Es gibt viele Dinge die man von jungen Leuten erwartet oder für selbstverständlich hält. Eins dieser Dinge ist, dass man Freunde hat. Eine Clique mit der man Zeit verbringt, an der Uni eine kleine Gruppe mit der man abends mal in eine Bar geht oder in der Mensa gemeinsam Mittag isst. Doch wie soll man erklären, wenn man sowas nicht hat? Wenn man neue Leute kennenlernt und die einen fragen wie das Unileben für einen aussieht? Wenn Eltern oder Ältere davon erzählen, dass die Zeit an der Uni die beste Zeit der Jugend, oder gar des Lebens sei? Wie geht man selbst damit um, wenn man sieht, dass jeder Freundschaften schließt nur man selbst keinen Anschluss findet?
Wenig bis keine Freunde zu haben ist ein Thema über das meiner Meinung nach nicht genug gesprochen wird. Und es betrifft natürlich nicht nur Menschen Anfang zwanzig, sondern alle Altersklassen und Geschlechter. Wenig oder keine Freunde zu haben wird in der Gesellschaft häufig damit bewertet, dass etwas mit einem nicht stimmt. Dass derjenige seltsam sei, dass ja irgendwas mit dem los sein muss, selbst wenn man sich selbst dazu entschieden hat seinen Freundeskreis ganz klein und fein zu halten
Ich lebe und studiere in Hamburg und ich habe ganz fantastische Freunde! In Berlin, in München, in Spanien. Und in Hamburg? Da wird es schwierig.
Ich kenne sehr viele Menschen hier und bin froh viele von ihnen in meinem Leben zu haben und will das auch nicht missen. Ich habe eine Gruppe von Kumpels aus der Schule die ich 2-3 Mal im Jahr treffe, ich habe hier und da einen Bekannten mit dem man sich gerne auf einen Kaffee trifft und sich über alles austauscht. Ich habe meine beste Freundin hier und eine andere die für mich wie eine Schwester ist.
Doch was mein Leben in Hamburg maßgeblich ausfüllt und bestimmt ist die Uni. Und sobald ich das Gebäude betrete bin ich alleine.
Das auszusprechen kostet Mut und ich bin mir noch immer nicht sicher ob ich das wirklich mit der Öffentlichkeit teilen möchte. Denn wer gibt sowas schon gerne zu?
An meiner Uni habe ich Leute die ich kurz nach Hausaufgaben fragen kann oder mit denen man einen kurzen Smalltalk vor der Vorlesung halten kann, aber alles Freundschaftliche darüber hinaus gibt es nicht. So etwas wie eine feste Gruppe mit der ich Mittag essen gehe oder mal in der Freizeit verabrede habe ich nicht.
Woran es liegt? Ich denke solche Situationen haben mehrere Faktoren. Ist man generell ein Gruppenmensch oder nicht? Ist man extrovertiert genug um sich um so etwas zu bemühen? Wie viel Zeit möchte man in Freundschaften investieren? Und wie wichtig ist einem so eine feste Gruppe überhaupt? Denn bestimmt ist nicht jeder daran interessiert Leute an der Uni kennenzulernen.
Ich habe in meinen ersten Semestern an der Uni viel Zeit mit Gaststudenten verbracht und auch an der Uni in diesem Bereich gearbeitet. Ich habe dort tolle Freundschaften geschlossen und es haben sich auch Freundesgruppen gebildet, aber Gaststudenten sind eben Gaststudenten und reisen nach 4 oder 5 Monaten wieder ab.
Warum gelingt es mir also dort den Anschluss zu finden aber bei meinen Kommilitonen nicht? Wie kommt es, dass man woanders mit Leichtigkeit anknüpft und Teil wird, aber an anderen Orten das Gefühl bekommt irgendwas müsse mit einem nicht stimmen?
Wenn wir zur Frage „Wie wichtig ist einem so eine feste Gruppe überhaupt?“ zurückkommen kann man schnell darauf schließen, dass vielen so etwas sicher überhaupt nicht wichtig ist. Das gilt leider aber nicht für jeden.
Und selbst wenn es nicht das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit ist, dann wäre es doch schon schön gäbe es 1-2 Personen mit denen man sich über oberflächlichen Smalltalk hinaus unterhalten könnte oder zum Lernen zusammensetzen könnte.
Nicht jeder hat ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, aber für den der es hat können solche Situationen schwierig sein.
Für mein kommendes Semester habe ich mir fest vorgenommen zu versuchen offen zu sein und zu bleiben. Sicher ist es auch studiengangabhängig wie offen Leute sind, jedoch ist es kein Grund es in irgendeinem Studiengang nicht zu versuchen einen Mensapartner, eine Lerngruppe oder einen Freundeskreis zu finden. Denn Freunde an der Uni machen das Leben dort einfacher.
Es kann schwierig sein sich mit Anfang/Mitte/Ende 20 nochmal wie in der 5. Klasse zu fühlen, aber wenn man seinen Unialltag mit Kommilitonen teilen möchte führt kein Weg daran vorbei.
Das hier ist kein mimimi darüber, dass es nicht einfach ist Freunde zu finden, sondern ein Plädoyer dafür sich nicht entmutigen zu lassen, wenn man in einem Bereich Schwierigkeiten damit hat seinen Platz zu finden und Freundschaften zu knüpfen und offen und ohne Scham mit jemandem darüber zu sprechen, wenn es einen betrifft. Denn selbst wenn man nicht nach Freundschaften sondern nur nach netten Bekanntschaften sucht, ist dies nicht immer einfach. Kann sich kacke anfühlen. Das Gefühl zu haben irgendwie alleine zu sein obwohl man es gar nicht so gerne wäre.
Manche Dinge brauchen mehr Zeit und vor allem Mut.
Mal sehen was dieses Semester für mich offen hält und ob ich in einigen Monaten etwas schreiben kann wie „Wie du Anschluss in der Uni findest“…


No Comments