LIFESTYLE

selbstzweifel.

anna frost

Darf ich dir mal was sagen?„, fragt sie mich via Whatsapp.

Klar, schiess los!„, schreibe ich zurück und frage mich, was da wohl jetzt kommt. Ich sehe, dass sie tippt. Unser gestriges Gespräch endete mit ihrer Frage, welche Schuhe denn am besten zu ihrem blauen Maxikleid mit Paisleymuster passen würden und ich hatte ihr ein paar Links zu hübschen Wedges und Sandalen im Gladiatorenstil geschickt. Sie tippt noch immer. Ich lege kurz das Handy beiseite und schaue nach dem Baby, da war doch eben ein Quäken? Falscher Alarm, Emma schläft noch. Ich setze mich zurück an den Schreibtisch und sehe ihre Nachricht aufpoppen. Ich überfliege die ersten Worte und merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt, ich werde sofort rot. „Seit der Schwangerschaft siehst du mega toll aus! Echt jetzt. Viel besser! Du warst eh schon total hübsch, aber jetzt hast du diese Ausstrahlung, wie sie nur wenige haben. Ganz anders. Und viel toller!„, schreibt sie.

Uff, das kam jetzt so plötzlich und unerwartet und damit kann ich gerade nicht umgehen! Meine Augen werden feucht. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Wir waren mal sehr, sehr eng, dann kam ein Lebensereignis dazwischen, welches uns auseinander driften lies und seit einiger Zeit nähern wir uns wieder einander an. Wie zwei Magnete, die sich wieder an die gegenseitigen Magnetfelder herantasten. Wie vermutlich einige andere Frauen in dieser Situation antworte ich ihr, indem ich ihr Kompliment abtue, aufzähle, was ich an mir doof finde und merke auf halber Strecke, dass es einfach nur extrem unhöflich ist. Da bekomme ich ein Kompliment und schiebe es von mir weg. Ich rudere kurz zurück und bedanke mich, sage ihr aber gleichzeitig, dass mich das ein wenig nervös macht. „Unfug!„, sagt sie, „Ab und an braucht man das mal!„. Sie hat recht. Und ich stelle fest, dass wir uns vielleicht doch  gar nicht so arg auseinander gelebt haben, wie ich dachte, wenn sie noch immer spürt, dass ich ab und an mal einen Seelenstreichler brauche? Ein paar liebe Worte genau zum richtigen Zeitpunkt haben schon so manche Kuh vom Eis geholt.

Wir Frauen sind schon manchmal komisch. Da macht uns jemand ein Kompliment und anstatt dieses anzunehmen, sich zu bedanken, es auf uns wirken zu lassen und der Seele zu schmeicheln, tun wir es häufig mit einer flapsigen Handbewegung ab. „Naaaaa, ach was. Du findest, ich sehe gut in dem Kleid aus? Hör ma auf, das ist das 5. Kleid, was ich vorhin anprobiert habe und es ist das einzige, was noch passt. Mein Hintern ist wahnsinnig auseinander gegangen, wie ein Hefeteig und meinen Schwabbelbauch musste ich in eine Spanx quetschen…“.  STOP! Ein simples DANKE mit einem Lächeln hätte gereicht. Und wäre fürs Selbstbewusstsein der reinste Balsam.

„So toll, so toll! Eine richtige Frau! <3 Merci Anna“ steht letztens unter einem Outfitposting bei Facebook. Ich werde kurz misstrauisch… Was meint sie denn mit „richtige Frau“? Sofort setzen die Selbstzweifel ein. Ok, auf dem Foto sieht man schon ein wenig mehr als sonst meine Hüften. Und vielleicht hätte ich doch das andere Foto nehmen sollen, auf dem ich nicht lache und meine schiefen Zähne zu sehen sind. Moment… was meint sie nochmal? „Richtige Frau„, hat sie mich gerade fett genannt??? STOP! Vielleicht meint sie was ganz anderes? Ich werde neugierig.

