Mein Auslandssemester ist nun schon länger vorbei als es gedauert hat.
Ein seltsames Gefühl diesen Satz zu schreiben, ihn zu lesen. Es fühlt sich ein wenig so an als würde man mir etwas wegnehmen, weil ich nicht will dass mein Erasmus Semester in Rotterdam irgendwann nur noch eine Erinnerung ist, denn Erinnerungen werden mit der Zeit blasser, ungreifbarer. Aber eigentlich ist es das ja schon, eine Erinnerung.
Es fühlt sich an manchen Tagen so an als könnte ich immer noch dahin zurückkehren, als wäre ich nur zu Besuch in Hamburg und als müsste ich bald zum Flughafen, um mit einem 10€ Flug nach Brüssel zu fliegen, dann dort in den Flixbus steigen, in Rotterdam am Hauptbahnhof aussteigen und ganz aufgeregt in der Tram sitzen und mich freuen bald zuhause zu sein. Zuhause in Rotterdam.
Aber da wo ich gelebt habe lebt jetzt jemand anders, in dem Zimmer in dem ich gewohnt habe schafft jetzt jemand anders Erinnerungen, Erinnerungen die ihn wohl ihr/sein Leben lang begleiten werden. Läuft in Socken über den dreckigen Flur um zwei Zimmer weiter bei einer Freundin anzuklopfen und nach etwas Milch zu fragen, oder hört das Klopfen bei sich selbst und vor der Tür steht ein Kumpel, der einfach nur quatschen will weil ihm gerade danach war.
Mit meinen Freunden, die ich in Rotterdam kennenlernte, habe ich immer noch fast täglich Kontakt. In einer Chatgruppe auf Whatsapp schicken wir einander Fotos, schreiben wenn etwas wichtiges passiert oder lachen darüber wenn mal wieder jemand betrunken Selfies in die Gruppe geschickt hat. 13 Leute sind wir und seit Erasmus vorbei ist kommt immer wieder die gleiche Frage auf:
Can we please go back to Rotterdam?
Um zu verstehen was genau wir damit meinen muss man erst verstehen, was genau ein Auslandssemester ist. In meinem Fall war es die absolut schönste Zeit, die ich je erleben durfte.
Es ist eine Zeit, in der du all die Freiheiten eines Erwachsenen hast, ohne gleichzeitig die Verpflichtungen des Erwachsenenlebens tragen zu müssen.
Normalerweise soll es so aussehen, dass man normal die Uni besucht, so wie man es in seiner Heimat auch tut. Aber ich hatte das große Glück in ein Programm geraten zu sein, welches ausschließlich für Gaststudenten gemacht war und praktisch ausgelegt war, so dass ich kaum Unterricht hatte und mir meine Projektarbeit selbst einteilen konnte(die zudem sehr wenig war). All meine engeren Freunde die ich traf kamen auch aus diesem Programm und es fühlt sich an manchen Tagen nach mehr als Glück an, dass wir uns alle so gut verstanden, dass unsere Gruppe funktionierte obwohl wir alle so unterschiedlich waren.
Wir feierten, wir reisten, wir lagen an verregneten Sonntagen auf Matratzen und schauten gemeinsam Filme. Ich verliebte mich, ich ging ins Stadion, ich lernte Leute kennen, ich hatte alle Zeit der Welt um einfach nur das zu tun, was mir gerade in den Sinn kam.
Wir waren so frei wie noch nie lernten jeden Tag dazu, vielleicht nicht unbedingt für die Uni, aber definitiv fürs Leben.
Es war intensiv, aber es war fantastisch.
Als Erasmus zu Ende ging war ich bereit dafür, ich wollte fast schon dass es zu Ende geht weil es mir zu viel wurde. Ich wurde müde von diesem Alltag der so eigentlich keine Realität war, weil wir in dieser wunderschönen Blase lebten, eine Blase in der alles einfach war und eine hedonistische Lebensweise zur Normalität wurde. Ein Leben wie wir es dort gelebt haben ist in unserem „normalen“ Alltag nicht möglich. Und vielleicht ist das auch der Grund warum wir so gerne wieder zurück wollen nach Rotterdam.
Der Gedanke daran, wie glücklich wir waren und dass aller Schmerz den wir hatten schien, als wäre er so viel einfacher zu bewältigen. Es schien so als gäbe es keinen Platz mehr für negative Gefühle in dem Raum unser Emotionen, als würden Glück und Gelassenheit alles ausfüllen.
In Erasmus schien alles so viel einfacher, das ganze Leben schien so viel einfacher. Es war egal welcher Tag es war, wir lebten jeden wie wir wollten. Wir lebten nach dem typischen Satz „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“. Und vielleicht ist es das was man so vermisst, denn zurück in der Heimat stellen wir natürlich Verpflichtungen und Aufgaben vor unsere Freizeit und setzen uns nicht einfach in den nächsten Flixbus nach Paris.
Wir wollen aber nicht unbedingt die tollen Erlebnisse zurück, sondern einfach dieses Gefühl, die Gewissheit dass wir eigentlich tun und lassen können was wir wollen. Diese Einfachheit. Zurück in unsere Blase.
Und darüber zu schreiben fällt mir doch irgendwie schwer denn es scheint mir so als müsste ich neue Wörter erfinden um zu beschreiben, wie diese Zeit war, was genau sie bedeutet hat. Für mich, für die anderen. Ich würde so gerne diese Gefühle, die in mir aufkommen wenn ich sage „can we please go back to Rotterdam?“ einfach weiterschicken können, damit ihr wirklich fühlen könnt was es bedeutet.
Es ist Wehmut, es ist Heimweh, es ist die Hoffnung auf besseres und die Einsicht, dass diese Zeit nie wieder kommen wird. So eine Zeit, so eine Erfahrung sich nie wiederholen wird. Aber es ist auch das Wissen, dass mich noch große Dinge erwarten, Zeiten die besonderes für mich offen halten und ein Leben, welches ich selbst gestalten kann.
Bis dahin bleibt das Gefühl von „can we please go back to Rotterdam?“.

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