„Sagt mal, habt ihr eigentlich viele Leute, mit denen ihr so tiefgründige Gespräche führen könnt, wie wir jetzt gerade?“, fragt er, als er die Kaffeetasse abstellt. Wir sahen uns mehrere Monate nicht, was man unserem Gespräch aber absolut nicht anmerkte. Es war so, als hätten wir uns erst gestern gesehen und doch so viel zu erzählen, wie eben in mehreren Monaten passiert ist. Gesundheitliche Probleme, Trennung, Selbstfindung, Reisen, viel Arbeit, eine neue Liebe und ein paar traurige Phasen, in denen man einfach nur alleine sein wollte liegen zwischen unserem letzten Treffen. Der Freundschaft hat das keinen Abbruch getan.
Ich überlege kurz, auch Jakob ist in Gedanken. „Ein paar, vielleicht eine Handvoll.“, gebe ich letztendlich als Antwort. Letzten Endes sind es mit der Zeit auch immer weniger Menschen geworden, die ich im engen Freundeskreis habe, denen ich meine Gedanken anvertraue und mit denen ich gerne Zeit verbringe, sowie eben angesprochene „tiefgründige“ Gespräche führe. Zukunftspläne und -Ängste, berufliches und privates. Auch der gesundheitliche Zustand wird mehr und mehr Thema. Wir werden nicht jünger und manche Wehwehchen aus Teenagertagen werden zu kleinen und großen Problemen im Erwachsenenalter. Stress, Unverträglichkeiten, die Suche nach dem ultimativen Weg Geist und Körper in Einklang zu bringen und die perfekte Lösung für eine Work-Life Balance. Sinn des Lebens? Kinder? Ja oder nein? Reicht eines oder doch lieber drei? Wäre es egoistisch, ein Einzelkind großzuziehen? Kann ich mir eine Familie leisten und gleichzeitig mein Leben so führen, dass ich mich nicht für einen Arbeitgeber krumm machen muss und meine eigenen Ziele, Träume und Wünsche verfolgen kann? Schaffe ich es als Selbstständiger eine Familie zu ernähren? Oder brauche ich eine Festanstellung? Was kostet eigentlich so ein Kind? Fragen über Fragen… Und die Feststellung, dass jeder diese Fragen doch individuell für sich selbst beantworten muss und niemand einem eine Entscheidung abnehmen kann. Ob sich unser Freund irgendwann für eine Familie entscheidet oder wir uns für ein zweites Kind – die Sache liegt ganz bei jedem von uns. Aber es tut gut, sich mit jemandem auszutauschen, dessen Gefühlswelt und Situation eine ähnliche ist.
Wo ich auch wieder den Kreis zur Eingangsfrage schließen kann: Je älter man wird, umso enger wird der Inner Circle, der Kreis der Menschen, mit denen man seine innere Gefühlswelt teilen möchte und auch kann, gestrickt. „Kann“, weil nicht jeder in jeder Lage das versteht, was in dem anderen vorgeht. Je mehr Gemeinsamkeiten es gibt, umso mehr Gesprächsthemen lassen sich finden und vertiefen. Man kann nicht immer von einer ausreichenden Empathie des anderen ausgehen, sodass eine völlig andere Ausgangssituation Verständnis für eine andere Lage aufbringen kann. Muss auch nicht. So ist auch das Leben. Manchmal kommen Freunde und Bekannte an eine Stelle in ihrer Freundschaft, da geht einer Links, der andere Rechts und alles ist ok. Manchmal trifft man sich nach einigen Schritten wieder auf dem gleichen Weg, manchmal nicht. Man trifft neue Leute, geht ein Stück oder den ganzen Weg miteinander, andere holen auf, andere machen Rast.
Auch wenn ich teilweise nicht mehr regelmäßig mit alten Schulfreunden, mit denen ich nicht nur die Schulbank drückte, sondern auch so manches dunkles Geheimnis geteilt, Stunden geschwänzt oder die schönsten Abenteuer erlebt habe, spreche, bin ich dennoch dankbar für Facebook und Instagram, denn sonst hätte ich fast verpasst, dass eine meiner damaligen Freundinnen in Australien geheiratet hat oder auch andere ehemalige Schulkameraden bereits mehrere Kinder bekamen. Zu Schulzeiten war unsere Peergroup quasi durch die Klassenkonstellation vorgegeben. Aufgelockert durch Sportvereine oder andere Freizeitaktivitäten. Als Erwachsener gestaltet sich die Peergroup durch alte Freundschaften, Arbeit und private Hobbies und Veranstaltungen – wir haben eine größere Auswahl, andere Möglichkeiten und können unsere Kontakte so gestalten, wie wir das möchten, denn sind nicht durch einen Klassenverband gezwungen, ungewollt miteinander in Gruppen an einer Hausarbeit zu arbeiten oder nebeneinander zu sitzen. Nunja, die individuelle Arbeitssituation eines jeden Einzelnen macht da doch noch einen kleinen Unterschied.
Wir haben zwar als Erwachsene die größere Auswahl, um uns einen Freundeskreis aufzubauen, aber dadurch auch die Qual: Wem öffne ich mich? Wer bringt mir das gleiche Maß an Vertrauen entgegen, wie ich ihm?
Kids heutzutage haben sogenannte „Finstagram-Accounts“, also Fake Accounts, geheime Accounts, die geschlossen und nur einem ganz kleinen Kreis bekannt sind. Quasi das Dark Twitter der heutigen Jugend. Und dort lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf, zeigen sich in verheulten Cry-Selfies oder ungeschminkt, diskutieren Probleme und Gedanken mit ihren engsten Freunden; meist eine Handvoll Leute.
Ich habe es damals, am Anfang meiner Schwangerschaft nicht ganz verstanden, heute schätze ich jedoch den Austausch mit anderen Müttern und suche regelmäßig den Kontakt zu Gleichgesinnten: „Wie ist es so bei euch gewesen?“, „Kennst du das auch…?“ oder „Können wir mal kurz darüber sprechen, wie…“. Und genauso sind wir in dieser Runde das erfahrene Pärchen gewesen in Sachen Familie und Kind und hörten die Fragen, die auch ich schon jeder Mom und jedem Dad gestellt hatte, bevor unsere Tochter auf der Welt war.
Auch ist es manchmal schön, mit anderen in einer Beziehung lebenden Paaren zusammen zu sein, sich auszutauschen, über die gleichen Dinge zu lachen oder zu diskutieren.
Aus einem Lunchdate werden drei Stunden voller intensiver Gespräche mit dem Ergebnis, dass wir uns definitiv bald wiedersehen müssen. Einziger Unterschied zum letzten Mal: Wir haben dazugelernt und direkt einen neuen Termin ausgemacht.

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