GRLPWR

Ey Muttis, seid doch mal lieb zueinander

emma babyfrost anna frost

Wovor dich ja wirklich niemand warnt, wenn du schwanger bist und ein Kind erwartest, sind die anderen Mütter. Eigentlich könnte man meinen, dass gerade andere Mütter diejenigen sind, die wissen, was du durchmachst, die zu dir halten, die eine starke Front mit dir gegen alle anderen bilden. Dabei sind es Mütter, die sich gegenseitig torpedieren, haten, sich blöde Sprüche drücken und dir die schiefen Blicke zuwerfen, die dir ganz tief im Herzen weh tun. Eine Truppe, von der man denkt, sie würde fest zusammenhalten, zerschießt sich von innen heraus. Nein, nein, so sind natürlich nicht alle. Um Gottes Willen, natürlich gibt es auch diejenigen, die entspannt, tolerant und cool sind mit dem, was andere machen.

Aber so manches Mal ist die Realität dann doch gleich dem Ärzte-Song und die Nachbarn suchen die verscharrte Leiche im Garten. Warum ist ein Schwarz/Weiß-Denken, die Annahme es gäbe nur ein einziges Richtig und ganz viele Falsch, unter Müttern so stark verbreitet? Ein schöner Mikrokosmos sind Foren und Facebookgruppen, in denen sich Mütter zusammenrotten, überwiegend um nach Rezepten für Babybrei zu suchen, stolz Fotos ihrer Brut zeigen und nach dem nächsten Babyflohmarkttermin fragen. Die heitere Welt wird eigentlich nur dann zerstört, sobald eine Mutter eine Frage zu einem Problem stellt („Was hilft bei Zahnungsschmerzen?“ oder „Mein Kind schläft beim Stillen ein, was kann ich tun?“) und auf eine Lösung hofft oder von den Erfahrungswerten anderer Mütter profitieren möchte. Bei zwei von drei solcher hilfesuchenden Fragen wird die Fragende mit Heugabeln und Fackeln an den Rand der geschlossenen Gruppe gedrängt, ihr wird mit dem Jugendamt gedroht oder mit grammatikalisch fragwürdigen und semi-informativen Antworten die Frage nicht in Ansätzen beantwortet. Das hinterlässt nicht nur Frust bei der Fragenden, sondern auch bei allen Beobachtern – zumindest bei mir.

emma babyfrost anna frost 2

„Wer sein Kind nicht liebt, der schiebt!“, musste ich mir schon das eine oder andere Mal anhören, weil ich meine Tochter im Kinderwagen spazieren fahre. Was zum Henker?? Warum wird meine Fürsorge und Zuneigung in Frage gestellt, weil ich mich in diesem Moment für ein anderes Transportmittel entschieden habe, als jemand anderes? „Du musst dein Kind tragen!!“ – Das tue ich. Im Tuch von ByKay, im BabyBjörn, in der Manducca. Ist aber alles falsch. Warum? Weil das jemand sagt, der sein Kind in einem Tuch / einer Tragevorrichtung eines anderen Herstellers trägt.

„Wie? Du stillst nicht mehr? Du hast viel zu früh abgestillt!! Welche Chemiemilch gibst du denn jetzt deinem Kind?“ Egal, was du sagst, es ist vermutlich die falsche Milch. Du hast schon den ersten Brei gegeben? Vermutlich den falschen. Du hast dein Handy beim Stillen in der Hand? Ja sag mal, schämst du dich denn nicht??? Dein Baby will stehen, drückt die Beine durch und hat Spaß daran, auf deinem Schoß zu stehen, sich an deinen Händen festzuhalten und zu balancieren, bevor es krabbeln kann – das ist aber voll nicht gut, weil das gibt einen Hüftschaden und wahrscheinlich erleidet dein Baby dadurch auch noch einen Hirnschaden. Irgendeinen Schaden auf jeden Fall. Und vermutlich wird es später in der Schule in Musik deswegen eine 5 auf dem Zeugnis haben und niemals studieren können. Scheiß egal, was dein Instinkt dir sagt, wie weit entwickelt dein Baby ist – alles falsch. Alles. Aus Prinzip. Und weil eine andere Mutter nicht scheut, dir das zu sagen.

