Der Begriff Mid Life Crisis ist weit verbreitet. Wikipedia erklärt ihn als einen psychischen Zustand der Unsicherheit im Alter zwischen 40 und 50, doch was das genau bedeutet haben sicher schon viele bei anderen beobachten können oder gar am eigenen Leib erlebt.
Was genau eine Mid Life Crisis weiß ich nicht, da ich mit 20 nicht wissen kann wie sich solch eine Phase anfühlt, bin offensichtlich nie in dem Alter oder in der Lebenslage von jemandem gewesen, der sich in diesem Alter befindet.
Ich habe keine Kinder zur Welt gebracht, nicht 10 Jahre in einem Beruf gearbeitet, nie geheiratet, keinen Karrierewechsel vorgenommen und auch sonst weiß ich eigentlich gar nicht, wie das Leben mit 40 oder 50 aussieht.
Stattdessen habe ich mein Abitur gemacht, ein halbes Jahr pausiert und dann angefangen zu studieren. Und genau das mache ich jetzt auch, studieren im 4. Semester.
Und da geht eigentlich auch schon alles mit los.
Ich studiere etwas was ich mir ausgesucht habe, niemand hat mich dazu gezwungen oder mir davon abgeraten, ich habe niemanden damit enttäuscht und es war komplett meine freie Entscheidung in der ich von allen Seiten Unterstützung erfahren habe. Das ist schonmal gut.
In meinem ersten und zweiten Semester habe ich so gut wie nichts auf die Reihe bekommen, da in meinem Privatleben alles anders kam als ich es mir jemals hätte denken können, habe also auf Grund von mangelnder Konzentration nur nur die Hälfte der Kurse geschafft und bin dann für das dritte Semester ins Ausland gegangen, um neue Kraft zu tanken, um mal wegzukommen und voran zu kommen mit meinem Studium. Und das hat auch alles fantastisch so geklappt.
Jetzt bin ich zurück, in meinem 4. Semester und hole die Kurse aus dem 1. und 2. Semester nach, die ich noch offen habe. Im 5. Semester mache ich dann mit den Kursen aus dem 3. und 4. weiter. Und insgesamt hat sich alles so verschoben dass ich nun schon 2 Semester über der Regelstudienzeit von 7 Semestern studieren werde.
“Ok, und wo ist jetzt das Problem?”, werden sich sicher viele Fragen.
Das Problem ist dass ich nachts aufwache, mich hin und her drehe und nicht weiß wohin mit mir, gestresst meinen Laptop öffne, eine Excel Datei erstelle und alle Kurse eintrage die ich noch machen muss und wann ich diese wohl belegen werde um einen Überblick zu bekommen. Um irgendwie das Gefühl von Kontrolle zu behalten, Kontrolle über mein Leben und über mein Handeln. Denn wenn ich eins nicht mag dann ist es das Gefühl zu haben, nicht die komplette Kontrolle über mich selbst zu haben.
Man darf es nicht falsch verstehen: Es passieren unerwartete Dinge, Dinge auf die wir keinen Einfluss nehmen können, die wir einfach nicht ändern können und lernen müssen, mit ihnen zu leben. Dessen bin ich mir bewusst (mehr als ich es mir wünschen würde). Aber ich erwarte, dass unerwartete Dinge passieren, daher empfinde ich es nicht als Kontrollverlust. Es ist einfach Leben. Doch zu wissen dass ich jetzt noch 2,5 Jahre studieren werde, an einer Hochschule die mir nicht gefällt in einem Umfeld, in welchem ich mich einfach nicht wirklich einfinde, das stresst mich. Und dass ich das Gefühl habe alle wären schon viel weiter als ich. Und auch die Sorge davor durchzufallen. Und sowieso die Sorge vor allem.
“Aber ob du jetzt mit 21, 22 oder 26 fertig wirst ist doch völlig egal!”, naja das ist leicht gesagt. Das weiß ich, weil ich es selbst zu meinen Freunden sage, ständig sogar, und ich meine es auch wirklich so, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es überhaupt keinen Einfluss auf mein Lebensglück mit 25+ nehmen wird, ob ich nun 2 Semester früher oder später fertig geworden bin.
Aber für jetzt bedeutet es noch 2,5 Jahre etwas machen zu müssen, dass einem Sorgen bereitet, wo man einfach so ein Gefühl der Unsicherheit empfindet. Und das immer.
Ich habe es probiert mit Meditation, Yoga, Routinen, mit Lerngruppen und verschiedenen Bekanntenkreisen. Geholfen hat es mir noch nicht.
