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Erasmus endet nie

Jetzt ist es schon über 1,5 Jahre her dass ich aus meinem Auslandssemester in den Niederlanden zurück gekommen bin. Ein Semester habe ich in Rotterdam studiert und dort die schönsten fünf Monate meines bisherigen Lebens verbracht.

Wer Student in der europäischen Union ist hat die Möglichkeit dafür Fördermittel erhalten, die Erasmus+ Förderung der Europäischen Union. Dieses Programm ist für jeden und ich kenne innerhalb Europas auch keinen Studenten, der ohne diese Förderung ins europäische Ausland gegangen ist, weswegen wir Auslandssemester schon gar nicht mehr so nennen, sondern nur “Erasmus” sagen: “Ich habe mein Erasmus in den Niederlanden gemacht.”

 

Zurückzukommen war anfangs sehr schwer. Man lebt über diese Monate mit weltoffenen, netten und aufgeschlossenen Studenten zusammen, die alle das gleiche möchten: gut zueinander sein um gemeinsam eine gute Zeit zu haben.
Sie kommen aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Regionen, gehören verschiedenen Kulturen an, wurden eventuell ganz anders großgezogen als man selbst und doch hält man zusammen, vertraut einander und ist ehrlich und offen miteinander. Fremde, die in kürzester Zeit enge Vertraute werden.

In meinen beiden vergangenen Semestern habe ich mich sehr darauf konzentriert mich wieder einzufinden, hier in Hamburg neue Freundschaften auszubauen und andere zu vertiefen. Ich habe mich darauf konzentriert meine Klausuren gut zu bestehen und tatsächlich auch darauf, Erasmus weiter zu verarbeiten.

 

Oft denke ich an die Zeit zurück. Erasmus fühlte sich so abgeschlossen an, wir alle sagten: Das ist eine einmalige Lebenserfahrung, so etwas werden wir nie wieder erleben, sehen, spüren.
Genau deswegen fiel es mir auch so schwer diese Zeit zu verarbeiten, ich wollte nicht wahrhaben dass es das gewesen sein soll. Fünf Monate voller verschiedenster Erfahrungen und Eindrücke und danach normaler Alltag.

 

An meiner Uni wird sich viel um die ankommenden Gaststudenten gekümmert, das International Office organisiert Veranstaltungen über das ganze Semester hinweg und die heimischen Studenten haben die Möglichkeit sich zu engagieren.
Ich bin beispielsweise seit diesem Semester wieder Tutorin für die Gaststudenten. Ich helfe Veranstaltungen zu organisieren, ich bin da wenn jemand Hilfe braucht oder eine Frage hat.
Erasmus hat mir so viel gegeben, mein Auslandssemester war so eine fantastische und bereichernde Zeit, ich bin absolut davon überzeugt dass ein Auslandssemester das Leben nicht nur verändert sondern auch stark verbessern kann. Durch meine Arbeit wollte ich gerne etwas zurückgeben.
Jedoch bin ich durch diese Arbeit schnell zum Teil der Gemeinschaft der Gaststudierenden geworden und gehöre nun fest zum Freundeskreis. Ich habe meine Clique und auch wenn ich mich am Anfang sehr dagegen gewehrt habe und immer wieder betont habe, dass ich mein Erasmus bereits erlebt habe und ich mit diesem Lebensstil den sie leben nicht mithalten kann, bin ich Teil des Ganzen.
Und genau dieser Satz stieß bei meinen internationalen Kommilitonen auf Verwunderung: Ich kann kein Teil von euch sein, denn Erasmus gibt es nur einmal.
Und im Nachhinein wundere ich mich auch: Wieso verwehre ich mir selbst etwas, was mir so viel Freude bereiten kann und gebe etwas so ein hartes Label, obwohl es keins benötigt?
Aus welchem Grund tue ich so, als wäre meine Erasmus Erfahrung etwas gewesen, was man aus meinem “eigentlichen” Leben ausklammern könnte? Als wäre es eine Blase von Fantastischem, die für sich alleine schwebt?

Wer einmal Erasmus gemacht und gelebt hat wird vielleicht verstehen, wie es dazu kam. Aber muss es denn so sein?
Nein.

Ich habe die Möglichkeit fantastische Menschen von überall aus Europa, von überall auf der Welt kennenzulernen und tue das auch. Es sind alles Leute die ihr Zuhause für einige Monate (sechs oder 12 Monate) hinter sich lassen, um eine gute Zeit zu haben, um zu wachsen, zu lernen, zu lachen und sich von ihrer offensten Seite zu zeigen. Alle kommen mit dem gleichen Ziel: glücklich sein.
Und das merkt man vor allem auch daran, dass sie sich sehr offen zeigen, neuen Erfahrungen aber auch neuen Menschen gegenüber.
Jedes Semester kommen neue Studenten mit genau diesem Ziel. Also wieso genau habe ich geglaubt Erasmus sei eine abgeschlossene Sache? Etwas, was passiert und endet und für immer im Herzen bleibt als eine einmalige Erfahrung?

Erasmus ist hier und jetzt. Auch ich möchte wachsen, lachen und glücklich sein. Ich suche den Kontakt in die Welt, jeden Tag.

Erasmus ist nicht nur sein Zuhause verlassen um ein neues zu schaffen.
Erasmus ist der Wille sich zu öffnen und der Hunger nach der Welt: Nach Bildung, Menschen, Orten, Erfahrungen, Spaß, Wissen, Spannung, einem selbst.

Ich habe nicht einfach vier Monate eine Erfahrung gelebt die mit meinem Abreisedatum geendet hat.
Ich bin aktiv Teil der Erfahrung die andere Leute hier machen, ich zeige mich weltoffen und hungrig. Ich habe zwar nicht die gleichen Freiheiten wie unsere Gaststudenten und auch befinde mich offensichtlich nicht in der gleichen Situation wie sie, aber das muss ich auch gar nicht.
Diese Erfahrung kennt keine klaren Grenzen und ist offen für jeden, der sie leben will.

 

Der Austausch mit Studenten aus aller Welt ist für mich zum Alltag geworden. Ich fühle mich europäischer denn je, glaube daran dass wir uns alle ähnlicher sind als wir es uns vorstellen könnten und denke mit einem weinenden und einem lachenden Auge daran, dass viele meiner neuer Freunde bereits in 2 Monaten das Land verlassen werden. Weinend, weil sie mir fehlen werden; lachend, weil ich weiß dass sie diesen Geist weitertragen werden und auf eine wunderschöne Zeit in ihrem Leben zurückblicken werden können.
Mein Erasmus hat gerade erst angefangen.

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