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Männersport und Frauensport? Sport ist Sport, also wundert euch nicht, wenn ich Sport mag!

Mein Freund ist ein großer Sportenthusiast. Und damit meine ich nicht das Klischee des Mannes der weint, wenn sein geliebtes Fußballteam den Titel (nicht) heimbringt. Nein, der zentrale Punkt in seinem Leben und seine größte Leidenschaft ist der Sport. Jede freie Minute die er hat verbringt er damit die neusten Nachrichten aus der Sportwelt zu lesen, unterhält sich mit seinen engen Freunden über Transfers und Wettkämpfe und besucht, wenn immer es geht, Turniere und Spiele: Beachvolleyball, Fußball, Basketball, Wasserpolo, Eishockey, Tennis… u name it.

Seine Leidenschaft, die so in unserem Umfeld einzigartig ist, ist kein Geheimnis für Freunde und Bekannte, wie sollte sie denn auch? Jeder weiß: Der Sport dieser Welt ist seine Welt, seine Leidenschaft und im Sportbusiness zu arbeiten ist sein Karrieretraum.
Wenn ich Freunde oder Bekannte von ihm zum ersten Mal kennenlerne kommt dieses Thema auch immer zur Sprache. Es eignet sich für Smalltalk und Witze. Dabei scheint den Leuten aber eine Frage so unter den Nägeln zu brennen, die sie mir nach meist relativ kurzer Zeit auch immer stellen:

Sag mal, interessierst du dich denn überhaupt für Sport? Also magst du Sport auch so gerne wie er?

Eigentlich eine völlig normale Frage, auch eine komplett berechtigte. Es ist nachvollziehbar, dass man sich denkt: wenn er so eine ausgeprägte Leidenschaft hat, wie ist das dann für sie – die Freundin? Und es ist auch äußerst aufmerksam sich danach zu erkundigen, wie es mir damit geht.

Doch ich habe diese Frage jetzt schon verdammt häufig gehört. Um genau zu sein jedes Mal, wenn ich eine Person aus seinem Umfeld kennengelernt habe. Ich habe sie so oft gehört, dass ich anfing mir genauer darüber Gedanken zu machen. Und nicht nur über die Frage selbst, sondern auch über die Reaktion zu meiner Antwort.

Denn ja, Sport interessiert mich sehr. Ich habe nicht so eine extreme Leidenschaft fürs Gucken von Sport wie er, aber ich schaue trotzdem sehr gerne Spiele, lerne gerne über Taktiken und vor allem treibe ich selbst sehr viel Sport. Sport ist ein großer Teil meines Lebens, des Lebens meiner Familie und ist es auch immer gewesen. Ja, ich mag Sport, ich liebe Sport. Ich gehe gerne ins Stadion und nicht nur als Begleitung.

Die Reaktion darauf: Erstaunen. Und: “Ach wirklich?” Ja, wirklich.

Als wir vor ein paar Tagen auf dem Weg zu einem Wasserballspiel schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf:

Würden die Leute meinen Freund das Gleiche fragen, wäre die Situation umgekehrt?
Und würden sie genauso überrascht reagieren, wenn er sagen würde, dass er auch gerne Sport mag, wie sie es bei mir tun?

Ich konnte mir diese Frage nicht beantworten, jedoch vermutete ich, dass keiner das fragen würde, dass niemand erstmal annehmen würde, dass diese Leidenschaft eine Belastung darstellen könnte.
Ich fragte meinen Freund nach seiner Meinung und sagte ihm, was ich vermuten würde. Er jedoch schüttelte nur den Kopf und sagte ganz kühl: “Ne, das glaube ich nicht.“
Ich würde weiter gehen als das und behaupten die Leute würden sagen “Wie cool dass deine Freundin sich so für Sport interessiert, da hast du aber Glück gehabt!” und mir wahrscheinlich dabei zulächeln.