Habe mich an anderen Unis informiert, in Deutschland und im Ausland. Eine wirklich bessere Option (wenn man alles berücksichtigt) gibt es nicht.
Und sowieso, ich habe mich für diesen Studiengang entschieden, ich möchte es lernen, ich möchte dieses Studium beenden. Mich interessiert es auch sehr.
Aber wie soll ich das machen mit diesem Drücken auf der Brust?
Es fühlt sich als als lägen alle Bücher dieser Welt über Kosten- und Leistungsrechnung auf meiner Brust, als gäbe es die höchsten Erwartungen an mich, obwohl keiner irgendwelche an mich stellt, außer ich selbst.
Aber das ist es nicht, ich zweifle nicht daran dass ich meinen Weg gehen werde, dass ich etwas auf die Reihe bekommen werde. Ich habe keine Angst vor der Zukunft, es ist das Gegenteil: Ich will dass sie endlich beginnt!
Es fühlt sich an als würde man auf einer Stelle rennen, auf einem Fleck bleiben und als würde dieser Flecken Erde immer wieder aufbrechen und Tiefen bilden in die ich versuche nicht reinzufallen. Also springe ich von einem Bein aufs andere und weiß eigentlich gar nicht so genau was ich da tue.
Was zum Teufel tue ich eigentlich?
Was zum Teufel tue ich eigentlich als mich selbst unnötig verrückt zu machen?
Und trotzdem hilft all die Vernunft nicht, denn Vernunft hat bekannterweise keine Chance gegen Emotionen die sich in einer Spirale drehen und immer schneller werden und immer mehr Kraft bekommen, bis sie sämtliche Gedanken mit sich reißen und einen nicht schlafen lassen.
Es ist ein Gefühl von Unsicherheit. Aber nicht die Unsicherheit der Zukunft, sondern die Unsicherheit des Jetzts. Ich vertraue auf mich, ich vertraue auf meine Fähigkeiten, meinen Ehrgeiz und meinen Willen, aber meine Angst kennt kein Vertrauen.
Dabei kann ich nicht mal genau sagen wovor ich überhaupt so große Angst habe. Vielleicht davor, weiter auf der Stelle stehen zu bleiben? Durch meine Klausuren durch zu fallen? Dass die Leute aus den Semestern unter einem einen anschauen als wäre man das Kind welches zweimal sitzen geblieben ist? Ich weiß es nicht.
Das Drücken auf der Brust bleibt, das Gefühl von Unsicherheit auch.
Wenn ich die Stelle, auf der ich mich so gefangen fühle, verlassen will, muss ich diese Gefühle jedoch überwinden und nichts hindert mich daran, außer ich selbst. Denn die Person die dafür sorgt, dass ich das Gefühl habe still zu stehen während unter mit der Boden wegreißt in die Tiefen des “Du erreichst gar nichts momentan” und des “Bemerkenswert ist anders”, bin ich. Ich und niemand anders.
Wie sich das Leben mit 40 anfühlt weiß ich nicht, aber ich weiß dass ich mit 40 zurückblicken werde und mir denken werde “All diese Ängste und Sorgen wären doch nie nötig gewesen” und ich weiß, dass ich zurückblicken werde und stolz auf mich sein werde.
Während in einer Mid Life Crisis eher die Unsicherheit vor der Zukunft eine Rolle spielt, ist es bei mir so dass ich Unsicherheit im Jetzt verspüre. Dass ich einfach nur will, dass meine Zukunft jetzt schon hier ist, ohne eigentlich zu wissen was sie für mich offen hält.
Also was ist das hier, eine Quarter Life Crisis? Etwas was man durchleben muss mit 20 um erwachsen zu werden? Was soll ich tun, Selbstfindungs-Trommelkurs auf Bali zu Gong Klängen?
Vielleicht ist alles was es braucht das gute alte Zaubermittel, das schon bei so einigen Dingen geholfen hat: Zeit. Und Akzeptanz dafür, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen.
Und immer wieder wiederholen woran man glaubt. Nicht das, was einen die Sorge oder die Angst versucht glauben zu lassen, sondern wirklich sich selbst vertrauen und die Dinge in die Hand zu nehmen und angehen.
Ich kann mir meine Zukunft schaffen und ich kann versuchen mir sie ins Jetzt zu holen.
Und vielleicht drehe ich mich mit 40 um, dann einen Text schreibend wie ich der Mid Life Crisis auswich, und denke “Du standest nicht auf einer Stelle fest, du hast dich nur in der Startposition für den Lauf deines Lebens befunden”.


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