„Du bist auch eher so die, die gerne Aufwendiges macht, ne?!“
Ich stelle die Schokobrownies und Cheesecake Cupcakes auf den Buffettisch und schaue sie mit einer Mischung aus Irritation und tausend Fragezeichen im Gesicht an. Der schnippische Unterton und ihr eher neutrales Gesicht machen es schwierig, diese Aussage richtig zu lesen. Das hat sie aber auch schon einmal zu mir gesagt…
„Man kann nicht nicht kommunizieren“ und es gibt 4 Seiten einer Nachricht, die Sender und Empfänger vermitteln und lesen können. Paul Watzlawik, du alter Haudegen… Mit dem Wissen im Hinterkopf und meiner aktuellen emotionalen Sensibilität explodiert es in meinem Kopf. Was will sie jetzt von mir?
Zwei Varianten kommen bei mir an: eine schnippische Feststellung mit der sie mir durch die Blume sagen will, dass ich die anderen, insbesondere sie selbst, schlecht dastehen lasse. Und eine Art verkorkstes Lob… oder so.
Ich lächle sie an, „Naja. 2 Kids, zwei verschiedene Kindergartengruppen – also zwei Gebäckmitbringsel fürs Buffet. Beide Erzieher haben mich in die Mangel genommen, da konnte ich nicht nein sagen…“. Ich zucke mit den Schultern.
„Ja, aber gleich so aufwändig?“, frag sie.
Ich komme noch nicht dahinter, was sie jetzt von mir will. Ich bin innerlich komplett verunsichert und wähle meinen kommunikativen Schutzmechanismus: Fragen stellen.
„Definiere aufwändig.“, fordere ich sie auf und dränge sie mit diesen zwei Worten offensichtlich mit dem Rücken an die Wand, sodass sie in den Angriffsmodus wechselt. Ihr Blick wird kalt: „Zum Einen bringst du zwei Sachen mit. Zum Anderen – was ist das? Cheesecake? Das ist doch unglaublich aufwändig was man da alles machen muss und ich finds etwas übertrieben für ein Kindergartenfest. Aber das ist man ja fast schon von dir gewohnt.“. Ihr schräges Grinsen am Ende läuft mir eiskalt den Rücken hinunter und ich merke langsam, was hier los ist. Die Situation ist mir mehr als unangenehm. Ich breche innerlich zusammen, möchte am liebsten wieder gehen.
Ich bin DIE Mom geworden, die andere in den Schatten stellt. Eine andere Mom fühlt sich von mir übertrumpft und das noch nicht einmal mit Absicht.
„Puh… Karen*, du weißt doch,“ sage ich und quäle mir ein Lächeln ins Gesicht, hole tief Luft und bete, dass meine Stimme nicht bricht, „ich hab das Talent, easypeasy Sachen so aussehen zu lassen, als seien sie mega aufwändig. Küchenmaschine, helfende Kinder in der Küche und es macht sich fast von allein. Wenn alles im Ofen ist, muss man ja zum Glück nicht daneben stehen. Wenn Dir der Kuchen schmeckt, geb ich dir sehr gerne das Rezept! Das ist echt kaum Aufwand!“. Scheiße, das kam arroganter rüber, als geplant… Sie dampft ab.
Am Ende erfahre ich von anderen, dass sie nichts zum Buffet beigesteuert hat.
Und ich? Ich fühl mich kacke.
Es ärgert mich, dass sie mich offensichtlich nicht leiden mag, dass ich am Ende irgendwie arrogant wurde, weil ich innerlich den Mut verloren habe und dass das alles so gelaufen ist. Ich mache mir viel zu viele Gedanken.
„Dir ist schon klar, dass sie neidisch ist?“, sagt mir meine Freundin später via Sprachnachricht. Mir dreht sich der Magen um. Genau das, was ich nicht will, was ich niemals wollte und was genau dazu führt, dass sie und ich vermutlich nicht die besten Freundinnen werden. Es gibt den lustigen Spruch „Du bist nicht nutella, du kannst es nicht allen recht machen!“. Und der trifft hier zu. Ich muss nicht von allen gemocht werden. Aber nicht gemocht zu werden, weil man backt, bastelt und bei bestimmten Dingen einfach Spaß hat? Come on!! Darauf bereitet dich niemand vor, wenn du Eltern wirst!!!
Ja, ich bin die Mom, die gerne eine extra Meile geht. Mehr Aufwand betreibt und auch noch verdammt viel Spaß dabei hat. Bei bestimmten Dingen.
Den ganzen Tag bin ich mit dem Kopf am Arbeiten, denke mir Konzepte aus, schreibe, bin kreativ, arbeite viel in Theorie aus, kann dieses oft erst später umsetzen und es vergehen oft Tage, da stecke ich in mehreren Projekten in der Planungsphase. Ich brauche hin und wieder ein paar Projekte, bei denen ich mich handwerklich, körperlich austoben kann. Ob das nun in meinem Lieblingszimmer in der Wohnung – der Küche- ist oder an der Werkbank. Ich hab da Spaß dran. Ich baue einfach eine Matschküche für die Kids. Und ja, Karen* verdrehte die Augen, als sie das hörte. Und ich backe zum Geburtstag gerne mal einen Kuchen mit 3 Böden. Und es gibt Essen für eine Fussballmannschaft. Jeder kann zum Essen kommen!! Je mehr, umso besser!! Bring noch deine Tante dritten Grades mit!