Sport ist immer noch “Männersache”. Und das sieht man nicht nur, wenn man die Gehälter von weiblichen und männlichen Athleten vergleicht, sondern auch wenn man auf die Professionalisierung guckt oder auf die Art, wie Frauen im Sport behandelt werden. Und natürlich wie es genannt wird: weibliche Nationalmannschaft, Frauenfußball, Damencurling…

Und auch Interesse am Sport wird eher Männern, als Frauen zugeschrieben. Und ja, wenn man die Gesellschaft betrachtet bekommt man den Eindruck Jungs wären häufiger an Sport interessiert als Mädchen und Frauen. Aber das ist nichts biologisches, nichts genetisches. Ein Mädchen ist nicht durch ihre Biologie weniger an Fußball interessiert, als ein Junge; ein Mann ist nicht genetisch dazu veranlagt lieber vor dem Fernseher zu sitzen und Basketball zu gucken, als eine Frau. Dies ist rein gesellschaftlich. Vermächtnisse aus einer Zeit, in der Frauen nichts im öffentlichen Leben zu suchen hatten. Schon gar nicht im Sport.

Ich verstehe, woher die Frage kommt, ob ich mich denn für Sport interessieren würde. Und ich verstehe warum sie meinem Freund vermutlich nicht gestellt werden würden. Ich verstehe, warum man mich schon fast mitleidig danach fragt und bei es bei ihm eher anerkennender Zuspruch wäre. Ich verstehe warum man bei mir überrascht reagiert, wenn ich ganz natürlich sage: “Ich mag und gucke Sport sehr gerne”. Aber nur weil ich es verstehe, heißt es nicht dass, es mich nicht beschäftigt und gewissermaßen auch stört.

Mich stört nicht die Person selbst, die mir diese Frage stellt. Ich weiß, es geschieht nicht mit böser Absicht und ich weiß, dass denen, die mich fragen, sicher nicht bewusst ist, was diese Frage eigentlich impliziert, wie es mit Sprache im Alltag so oft der Fall ist. Aber mich nervt das System dahinter. Ein System, welches Frauen nicht einfach nur ausschließt, sondern auch diskriminiert.

 

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Reite mehr auf dem Thema rum. Geh mal in die Tiefe, statt hier kurz anzureißen und dann den Artikel zu beenden. Ich wollte mehr lesen! Werd mal richtig wütend!! Hier ist die passende Gelegenheit! Das Thema ist mega gut! 


Hier vielleicht auf Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen Frauenfußball und Herrenfußball eingehen (weil in Deutschland kein Sport so derbst relevant ist, wie Fußball). Damen wurden Weltmeister und kaum einen hat es interessiert.
Frauenfußballer werden Weltmeister und bekommen einen Slipeinlagen Werbevertrag. Herren scheiden in der Vorrunde bei der WM aus und sacken dennoch den Deal für Beats, Autos, Kosmetik und sonstiges ein.
Warum werden Sportarten für Frauen direkt mit „Frauen-XYZ“ gesondert benannt? 

Was verdient ein beruflicher Sportler im Vergleich zu einer Sportlerin?

Gibt es auch „Spielermänner“, wie es Spielerfrauen gibt?

Gibt es Länder, in denen Frauensport gesellschaftlicher akzeptiert ist? Einen vielleicht höheren Stellenwert hat, als bei uns?

Kennst du den Haka? Den rituellen Tanz der Māori? Unglaublich stark und macht mir immer wieder Gänsehaut, so klasse ist der Tanz! Kennst du dieses Video und den Shitstorm, der dadurch ausgelöst wurde, weil der Haka eigentlich den Männern vorbehalten ist?  https://www.youtube.com/watch?v=uzg4rJJNX30 


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Ich will mich nicht erklären müssen, ich will nicht etwas besonderes sein, weil ich eine Frau bin die sportinteressiert ist. Ich will dass das „Frau“ bei „Frauenfußball“ wegfällt. Ich will dass gemeinsam daran gearbeitet wird, dass in Büchern über sportlichen Erfolg nicht 90% der Beispiele Männer sind, obwohl es unglaubliche Athletinnen gibt. Und vor allem will ich nicht mehr diese Frage mit einem mitleidigen Ton gestellt bekommen, als würde man schon annehmen dass die Sportwelt keinen Platz für mich hätte.

 

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