Ich stehe vor meinem leer geräumten Zimmer. 4,5 Monate war das hier mein zuhause, diese 20qm waren mein Schlafzimmer, Wohnzimmer, Esszimmer, ein Ort an welchem ich mit meinen Freunden so viele Erinnerungen schuf.
Die Lichterketten und Kerzen welche meine einzige Dekoration waren sind im Koffer eingepackt, der Kleiderschrank ist jetzt leer.
Voller Wehmut gehe ich ein letztes Mal rauf auf die Terrasse auf welcher wir so viele Partys gefeiert haben, von der wir regelmäßig runtergeschmissen wurden, weil wir zu laut waren. Auf dieser Terrasse haben mich meine Erasmusfreunde mit einer Geburtstagsparty überrascht, die sie über eine Woche geplant und vorbereitet haben, und mit der sie mich schrecklich zum Weinen gebracht haben, weil es mich so glücklich gemacht hat.
Ich genieße ein letztes Mal den Ausblick bei Nacht, wissend, dass ich morgen abreisen werde, zurück nach Hamburg fahren werde. Dass hier und jetzt Erasmus endet und ich fange an ein wenig zu weinen, weil das alles so schrecklich weh tut aber auch so schön ist.
Es tut weh, dass diese Zeit vorbei ist, zu wissen, dass ich paar von diesen Menschen die mich in diesen Monaten begleitet haben wohl nie wiedersehen werde. Es tut weh zu wissen, dass ich, wenn ich mich alleine fühle nicht einfach in Socken über den Flur des Studentenwohnheims laufen kann, um zwei Türen weiter bei meinem kroatischen Kumpel anzuklopfen. Es tut weh sich in Erasmus verliebt zu haben und nun zu wissen, dass der gemeinsame Alltag anders wird wenn 1.400km dazwischenliegen. Es tut verdammt weh ein Leben das man gelebt hat zurückzulassen, wenn man so schrecklich glücklich war und zu wissen, dass man es verlässt, um in ein Leben zurückzukommen, dass so ungewiss ist.
Aber es ist auch schön. Denn irgendwann hat man dann doch genug. Es ist als wäre man den ganzen Tag im aller schönsten Freizeitpark der Welt, aber ab einem Punkt wünscht man sich dann doch etwas Ruhe, sein Sofa und einfach durchatmen zu können. Ich habe in meinem Erasmus viele Freunde dazugewonnen und sich immer auf eine große Gruppe abzustimmen kostet Kraft, da zu sein und auf die Wünsche und Bedürfnisse eines jeden gleichermaßen einzugehen. Irgendwann will man dann einfach nur noch alleine sein, nur für kurz, um mal durchzuatmen.
Durchatmen
Ich schließe die Tür meines Zimmers zum letzten Mal. Packe den Schlüssel in einem Briefumschlag mit meinem Namen und der Nummer meines Zimmers „712 k2“. Einheit 712 im 7. Stockwerk, das zweite von drei Zimmern. Das Zimmer auf das alle so neidisch sind, weil es die schönste Aussicht im ganzen Wohnheim hat.
Bevor ich den Briefumschlag in den Briefkasten des Wohnheimbüros werfe zögere ich. Mache ich das jetzt wirklich? Kann ich das jetzt schon?
Es fühlt sich an als würde ich ein ganzes Leben zurücklassen, und das tue ich ja eigentlich auch. Ich will es ja eigentlich auch, aber nur so halb… Die andere Hälfte will nicht zurück nach Hamburg, die will das Glück festhalten, diese Blase in der man während seines Erasmussemesters lebt.
Ich werfe den Umschlag also doch in den Briefkasten, dann ich habe keine andere Wahl. Unten steht das Auto vollbepackt, es geht jetzt zurück. Ich verlasse das Gebäude so schnell wie möglich und alles was ich will ist los zu fahren Richtung Deutschland. Ich will mich nicht umdrehen, keine letzte Verabschiedung von den Leuten die erst morgen nach Hause fahren.
Draußen gießt es wie aus Eimer, wie an dem Tag an dem ich in Rotterdam angekommen bin, denke ich mir. Ein witziger Zufall, der mich noch wehmütiger macht. Ich steige in das Auto, mein Vater fragt ob ich bereit sei, ich sage Ja und wir fahren los. 500km liegen vor uns und dann wird alles vorbei sein. Dann bleibt nichts außer den Erinnerungen.
Auf dem Rückweg höre ich unsere Erasmus Playlist. Gleich am Anfang haben wir eine erstellt, gefüllt mit den beliebtesten Liedern aus unseren Heimatländern, damit für jeden was dabei ist (und wir nicht immer nur spanische Musik hören). Eigentlich sind das alles Lieder zum Feiern, für gute Laune und fröhliche Stimmung beim Vortrinken. Aber jetzt gerade ist diese Musik für mich einfach nur ein Hammer voller schöner Erinnerungen, und so rollen mir Tränen über mein Gesicht während brasilianischer Funk durch die Boxen im Auto dröhnt. Vor Freunde, vor Wehmut, auch ein wenig vor Angst und Ungewissheit. Aber vor allem vor Dankbarkeit, für diese unfassbare Zeit mit so grandiosen Menschen. Und ich halte diesen Augenblick fest für mich und denke daran, wie schön es doch alles war.
Denke an den Franzosen und an den Spanier, auf die wir immer warten mussten weil sie so lange für ihre Haare brauchten. An den Kroaten und die Deutsche, die gegenüber voneinander wohnten und den halben Tag quatschend im Flur standen und einen kaum losließen wenn man dazugestoßen ist. Ich denke an die Brasilianerinnen und ihre natürliche Gelassenheit und an die Spanierinnen und ihr Temperament. Und ich denke an meine Rolle in dieser Gruppe und bin dankbar. Ich lasse die Tränen zu und denke einfach nur Danke.




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