“Alle erstmals nicht bestandene Prüfungs- und Studienleistungen könne zweimal, die nicht bestandene Bachelor- und Master-Thesis kann nur einmal wiederholt werden; in begründeten Ausnahmefällen kann der Prüfungsausschussvorsitzende eine zweite Wiederholung genehmigen. Gibt es keine Wiederholungsmöglichkeiten mehr, gilt die Prüfung als endgültig nicht bestanden. “
Dieser Absatz ist Teil der allgemeinen Prüfungs- und Studienordnung für meine Fakultät an meiner Uni. Und alles was er bedeutet ist folgendes: Du kannst es drei mal probieren, wenn du beim dritten Mal wieder durchfällst bist du raus. Und du kannst keinen Studiengang mehr studieren, welcher das Fach, welches du “endgültig nicht bestanden” hast, beinhaltet. Und um es noch einfacher zu machen: You’re fucked.
An meiner Uni gibt es keine zweite Prüfungsphase. Am Ende des Semesters haben wir 3 Wochen Zeit, in welcher keine Vorlesungen stattfinden und wir unsere Prüfungen schreiben. Das sind in der Regel sechs Stück. Wenn du durchgefallen bist musst du 6 Monate bis zum Ende des nächsten Semesters warten um den nächsten Versuch zu unternehmen.
Wenn du also durch eine Prüfung durchfällst ist es nicht nur nervig, weil du sie nochmal machen musst und ein Versuch weg ist, sondern auch weil sich dein Studienplan verschiebt. Du kannst im kommenden Semester kein Fach belegen, welches auf diesem Fach aufbaut und kannst nicht 6 sondern nur 5 neue Fächer belegen, weil der Workload sonst zu groß wird. Also verlängert sich deine Studienzeit und das ist bei einer Regelstudienzeit von 7 Semestern ätzend.
Es gibt Fächer, die sind schwierig, Fächer, in die man einfach sehr viel Zeit investieren muss und Fächer, in denen man vielleicht einfach schlecht ist. Mit Externem Rechnungswesen habe ich ein Fach gefunden was all diese drei Dinge für mich kombiniert (Es gibt auch noch andere Dinge, die ich dafür verantwortlich mache dass ich in diesem Fach nicht wirklich gut zurecht kam, aber die möchte ich lieber nicht öffentlich nennen).
Ich fiel beim ersten Mal durch.
Ich fiel beim zweiten Mal durch.
Zack, willkommen im Drittversuch.
Du startest also in dein neues Semester nicht nur mit dem Gefühl, dass du auf der Stelle laufen würdest, weil du den selben Kurs zum dritten Mal machen musst, sondern auch mit dem Wissen, dass wenn du es wieder nicht schaffst dein Studium vorbei ist.
Du fragst dich ob du vielleicht einfach falsch in deinem Studium bist, ob du nicht den richtigen Weg für dich gewählt hast. Wieso habe ich mich hier nochmal für entschieden? Und ich mag die Leute doch sowieso nicht… Und sowieso war ich ja auch erst 18 als ich hier angefangen habe. Sollte ich doch was anderes studieren?
Du fragst dich, ob vielleicht einfach du das Problem bist. Wieso schaffen es die anderen, aber ich nicht? Was ist wenn es mir überall so ergehen wird? Oder in all den anderen Fächern die noch kommen werden?
Du machst dir Sorgen, es stresst dich.
Ich habe relativ schnell angefangen mir einen Plan B zu suchen. So wie die meisten habe ich angefangen zu überlegen was ich tun soll, wenn ich wieder durchfallen sollte. Ich bin kein Mensch der gerne unvorbereitet ist. Auch wenn ich das ganze Semester gesagt habe: “Ich bestehe diesen Kurs”, habe ich mich trotzdem damit beschäftigt was ich tue, wenn ich eben nicht bestehen sollte. Und um ehrlich zu sein: Die Pläne gefielen mir sehr gut.
Es nimmt ein wenig die Angst vor dem “danach”, aber trotzdem nicht die Angst vor der Prüfung selbst. Die bleibt, egal wie gut alles geplant ist.