Als es letztens an der Tür klingelte und die Nachbarin mit einem Paket für uns in der Hand nachfragte, wie es denn so läuft und man höre Emma ja dauernd weinen, ob denn alles ok ist, stand ich da mit meinem lachenden Kind auf dem Arm und mir fiel beinahe das Gesicht aus dem Kopf. Dauernd? Gut, im Moment hat Babyfrost eine Phase, da will sie nur bei Mama sein und beschwert sich ab und an mal, wenn der Papa sie ins Bett bringt. Das ist aber normal, kommt und geht wieder. Und wenn das bei euch nicht so ist, dann aber bei uns. Ok, meine Haare sahen in dem Moment an der Tür dezent zerzaust aus, weil ich kurz vorher mit Emma auf dem Boden tobte, war aber sonst ordentlich geschminkt und auch angezogen (also nix hier Schlafanzug!). Und ansonsten ist Emma ja ein fröhliches Kind – ja … manchmal sehr laut, eben wie die Mama, aber sonst gibts kaum was zu Weinen. Auch nachts ist alles entspannt, denn sie schläft 10 Stunden durch (fragt nicht, wie wir das geschafft haben …). Nicht nur, dass die Nachbarin selbst Mutter einer kleinen wenige Monate alten Tochter ist, sondern auch nicht viel älter, als ich, weswegen ich mich ein wenig gekränkt fühlte. Nein, eigentlich schon arg gekränkt, denn ich war bis eben der Meinung, dass Baby und Mama ein gutes Team sind. Sie hielt mir dann noch einen dreiminütigen Vortrag über den Vorteil von Tragetüchern und dass man dann ja sooooo viel erledigen kann mit dem Kind auf dem Rücken und verabschiedete sich dann mit den Worten, dass ich Emma ja gerne mal zu ihr geben kann, wenn ich Zeit für mich bräuchte. War das jetzt eine Lärmbeschwerde? Eine freundliche Geste? Ich schloss die Tür, legte Emma für ihren Mittagsschlaf ins Bett, sie schlief sofort ein und ich fing erst einmal an zu weinen.

Ja, da hatte sich den Tag über eine Menge angestaut. Kurz vorher durfte ich Kritik einstecken, dass ein Spielebogen mit Lichtern der Horror für kleine Babys ist und ich damit meinem Kind erheblichen Schaden zufüge. Davor kam noch irgendwas anderes, was ich schon längst wieder verdrängt habe. Ist eigentlich auch egal, mein Nervenkostüm hatte jedoch Löcher und mein selbstverschuldeter Stresspegel war einfach zu hoch. Es gab aber auch einfach viel zu tun an diesem Tag. Ein reinigendes Gewitter, Druck ablassen – für sowas sind ein paar vergossene Tränen immer gut.

Als Mutter brauchst du ein dickes Fell. Nicht nur musst du dein Kind vor bösen Monstern unterm Bett beschützen, auch du selbst musst deine Handlungen und Entscheidungen an beinahe jeder Stelle rechtfertigen und die täglich auftauchenden Selbstzweifel verarbeiten. Rechtfertigungen vor sich selbst sind die schwierigsten. Mütter machen sich sehr gerne selbst Druck. Stellen ihre eigenen Ansprüche hoch und höher und wollen gerne perfekt sein. Zumindest wäre ich das gerne. Schreiben, neue Projekte zu Wasser lassen, hier ein Event, da eine wichtige Veranstaltung, hier eine kleine Pressereise, PEKiP, Babymassage, Rückbildung, Yoga, sich auftürmende Wäscheberge, Wohnung aufräumen, Abendessen kochen. Alles Dinge, die ich sehr sehr gerne und mit Leidenschaft mache (ok, Wohnung aufräumen und Wäsche waschen nicht … ist aber nötig!). „Ich mach das schon!“, sage ich viel zu oft. Aber leider sind die 24 Stunden eines Tages irgendwie zu wenig für all das. Abstriche mache ich bei mir, denn mein Kind steht an erster Stelle. Das war von Anfang an so und wird auch immer so sein. Und zwischen all den Dingen achte ich darauf, dass mein Kind niemals zu kurz kommt. Ich bleibe lieber noch nachts länger wach, als dass ich eine Spielstunde auf dem Wohnzimmerboden mit Emma ausfallen lasse. PEKiP, Rückbildung, Wasauchimmer wird abgesagt, wenn das Baby einen Strich durch die Rechnung macht. Und ich wette, dass es andere Mütter genauso machen. Das Kind gibt den Ton bei diesen Extradingen an, hier wird niemand zu etwas gezwungen (Ach was rede ich … Ballettkurs und Klavierstunden habe ich doch schon für sie gebucht! #Dancemom). Und doch erntet man böse Blicke, wenn man einen kleinen Moment aus dem Alltag der Außenwelt zeigt. An der Stelle rede ich schon gar nicht mehr von mir, sondern fasse meine Beobachtungen und Erzählungen von anderen Müttern der letzten Monate zusammen.