Ich frage also interessiert zurück, was sie denn mit „richtige Frau“ meint und bekomme prompt die Antwort, die vollkommen anders ist, als das, was sich in meinem Kopf abgespielt hat: „Eine richtige Frau ist eine, die was hat und macht und tut und und und.. Halt einfach eine richtige Frau!„. Ich schäme mich für meine Gedanken von vorher. Sehr. Da war es nämlich wieder: Selbstzweifel. Ein Kompliment wurde gemacht und ich nahm es wieder zum Anlass, über meine Makel nachzudenken. STOP! Warum fokussiere ich mich nicht auf das, was positiv ist? Eben auf das, was das Kompliment beinhaltet? Warum höre ich die Message ganz anders, als sie gesendet wird?

Frosti, ich finde das so klasse, wie du das alles hinbekommst mit Emma und deinem Job und einfach allem„, hat Lina schon oft zu mir gesagt. Irgendwie denke ich bei dem Kompliment eher an das, was ich nicht schaffe. An all die Dinge, die vielleicht liegen bleiben, die ich nachts nachhole oder die ich einfach nicht gewuppt kriege. STOP! Warum höre ich nicht auf das, was gesagt wurde und freue mich über die Dinge, die gut laufen? Warum denke ich noch über die Dinge nach, die vielleicht daneben gingen? Während ich diese Zeilen tippe, vibriert die Apple Watch – eine neue Sprachnachricht von Lina bei Whatsapp. Ich finde mein Handy in der Küche neben der Kaffeemaschine wieder und während ich zurück zum Schreibtisch laufe, höre ich Linas Worte: „Ich weiß, dass du das eigentlich nicht hören magst und nicht der romantische Typ bist, der das vertragen kann, aber ich muss dir was sagen, was man viel zu selten gesagt bekommt: ich bin stolz auf dich, als Freundin. Du bist mehr als eine Freundin, du bist Familie. Du bist immer für mich als Freundin da, obwohl du genug zu tun hast mit deiner kleinen Familie.“ Ich muss schmunzeln und denke daran, dass ich doch vielleicht noch eine bessere Freundin sein könnte…

Wir Frauen sind schon ein lustiger Haufen. Und gerade untereinander ist es doch ein klitzekleines bisschen so, wie in diesem Sketch (Achtung! IRONIE!!!):

Aber es gibt sie, die Momente in denen deine Freundinnen genau wissen, was sie dir sagen sollten. Herzmenschen sind das, sie schauen dir tief in deine Seele und können im richtigen Moment den richtigen Nerv treffen. Und manchmal sollten wir einfach das annehmen, was uns da auf dem Silbertablett serviert wird und nicht weiter zweifeln. Und nein, nicht jedes Kompliment erfordert eine Gegenleistung. Und nein, nicht hinter jedem Kompliment steckt Schleimerei oder Manipulation. Aber verdammt nochmal ja, wir haben Komplimente verdient. Jeder von uns! Auch dann, wenn es uns für so manch eine Sache überflüssig erscheint, ist es doch für jemand anderes ein oder mehrere Komplimente wert. Und wir sollten sie einfach annehmen. Zwischen den Selbstzweifeln vergessen wir leider manchmal, dass wir schon ziemlich toll sind. Und wir sollten drauf scheißen, wenn das aufpolierte Selbstbewusstsein durch ein angenommenes Kompliment auf andere vielleicht ein kleines bisschen arrogant wirken könnte. Denn das passiert vermutlich einfach wieder nur in unserem Kopf…

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2 Comments

  • Reply
    jenny
    14. August 2015 at 11:18

    Das kann ich nachfühlen.
    Oft fühlt man sich durch Komplimente unwohl..da man selber weiß was nicht läuft.. aber diese Komplimente helfen einem zu sehen dass es dich läuft :-)

  • Reply
    Angi
    14. August 2015 at 17:44

    Du sprichst mir ein wenig aus der Seele. Ich muss es auch endlich mal lernen Komplimente einfach mit einem Danke anzunehmen statt diese abzutun.

    Einerseits möchte man ja gerne Komplimente haben aber dann doch nicht? Du hast Recht – wir Frauen sind schon manchmal seltsame Geschöpfe :)

    Liebe Grüße,
    Angi

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