.

Damals gab es für die unterschiedlichsten Datingsituationen keine Bezeichnungen. Man ging entweder einfach nur miteinander aus, ging miteinander aus und hatte Sex, führte eine (exklusive) Beziehung oder halt alles eben nicht. Heute ist das alles offensichtlich sehr kompliziert und führt zu Verwirrungen auf allen Ebenen bei allen Beteiligten, es gibt Zwischenstufen, exklusives und nicht exklusives Daten, Knutschen und selbst der exklusive Sex in einer exklusiven Beziehung ist nicht mehr so ganz exklusiv. Ach, ich habe keine Ahnung. Damals war das einfacher. Selbst ein Onenightstand. Denn er war das, was er war: eine einmalige Sache. Sonst nix.

Damals. Sicherlich war einiges nicht so geil, aber anderes dafür schon. Und gerade dann, wenn man kleine Kinder aufwachsen sieht, findet man sich oft in Gedanken wieder, die einen selbst immer mal wieder in das Damals zurückwerfen und vergleichen lässt: geht es unseren Kindern heute besser, als damals? Wird das Heute von heute unsere Kinder morgen zu dem machen, was wir uns für sie wünschen? Und werden sie morgen an das Damals von heute zurückdenken und sagen, dass es doch ganz passabel war? Ich weiß es nicht.

Was ich aber klar sagen kann: Wie auch immer ich zu dem Damals von damals stehe, das Damals hat mich zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin. Und die Frau von jetzt ist ziemlich ok! Welcher Struggle auch immer war, ich habe mich gestellt, bin gestolpert, gefallen und habe ihn überwunden – mit den einen oder anderen Blessuren – und bin daran gewachsen. Von daher war das Damals ebenfalls ziemlich ok und an einige Dinge denke ich gerne zurück, vergleiche heute mit damals, wie auch so manch einer heute noch gerne den Euro in D-Mark umrechnet. Aber das ist ok, denn nur so kann man das wertschätzen, was das Damals aus uns gemacht hat und wer wir heute sind. Aber dafür muss man nicht umrechnen, sondern nur in den Spiegel schauen.

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8 Comments

  • Reply
    Lina
    3. Mai 2016 at 11:58

    Auf den Punkt getroffen und wunderschön beschrieben <3

  • Reply
    Katharina
    3. Mai 2016 at 12:22

    Großartiger Post, danke dafür!

    Ich denke mir oft: „Ich bin froh, dass es damals kein WhatsApp und facebook gab.“ Liebesbriefe waren tausend Mal schöner! :D

    Liebe Grüße
    Katharina

  • Reply
    Karina
    3. Mai 2016 at 12:36

    Ich habe Deinen Post sehr gerne gelesen, da wir der gleiche Jahrgang und ich alles sehr gut nachvollziehen kann… Hach, damals… <3

  • Reply
    Katha
    3. Mai 2016 at 18:21

    Liebe Anna,
    ich bin auch nur kurz älter als du und habe mich sofort wieder gefunden!
    Toller Text und auf den Punkt getroffen zu 100%!
    Talkshows…das waren noch Zeiteh und ich bin wirklich froh, dass es dieser hohle Mist war, den wir geguckt haben, denn der hohle Mist heutzutage scheint mir schlimmer!
    Auch bin ich froh, dass Handys und Internet noch nicht diese Rolle gespielt haben, auch wenn ich es heute nicht mehr missen möchte…
    Danke für den kurzen Erinnerungsexkurs <3

  • Reply
    Dunja
    3. Mai 2016 at 20:12

    Hallo Anna,
    Sehr schön geschrieben! Man denkt nicht nur an damals, wenn eigene Kinder groß werden :) je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit und man merkt es erst ganz langsam und dann plötzlich, dass manche Zeit einfach vorbei ist. Sammelt sich dann alles auf dem „damals“ Konto :)
    Liebe Grüße
    Dunja

  • Reply
    Ori
    4. Mai 2016 at 9:49


    ich hoffe nur, ich vergesse nicht, wie ich so drauf war, als z.b. teenager, wenn meine mal so groß sind. ;-)

  • Reply
    FashionqueensDiary
    4. Mai 2016 at 10:33

    Oh ja, tolle Worte! Ich bin auch froh, dass es damals in meiner Jugend/Kindheit noch kein Whats App und ähnliches gab. Handys hatte kaum einer von uns, wir haben uns noch telefonisch zum Spielen verabredet als Kinder. Wir hörten Kassetten und schauten uns Videos an…Disneyfilme. Oder die tollen Zeichtrickfilme früher. Chip & Chap, Heidi, Käptn Balu… Wir bauten uns auch als Mädchen Baumhäuser und spielten im Garten. Computer hatte kaum einer von uns… Ach ja…damals war das alles irgendwie schöner finde ich :(

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