Ich finde es einfach schade, wie fies – ob beabsichtig oder unbeabsichtigt – Mütter anderen Müttern einen Stich ins Herz versetzen. Mal angenommen, nicht jede Mutter will ihrem Kind absichtlich Schaden zufügen. Mal angenommen, jede Mutter liebt ihr Kind. Mal angenommen, jede Mutter versucht ihr bestmögliches, um ihrem Kind eine schöne Kindheit zu bescheren, das Kind behütet und geborgen aufwachsen zu lassen. Warum muss dann so ein Kleinkrieg unter Eltern stattfinden?

Mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht, aber auch nur gaaaaanz vielleicht einen Grund hat, warum die eine Mutter bereits vor dem 6. Monat abgestillt hat? Oder gar nicht stillt? Ich bin mir sicher, dass sie weiss, dass „Muttermilch das Beste für ihr Kind ist„, das kriegt sie ja ständig in der Werbung gesagt. Und mit Sicherheit von der einen oder anderen stillenden Mutter. Mal darüber nachgedacht, dass es einen Grund hat, warum ich Tragevorrichtung XY habe und nicht eine andere? Mal darüber nachgedacht, warum ich auf jeden Fall mit dem Kinderwagen zum Einkaufen gehe und nicht das Kind in das Tragetuch stecke?

Die Zeitvorstellung der Aymara

Foto Bilfinger SE

Wer nur Schwarz/Weiß denkt, dem entgehen die vielen Farbabstufungen, die dazwischen liegen (Hand hoch, wer denkt an einen 50 Shades of Grey Witz??). Und ganz ehrlich? Mir tun die Kinder leid, die von ihren Eltern dieses Schwarz/Weiß-Denken übermittelt bekommen. Ist ein Denken über den Tellerrand zuviel verlangt? Kann man nicht einfach mal die Entscheidungen anderer tolerieren? Man muss sie nicht gut finden. Nein. Man muss sie nicht als Nonplusultra ad acta legen. Aber man kann sie hinnehmen. Und darüber nachdenken, dass die Entscheidung vielleicht nicht auf die eigenen Bedürfnisse zutrifft, aber vielleicht auf die der anderen.

Die Natur hat uns Muttis schon mit Absicht diesen Instinkt in die Wiege gelegt, der grob absichert, dass wir unser Kind nicht fallen lassen oder vom Wickeltisch schubsen. Auch gibt es da noch immer diese eine Frau im Leben einer jeden Frau, die man fragen kann. Die nennt sich ebenfalls Mutter (die eigene zum Beispiel), Tante oder Oma. Die haben es offensichtlich geschafft, eigene Kinder groß zu kriegen (man selbst zum Beispiel) und wenn man sich selbst schon ziemlich gut findet, kann an den Dingen, die die eigene Mutter getan hat, nicht allzu viel falsch sein. Fragt die doch mal! Früher war nicht alles aus Holz. Und schon gar nicht besser. Erst recht nicht einfacher. Bedingungen waren anders und das Angebot vielleicht kleiner. Mehr aber nicht.

Wenn ich Emails bekomme, in denen steht „Ich weiss nicht, wen ich sonst fragen soll, die anderen Mütter sind so arrogant und fies …“, dann frage ich mich, was hier eigentlich los ist. Warum gibt es nur richtig und falsch? Begegnet eurem gegenüber doch mal so, wie ihr euch wünscht, dass man euch begegnet.