Das Besucherkind mag das Essen nicht? Ich mach gerne ganz schnell noch was anderes, Kind. Keiner geht bei mir hungrig aus dem Haus.
Geburtstagsparty? Hallo, mein Name ist Partymonster und ich plane deine Party gerne 3 Monate im Voraus! Weihnachtsgeschenke? Hab ich alle schon im Juni gekauft. Und ich habe für alles eine Erklärung! Echt!! Oder nennt sich dann ohne Erklärung einfach #frostkalation.
Ich bin aber auch die Mom, die einfach gerne bastelt. Ich sitze beim elterlichen Laternebasteln in der Runde mit allen anderen und ziehe meine kleine scharfe und spitze Bastelschere aus der Tasche, während die anderen sich mit den halbstumpfen und abgerundeten Kinderscheren abmühen. Leihe sie natürlich sehr gerne aus, bin ja kein Arsch. Und ich bin auch diejenige, die laut sagt, dass jetzt ein Schlückchen Glühwein in der gemütlichen Runde doch ganz nett wäre… Und ernte dafür schiefe Blicke. Whoopsie! Die tätowierte Alkomom spaziert nicht nur mit scharfen Mörderwaffen in der Chanel herum, sondern hat bestimmt auch noch den Flachmann in den dicken Boots versteckt!
Emmas Geburtstag letztes Jahr war der erste, den wir richtig gefeiert haben mit ihren Freunden als Gästen und eben einer richtigen Party. PARTYMONSTER!! Geplant habe ich den Geburtstag im November bereits im Mai, weil ich genau wusste: wenn das Baby auf der Welt ist, habe ich weder Zeit noch Hirnschmalz übrig, um irgendwas zu planen. Und das ist auch schon das Geheimnis. Zeit und ein bisschen Planung. Und ein wenig Vergesslichkeit, weswegen es zu viel Deko wurde…
Von 5 Moms, die ihre Kids vorbei gebracht haben, war nur eine (!), die sagte „Wow, toll!“. Alle anderen sagten etwas in die Richtung „Na, bei uns war die Deko selbstgebastelt.“ oder „Uff, ein bisschen übertrieben, oder?“.
Autsch. Danke. Ich spüre noch die Kaiserschnittnarbe, habe mein Baby vorne in der Trage eingespannt und bin heilfroh, alles on time aufgehängt zu haben. Und dann kommt so ein Tiefschlag nach dem anderen. Danke.
Ich mache das nicht für die Anerkennung anderer Moms, versteht mich nicht falsch. Ich mache das für meine Kinder. Und auch ein bisschen für mich. Ich habe Spaß daran mich auszutoben in Sachen Deko, Basteln und kann mich in Details verlieren. DOWN THE RABBITHOLE! Oft wird währenddessen noch was anderes und aus einem geplanten metaphorischen Mäuschen, wird am Ende doch irgendwie ein Elefant mit Partyhut.
Ich brauche keinen Beifall von anderen, um zu überleben – ich bin nicht Tinkerbell.
Auch mache ich das nicht, damit sich andere Moms schlecht fühlen. Auf keinen Fall! Das ist scheisse und dazu bin ich viel zu empathisch und sensibel und gehe ja schon an so kleinen Kommentaren kaputt oder sie beschäftigen mich tagelang. Ich möchte nicht, dass sich jemand schlecht fühlt, weil ich ne Schippe für meine Kids drauf lege.
Aber ich will auch nicht alles, was ich tue, backe, bastle, etc. dahingehend prüfen müssen, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlt, weil jemand entweder nicht die Mittel, die Zeit oder die Lust für solche Projekte hat. Sorry not sorry!
Aber, Leute… der Hate, der einem entgegen weht, wenn man sich ein wenig abseits der Norm und des Mindestmaß bewegt, nagt ganz schön an der Substanz.
Und es gibt genug Dinge, die ich nicht kann und von denen ich keine Ahnung hab. Die ich mit Anlauf verkacke und wo ich absolut keinen Plan von habe. Aber ich mache andere Leute, die auf diesen Gebieten glänzen, nicht runter. Oder gebe ihnen das Gefühl, dass sie doch mal bitte 5 Gänge runterschalten sollten, damit ich mich jetzt nicht schlecht fühle, nur weil ich diese oder jene Skills nicht habe.
Man kann sich daran abarbeiten, dass sich jemand für Dinge einsetzt, die einen herzlich wenig interessieren, dass jemand in einem Bereich super begabt ist und man selbst an der Stelle dezent talentbefreit ist. Kann man machen. Ist aber scheiße. Und bringt niemandem was.
Sitzen wir nicht eigentlich alle im selben Boot?