Das Semester haben ich und die anderen Drittversuchler gearbeitet wie nie zuvor. Ich habe jede Woche zwei Tutorium besucht (in denen die gleichen Aufgaben besprochen wurden). Keine Aufgabe ausgelassen, keine Möglichkeit zum Wiederholen und vorbereiten ausgelassen.
Doch in meinem Kopf blieb immer mein Plan B. Der sich gar nicht mehr anfühlte wie ein Plan B sondern mehr wie ein Plan A. Ich mag mein Studium nicht besonders. Alles daran. Uni, Umfeld, Lehre. Und das nicht erst seitdem ich mich im Drittversuche befinde. Wenn ich durchfalle kann ich endlich das tun, was ich mich jetzt nicht traue zu tun. Was neues beginnen, in einem anderen Land studieren, weggehen von hier, einen neuen Abschnitt beginnen.
Ich rede mit meinen Freunden darüber und alle sagen mir das Gleiche: “Das kannst du doch jetzt auch!”.
Nein, kann ich nicht. Darum geht es. Ich könnte es theoretisch, aber ich kann trotzdem nicht. Wenn ich durchfalle muss ich, das ist der Unterschied.
Für viele ist das schwer zu verstehen, das kann ich nachvollziehen. Ich würde vermutlich das gleiche sagen und denken wie sie, wäre eine Freundin von mir in einer Situation wie ich, und hätte ich mich nie in so einer befunden.
Am Tag der Prüfung lutschte ich gefühlt 100 Beruhigungspastillen (Mit Bachblütentropfen, nichts aggressives, keine Sorge) und fing in der Prüfung an zu weinen, weil der Druck der auf einem lastet sich so unfassbar groß anfühlt.
Nach der Prüfung war ich sauer, aufgelöst. Ich weinte noch mehr.
Zwei Tage mussten wir warten bis das Ergebnis für uns Drittversuchler kam ob wir bestanden hatten oder nicht.
Ich habe bestanden.
Ich rufe meinen Freund an und sage es ihm, er freut sich tierisch, sagt mir wie stolz er auf mich ist. Und fragt mich was diese traurige Stimme soll, die Stimme die sich anhört als wäre mir gerade was schlimmes passiert. Er weiß ganz genau wieso ich so klinge, wir haben da viel drüber gesprochen und er weiß von meinen Plan B/Plan A Gedanken.
Doch er hat recht, mit dem was er sagt: Ich habe allen Grund mich zu freuen. Nicht nur weil ich nun weiß, dass ich nicht “zu schlecht” für etwas bin und etwas geschafft habe, was eine Hürde für mich dargestellt hat, sondern auch, weil mir jetzt ALLE Türen offen stehen. Ich habe alle Möglichkeiten. Wenn ich gehen will kann ich das immer noch tun, aber wenn ich es doch nicht mehr wollen würde muss ich es nicht. Es gibt kein muss, es gibt nur können und wollen.
Das ich in den Wochen vor der Prüfung heimlich den Wunsch hatte durchzufallen kann ich jetzt gut verstehen. Es war so eine Belastung und so ein Druck, ich war in so einem Unsicheren Zustand, ich wollte einfach nur Klarheit. Und durchzufallen wäre absolute Klarheit gewesen, weil es dann nur einen Weg gegeben hätte. Es war der Wunsch dass mir einfach eine Entscheidung abgenommen wird, dass mir eine Last abgenommen wird.
Jetzt bin ich glücklich dass dies nicht der Fall ist. Ich bin froh, dass ich bestanden habe. Ich bin froh nun nicht mehr das Gefühl zu haben auf der Stelle zu laufen. Auch wenn ich in meinem Studium deutlich hinterher bin, geht es nun endlich weiter. Und ich habe sehr viel Unterstützung von allen Seiten.
Vielleicht bewerbe ich mich trotzdem noch auf ein anderes Studium, wenn ich nach dem nächsten Semester sehen sollte, dass ich immer noch nicht zufrieden bin. Vielleicht bleibe ich aber auch dabei und mache es einfach fertig.
Ich weiß es nicht, aber ich weiß dass ich alle Möglichkeiten habe und mir alle Türen offen stehen und das fühlt sich gut an.


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