Mütter haben gute und schlechte Tage. Jeden Tag werden die Karten neu verteilt und nach dem morgendlichen Kaffee legen wir unsere Rüstung an, um den Tag zu meistern. Blaue Flecken bleiben nicht aus, Blessuren gehören zum Leben dazu. Und jeden Tag schwinge ich mich erneut auf mein rosa Pferd, klemme mir meine Familie unter den Arm und würfle so lange weiter, bis ich über Los! komme und die 400 Taler einkassiere. Was anderes macht ihr auch nicht, ihr anderen Muttis. Und stellt euch mal vor, wie einfach es wäre, würden wir gegenseitig im Windschatten reiten und uns die eine oder andere helfende Hand reichen.

Also Muttis, seid doch mal lieb zueinander!

You Might Also Like

5 Comments

  • Reply
    Ivy
    16. September 2015 at 18:33

    …auch wenn der Text schon ein paar Tage her ist: Du sprichst mir aus der Seele! Ich glaube, die meisten geschilderten Situationen kennt jede Mutter. Zumindest jede, die noch richtig tickt ;-) Die anderen sind die, von denen du schreibst. Ich bekomme das auch gerade mit – meine Kleine ist drei Monate alt. „Was, du machst ein Jahr Elternzeit? Die xy fängt ja direkt nach dem Mutterschutz wieder an.“ – „Was, du willst nach einem Jahr wieder anfangen? Ja, denkst du, es ist gut, die Kleine so früh in eine Krippe zu geben?“ Arrggghhh. Und dann bin ich auch noch eine nicht-stillende Rabenmutter. Evil!
    Inzwischen ist mir das Geschwätz egal, aber gerade anfangs, hormonbeladen und übermüdet, hat mich so etwas immer sehr getroffen.
    Von daher: Toller Text, trifft das Problem ganz genau :-)
    Liebe Grüße!

  • Reply
    LaMerleBlanche
    17. September 2015 at 12:11

    hahahaha „vom Wickeltisch schubsen“ :D
    Sehr schöner und treffender Text! Der auch in anderen Lebenssituationen zutrifft, da es leider so oft passiert, dass Individualität außer Acht gelassen wird…
    Und auf die von der geschilderte Situation bezogen, sind ja nicht nur die Bedürfnisse & Möglichkeiten jeder Mutter unterschiedlich sondern auch jedes Baby ist anders und entwickelt sich individuell mit individuellen Bedürfnissen!
    Liebe Grüße und viel Erfolg weiterhin beim „eigenen-weg-finden-und-gehen“ :)

  • Reply
    LaMerleBlanche
    17. September 2015 at 12:45

    Und es bleibt die Frage: werden gegenüber Männern/Vätern diese Kommentare auch geäußert? Oder kann Er selbst entscheiden, was für ihn und sein Kind am besten ist und am besten funktioniert (z.B. Kinderwagen VS. Tragetuch)?

  • Reply
    Katharina
    17. September 2015 at 22:56

    Ich habe gerade deinen Blog entdeckt und bin hängen geblieben. Erst einmal, du sprichst mir aus der Seele-Danke dafür <3. Ich selbst bin Mutter von 3 Kinder. Mein erstes habe ich mit 23 bekommen und was ich mir alles anhören musste ( auch von anscheinend guten Freunden), war teilweise nicht nett ( da wurden schon einige Tränchen verdrückt). Deswegen bin ich eh der Meinung, man sollte immer auf sein Bauchgefühl hören. Auch ich bin für mehr Liebe und ein Miteinander unter Muttis <3.
    LG und mach weiter so :-*

  • Reply
    NELE
    24. September 2015 at 18:35

    OH, Anna! Wahre Worte! Als blutjunge 23-jährige Mutter eines vor gerade mal vier Wochen geschlüpften Babyjungen ist man so verunsichert wie man vorher niemals war und auch niemals sein wird. Das vermute ich zumindest. Was ist denn nun das beste für mein Baby und für mich? Und wenn ich mich für etwas entschieden habe, sei es Schnulli, Windel oder eben die Tatsache, dass mein Baby nicht gestillt wird dann kommt eine von den Supermuttis und verurteilt mich aufs Übelste… Hilfe! Als sei man schon als perfekte Mutter zur Welt gekommen. Ich liebe mein Kind und wäre froh, wenn nicht alles, was ich für uns entscheide von andren als grundsätzlich Falsch betitelt würde.

  • Leave a Reply

    Ich akzeptiere

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.