Man kann sich aufregen, lästern, Leute runterziehen und ausgrenzen. Kann man machen.
Was aber eine total spannende Sache wäre: Man kann sich mit diesen Leuten anfreunden und – Achtung! – von ihnen lernen oder sich gegenseitig ergänzen. Krass oder?
Man kann die Leute auch einfach ihr Ding machen lassen, man selbst macht sein Ding und vielleicht trinkt man mal einen Kaffee zusammen.
Weil…
Ist es nicht vollkommen Wumpe, ob eine Einladung für einen Kindergeburtstag mit veganem Glitzer, 4 verschiedenen Tonkartons und Gedöns selbstgebastelt oder mit Word am PC geschrieben und schwarz/weiß ausgedruckt ist?
Ist es nicht total egal, ob eine Mom zwei Kuchen mitbringt, während du aus Zeitgründen keinen backen konntest?
Und ist es nicht einfach vollkommen Wurst, ob eine Mom für den ersten Kindergeburtstag ihres Kindes all in geht und du deinen Möglichkeiten entsprechend das für euch Beste rausholst?
Projeziere nicht die Enttäuschung über dein Handeln oder eben nicht Handeln auf andere.
Klar, ich kann jemanden hassen, der mehr Instagramfollower hat als ich oder es sogar noch schafft, neben seinem YouTubekanal, Blog und Podcast ein Buch nach dem anderen zu schreiben. Ich kann mir aber auch eingestehen, dass seine und meine Herangehensweise anders ist, er keine Kinder hat, die seine Aufmerksamkeit brauchen oder mir eingestehen, dass ich einfach zu unorganisiert bin und meine To Dos nicht on time abgearbeitet kriegt.
Vielleicht bin ich manchmal zu sensibel. Spüre, wenn es jemandem kacke geht und biete meine Hilfe an, bevor sie es äußern. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unangenehm es sein kann, wenn man andere um Hilfe bitten muss.
Als Karen* ihr zweites Baby bekommen hat, haben wir angeboten ihre große Tochter zum Spielen zu uns zu holen. Damit sie und ihr Mann mal kurz schlafen können und die Große dann ausgepowert wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart es sein kann, wenn Familie nicht in der Nähe ist und helfen kann. Und ich weiß auch, wie kräftezehrend es ist, wenn das große Kind Entertainment fordert, während das Baby fröhlich vor sich hin kotzt.
Und ich erinnere mich auch, wie sie mich tatsächlich damals belächelt hat, als ich ihr auf die Frage, wie es uns so geht, ganz ehrlich sagte, dass es alles andere als glatt läuft und wir ziemlich strugglen. Solche Erinnerungen kommen dann hoch und ich möchte es ihr gerne unter die Nase reiben. Mach ich aber nicht. Ich will den Kreislauf brechen.
Man kann jetzt natürlich sagen: Frost, du bist halt auch selbst Schuld. Du rennst mit wehenden Fahnen herum auf denen steht „ICH HELFE EUCH ALLEN 24/7 und fordere es von euch niemals zurück!“. So ungefähr sagte mir das meine Freundin. „Du bist zu gut. Und stellst deine Bedürfnisse so weit hinten an, man sieht sie kaum noch.“
Und ich frage mich tatsächlich, ob ich beim letzten Besuch im Kreisssaal meinen letzten Funken Coolness vergessen habe. Warum ich mir das gefallen lasse und mit dem Argument „Ist ja für die Kids…“ begründe.
„Ist Mama happy, ist auch das Baby happy!“ hab ich nicht nur ein Mal in Texten geschrieben. Ich erinnere mich…
Jeden Freitag fahren wir die Kids zum Ballett – haben tatsächlich extra noch einen Sitz gekauft, um ein weiteres Kind mitzunehmen. Jeden Freitag machen wir eher Feierabend und packe einen halben Picknickkorb zusammen, um die Kids zu verköstigen, denn nach einem langen Kindergartentag haben die Mädels Hunger und nach der Tanzstunde erst recht.
Und wenn Karen* dann ihre Tochter abholt, erzählt sie mir von ihrem Stress auf der Arbeit. Ich mache das gerne. Keine Frage.
Würde ich das bei anderen lesen oder hören, hätte ich längst gefragt: Habt ihr sie noch alle?!
Für mich selbst sehe ich das in dem Moment nicht… Online würde ich diese Art Leute irgendwann blocken, denn ich denke mir, wenn sich jemand so intensiv an mir abarbeitet, dann kann das für keine der Seiten gesund sein.
Aber im echten Leben? Wenn man durch die Kids miteinander zu tun hat?
Nur irgendwann spürt man dieses Ungleichgewicht. Erst nur ein ganz kleines bisschen, irgendwann fühlt es sich ein wenig unfair an und dann wird es irgendwann größer und größer und tut echt weh… Und eigentlich möchte ich sie und ihren Mann zum Glas Wein oder Kakao zu uns einladen und mal zur Abwechslung über irgendwas quatschen, was nicht mit den Kids zu tun hat… Ich glaube nämlich, dass wir eigentlich ganz gute Freunde wären.

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